Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 17.1902

Seite: 434
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^-ss2> BERLINER SECESSION -CSö^

Stellungen wichtiges Moment: Die Möglich-
keit, zu erkennen, welche neuen Gedanken
und Probleme die Kunst beschäftigen. Die
gegenwärtige Ausstellung der Berliner Se-
cession bietet nach dieser Seite reichlich
Gelegenheit, Beobachtungen zu machen. Der
Einfluss, den die Münchener Kunst jahr-
zehntelang auf die deutsche Kunstentwicklung
ausgeübt, beginnt merkbar nachzulassen. Man
sieht nicht mehr viele von den sonst üblichen
Ausstellungsbildern. Die Begeisterung für den
virtuosen Strich, für die Malerei als Selbst-
zweck erscheint stark abgekühlt. Man erzählt
weniger und beobachtet schärfer. Die Studien
verschwinden und die rohen Dekorationen.
Immer deutlicher tritt die Neigung, Bilder
zu malen, hervor; aber nicht in dem alten
Sinne, sondern mehr nach der Richtung des
„morceau", des malerischen Leckerbissens.
Es lässt sich in Berlin eine Renaissance des
Impressionismus feststellen. Freilich nicht
jenes Impressionismus, den in München
Böcklin und Stuck, in Berlin Ludwig von
Hofmann und Leistikow gestürzt haben, jener
aufdringlichen Art, deren Vater Bastien-Lepage


aug. neven du mont selbstbildnis
Ausstellung der Berliner Secession

war. Man hat Manet entdeckt und durch
ihn die Dinge neu sehen und darzustellen
gelernt. Die Bilder, die nach der Invasion
der Schotten, nach den Erfolgen Böcklins
und Stucks gobelinartig, bunt oder schwärz-
lich geworden waren, spuken nur noch in
einzelnen Exemplaren in dieser Ausstellung.
Im allgemeinen malt man hell; aber diese
hellen Bilder thun dem Auge nicht weh,
sie sind farbig und infolge ihres Nuancen-
reichtums sehr tonschön. Nach der Seite
der guten Malerei sind die grössten Fort-
schritte gemacht. Allerdings darf nicht ver-
schwiegen werden, dass die Wirkung in einer
ganzen Reihe von Fällen durch Aeusserlich-
keiten erreicht wird. Zunächst jedoch kann
die sich in solchen Arbeiten aussprechende Be-
wunderung des jüngeren Künstlergeschlechts
für Manet noch als Gewinn bezeichnet wer-
den; denn sie bedeutet eine Verfeinerung
des Geschmackes und lässt einer Weiter-
entwicklung ganz anders Raum, als wenn bei
den alten Meistern, bei Böcklin oder Thoma
eingesetzt wird. Manet selbst bleibt uner-
reichbar, aber seine Anschauung ist ohne
Zweifel noch absolut zeugungskräftig. Auf
fruchtbarsten Boden ist sie bei Slevogt ge-
fallen.
Nichts könnte besser beweisen, dass Max
Slevogt eine starke Individualität ist, als die
Art, wie er sich mit der durch Bilder Manets
empfangenen Anregung auseinandergesetzt
hat. Man erinnere sich, wie schwer und
zähe bei aller Schönheit die Farben seiner
ersten Bilder waren. Die Beschäftigung mit
Freilichtproblemen, von der im letzten Jahre
eine ganze Anzahl von interessanten Doku-
menten vorlag, hat diesen materiellen Mangel
völlig behoben. Es ist Duft und Leichtigkeit
in Slevogts Farben gekommen, ohne dass
darum das Wesen seiner Kunst eine Aen-
derung erfahren hätte. Eine überraschende
Probe bot bereits sein im Winter bei Cassirer
ausgestellt gewesenes und auch hier wieder
vorhandenes Bild „Sommermorgen". In noch
stärkerem Masse aber tritt der gemachte
Gewinn in seinem letzten Werke, dem (auf
nebenstehender Seite abgebildeten) „Cham-
pagnerlied", hervor. Es ist kein Freilichtbild,
dieses Porträt von Francesco d'Andrade.
Es ist in Bühnenbeleuchtung gemalt. Der
berühmte Sänger steht zwischen Coulissen vor
einem Gartenprospekt. Im weissen Atlas-
kostüm des Don Juan, hat er eben mit sieg-
reichem Lächeln den letzten Ton der Mozart-
schen Arie gesungen, schwingt grüssend in
der Rechten seinen weissen Handschuh und
scheint den Beifall der Zuschauer im Ohr

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