Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 17.1902

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-ü-4^> DENKMÄLER —

VERMISCHTES

LJANNOVER. Das dem verstorbenen Psychiater
Geh. Sanitätsrat Dr. Ferdinand Wahrendorf in
dem benachbarten Dorfe Ilten errichtete Denkmal
wurde am 25. Mai enthüllt. In seinem architektonischen
Aufbau wurde es nach den Entwürfen des Architekten
Börge.mann hergestellt, die plastischen Schmuck-
stücke sind nach den Modellen des Bildhauers Roland
Engelhard, Hannover, in Bronze gegossen. Das
Monument besteht aus einem sechs Fuss hohen
Obelisken, der sich aus einem halbkreisförmigen
Mauerrund erhebt. Die Büste Wahrendorfs steht
auf einem pfeilerartigen Ausbau untereiner baldachin-
artigen Ueberdachung, über der das Bronzerelief der
Gattin des Verstoibenen angebracht ist. Seitlich
sind an der Abschlusswand zwei Reliefs eingelassen,
welche die Pflege der Kranken in der Anstalt und
ihre Beschäftigung im landwirtschaftlichen Betriebe
zur Anschauung bringen. PI.
CISENACH. Das auf der Göpelskuppe, gegen-
^ über der Wartburg errichtete Burschenschafts-
denkmal ist am 22. Mai eingeweiht worden. Das
in Kalkstein aufgeführte Werk zeigt sich als ein
etwa 36 m hoher antiker tempelartiger Rundbau von
neun mächtigen dorischen Säulen und kuppelartigem
Oberbau, der mit in Stein gehauenen Adlern und
Charakterköpfen berühmter deutscher Männer ge-
schmückt ist. In der inneren Halle, die einen
Durchmesser von 9 m hat, haben die 2,70 m hohen
Bildsäulen des Grossherzogs Karl August von
Sachsen-Weimar-Eisenach, des Beschützers der
deutschen Burschenschaft, Kaiser Wilhelms I., Bis-
marcks, Moltkes und Roons Aufstellung gefunden,
zwischen ihnen sind vier Gedenktafeln mit den
Namen der 1864, 1866 und 1870/71 gefallenen
Burschenschafter angebracht. Ein Deckengemälde
stellt den Kampf der Asen mit den bösen Mächten
dar und symbolisiert so das Anbrechen einer neuen
Zeit. Mitarbeiter sind dem Schöpfer des Denkmals,
Architekten Wilhelm Kreis in Dresden, die Bild-
hauer Selmar Werner, August Hudler und August
Schreitmüller in Dresden, Hermann Hosaeus in
Berlin, sowie Professor Karl Gross und Professor
Otto Gussmann in Dresden gewesen.
VERMISCHTES
TARESDEN. Abendmuseen und Schausammlungen. In
*~* der König-Geburtstags-Nummer des sächsisch-
konservativen Wochenblattes »Das Vaterland« spricht
Woldemar von Seidlitz, der vortragende Rat der
kgl. Sammlungen für Kunst und Wissenschaft, über
die Wünsche, die in der Presse laut geworden
sind hinsichtlich besserer Nutzbarmachung der
Kunstsammlungen für das Volk. Den Wunsch, dass
die Museen um der Arbeiter willen auch des Abends
geöffnet werden, hält er für erfüllbar. Doch ist
hierfür Voraussetzung, dass den Besuchern auch
eine mündliche Einführung in das Wesen der Kunst-
werke dargeboten werde. »Eine solche Einführung
in das Verständnis des Gebotenen wird durch die
Beamten der Sammlungen erstmalig zu geben sein,
aber nicht vor dem Publikum selbst, dessen Be-
dürfnissen zu genügen ihre Kräfte keineswegs aus-
reichen, sondern vor einer Schar von Helfern, die
bereit sind, das Gehörte weiter zu übermitteln.«
(Solche Führungen haben unseres Wissens schon
seit langen Jahren im Thorwaldsen-Museum zu
Kopenhagen stattgefunden. Im Albertinum zu Dres-
den unterrichtet Georg Treu alljährlich Lehrer
höherer Lehranstalten in Ferienkursen. Der Dresdner
Goethebund veranstaltete in der Internationalen
Kunstausstellung Dresden 1901 sechs Arbeiterfüh-

rungen durch Paul Schumann, im Frühjahr 1902
vier Arbeiterführungen im Albertinum durch Karl
Meissner. Im Museum zu Kassel wohnten wir
eines Sonntags früh einer Führung durch eine Dame
bei. Archäologische Ferienkurse giebt es in Berlin,
München, Heidelberg u. s. w. Man sieht, es sind
vieler Orten Ansätze vorhanden, die nur benutzt
zu werden brauchen. Dass solche Führungen un-
umgänglich sind, ergiebt sich aus dem Andränge
dazu. Das Bedürfnis dazu besteht vor allem in
Arbeiterkreisen, in denen ein starker Drang nach
Bildung lebendig ist. In den darüber liegenden
Schichten giebt es weite Kreise, die jeden Kunst-
sinnes und jeden Kunstbedürfnisses bar sind.) An
zweiter Stelle bezeichnet W. v. Seidlitz es als mög-
lich, jede Sammlung in eine Schau- und eine Stu-
dien-Sammlung zu trennen. In naturwissenschaft-
lichen Sammlungen ist diese Einrichtung schon
hier und da getroffen. Auch die Kunstsammlungen
sind unübersichtlich und eintönig, und sie verfehlen
infolgedessen für den ununterrichteten Besucher
ihren Zweck vollständig, denn er wird nur verwirrt
und langweilt sich. Systematik und Vollständigkeit
haben nur für die Wissenschaft Wert, werden aber
weder vom ungebildeten noch vom gebildeten Pub-
likum verlangt, das in den Museen Stätten der Be-
lehrung, der Anregung und des Genusses erwartet.
Diesen berechtigten Wunsch kann man am besten
durch eine Schausammlung erfüllen, welche nur
die besten Kunstwerke, diese aber in künstlerischer,
weiträumiger Weise aufgestellt, umfassen muss.
iAuf eine strenge Sonderung der einzelnen Samm-
lungsgebiete braucht dabei gar nicht gesehen zu
werden; im Gegenteil kann es nur günstig wirken,
wenn Gemälde, Statuen und sonstige Kunstwerke
in einem und demselben Raum vereinigt werden;
ebenso die Andenken an die einzelnen Landesfürsten,
welche jetzt über verschiedene Sammlungen verteilt
sind, weiterhin die Hauptformen der Natur aus den
verschiedenen Reichen und anderseits die Haupt-
erzeugnisse des Kunstfleisses der einzelnen Erdteile.«
Der verbleibende Teil der Sammlungen sollte dann
nur zu Studien und im übrigen unter gewissen Be-
schränkungen der Oeffentlichkeit zugänglich gemacht
werden. Dazu müssten wechselnde Sonderausstel-
lungen kommen. Für die Provinzstädte endlich em-
pfiehlt Seidlitz, eigens Kunstwerke zu Wanderausstel-
lungen anzuschaffen. Den Gedanken, diese von den
grossen hauptstädtischen Sammlungen aus zu ver-
anstalten, lehnt er ab. Es ist aber überhaupt hoch
erfreulich, dass die Gedanken der wirklichen Be-
nützung unserer Kunstsammlungen zur ästhetischen
Erbauung in den massgebenden Kreisen solche
Förderung finden. *

KUNGERS BEETHOVEN
Wir sehn erstarrt den wundervollen Block,
Der wie ein Alp auf dir gelegen,
Klinger,
Wohl manch Jahrzehnt. —
Noch wogt die Meinung, droht der Menge Hass;
Erschüttert wie vorm Ausbruch der Natur
Entringt sich langsam schweigendes Verstehn. —
Einsam wie alles Grosse ragt er auf,
Dem Schmerz benachbarter als sanfter Freude;
So recht im Sinne dessen, der allein,
Genius belastet unter uns gewandelt.
So recht im Sinne dessen, dem ein Gott
Die Sprache gab,
Zu sagen was er leide.
Carl Beger

Redaktionsschluss: 31. Mai 1902. Ausgabe: 12. Juni 1902.
Herausgeber: Friedrich Pecht. — Verantwortlicher Redakteur: Fritz Schwartz.
Verlagsanstalt F. Bruckmann a.-o. — Druck von Alphons Bruckmann. Sämtlich in München.
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