Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 17.1902

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theodor charlemont der zeichner
(Jahresausstellung im Wiener Künstlerhause)

DER KUNSTVEREIN DER ZUKUNFT

„Ein jedes Tierchen hat sein Pläsierchen;
haben wir keine Kunst, so haben wir wenigstens
ein Künstchen! Gott ist auch im kleinsten gross.
Welche Kunstgenüsse kann sich der Gebildete mit
einem Fond von 300 Mark nicht verschaffen!
Wie viele mittelmässige Familienväter haben
wir vom Hungertode gerettet! — das Genie bricht
sich selbst seine Wege, wenn es auch seine Produkte
nirgends anbringt.
Wozu Historie? Ein Histörchen, wie erfreut es
zuweilen das Herz des Biedermannes! Dann die
lieben kleinen Genrebildchen! — Und die Damen-
malerei streut Rosen auf unsere Kartoffeläcker.
Wie reizend auch spielen patriotische Gefühle
in das deutsche Familienleben hinein; was kümmert
uns die Mache, welche wir ja doch nicht verstehen,
wenn nur Geist und Gemüt vorhanden sind. —
Es giebt nur ein deutsches Gemüt!
Wir geben dieses Jahr ein Vereinsblatt heraus
„Des Kriegers Heimkehr" und unsere Enkel sollen
sich daran bilden und erfreuen.
■So spricht der Direktor des deutschen Kunst-
vereins und trinkt sein Glas Bier aus.
Gott segne Euch, Herr Stille! —
Amen!"
Bittere Worte sind es, die Anselm Feuer-
bach unseren deutschen Kunstvereinen
gewidmet hat; den Kunstvereinen der sechziger
Jahre, nicht denen von heute, und gewiss
war sein Urteil selbst für die damaligen Zu-
stände einseitig, ja in mancher Beziehung
ungerecht, da er nur die Fehler hervorhob

und die unbestreitbaren Verdienste überging.
Trotzdem ist und bleibt diese herzerfrischende
Festnagelung eines verständnislosen Kunst-
philisteriums eine der köstlichsten Stellen in
Feuerbachs „Vermächtnis", und sie behält
auch heute noch in vielen Stücken ihre volle
Gültigkeit, obwohl sich die Verhältnisse in-
zwischen vielfach geändert haben.
Es liegt mir durchaus fern, die Bedeutung
unserer Kunstvereine verkennen oder herab-
setzen zu wollen. Sie sind, namentlich für
die „Provinz", häufig die einzigen Vermittler
künstlerischer Anregung, sie haben für das
Bekanntwerden ernster Künstler, für das Ge-
deihen örtlicher Museen u. dgl. so ausser-
ordentlich segensreich gewirkt, dass sie geradezu
als ein wichtiger Kulturfaktor bezeichnet werden
müssen, ja, sie sind es vor allem gewesen, die
in Zeiten künstlerischen Niederganges wenig-
stens einen gewissen Rest von Kunstinter-
essen bewahrt und herübergerettet haben. Sie
schlechterdings zu verurteilen oder für über-
flüssig zu erklären, wie dies wohl gelegentlich
geschieht, wäre daher ebenso unklug als
ungerecht. Wohl aber lässt sich die Frage
aufwerfen, ob wirklich all die Mängel, die
Feuerbach so scharf gegeisselt hat, seither
ganz ausgeglichen sind, und ob unsere Kunst-

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