Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 17.1902

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WILHELM TRÜBNER

Von Hans Rosenhagen

Es lässt sich leider nicht leugnen, dass die
Anerkennung, die ein Künstler in Deutsch-
land findet, in der Regel im umgekehrten
Verhältnis zu seiner Bedeutung für die grosse
Kunst steht. Je weniger fein und eigenartig
der Maler oder Bildhauer, umso grösser die
Aussicht auf Erfolg. Wie wäre es sonst
möglich, dass gerade die besten deutschen
Künstler — man denke an Menzel, Leibi,
Böcklin oder Thoma — in den Jahren, in
denen die kleinen Talente längst im Besitz
aller Würden und Ehrenzeichen sind, noch
schwer um ihr Ansehen und zuweilen sogar
um ihre Existenz haben kämpfen müssen.
Und steht ihr Ruhm denn jetzt schon bei
der Menge wirklich fest? Die Mahnung:
Ehrt eure deutschen Meister! klingt immer
wieder an taube Ohren. Eine plumpe Weih-
rauchverschwendung beim Tode — damit
glaubt man die Schuld an den Genius bezahlt.
Im übrigen fährt man fort, die Halbkunst
zu bewundern und die schöpferischen Kräfte
unbeachtet zu lassen.
Die grossen Künstler haben ihre Genug-
thuung erst nach dem Tode. Das Werkzeug
der Rache ist der Kunsthandel. Wie sind
Böcklin, Feuerbach, Leibi und Manet an
denen gerächt worden, die einst mit Achsel-
zucken an ihren Werken vorübergingen ! Der

Kunsthandel hat die Verächter der hohen
Kunst an der Stelle gestraft, wo sie am em-
pfindlichsten sind: an ihrem Geldbeutel.
Zu den deutschen Künstlern, an deren
Bedeutung nicht zu zweifeln ist, die aber
trotzdem der Beachtung ihres Volkes nicht
teilhaftig werden, gehört leider auch immer
noch Wilhelm Trübner. Dass er einer
der Träger deutschen Wesens in der Malerei
ist, hat man eigentlich erst auf dem Umwege
über Leibi erfahren. Mit der Erklärung der
Trübnerschen Kunst aber aus der Leibis
kommt man jener doch nur in bedingter
Weise näher; denn wenn Trübner nichts
wäre, als eine veränderte Ausgabe von Leibi,
so hätte man kaum nötig, ihn besonders
hochzustellen. Was die beiden zu Anfang
ihrer Thätigkeit vereinigt hat und sie ähnlich
erscheinen lässt, ist in der Hauptsache das
gemeinsame Verhältnis zu Courbet. Bei der
weiteren Entwicklung ist jeder von ihnen
seinen eigenen Weg gegangen, und während
Leibi mit seinem berühmten Bilde „In der
Kirche" schliesslich auf einem toten Punkt
anlangte, von dem aus es für ihn kein Weiter
gab, ist Trübner bis jetzt in seiner Richtung
stetig vorwärts geschritten und, ohne seine
Eigenart zu opfern, den Bestrebungen der
Gegenwart ganz nahe geblieben. Ein Mit-

I>ie Kunst für Alle XVII. 16. 15. Mai 1902.

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