Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 17.1902

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-*-S35> BERLINER SECESSION <^=^

mit einer „Sandalenbinderin" (Abb. s. S. 460),
jener mit einem grossaufgefassten „Athleten",
in den Kreis der Bestrebungen, deren Richtung
der mit der prächtigen Büste Wilhelm Bodes
(Abb. 1. Jahrg. S. 398 u.399) vertretene Adolf
Hildebrand derPIastik vorgezeichnet. August
Gaul stellteinen prächtigen „Strauss" und eine
„Gänsegruppe" aus. Von Münchener Künst-
lern bemerkt man Th. von Gosen mit seinem
„Heinrich Heine" (Abb. s. S. 449), Taschner
mit einem humorvollen Vagabunden (Abb. s.
S. 452), Mathias Streicher mit der Statuette
des „bewaffneten Friedens" (Abb. s. S.453). Der
Belgier Minne, in dessen Arbeiten sich die
steife Grazie der Gotik mit modernem Raffine-
ment mischt, hat ausser einigen seiner lang-
gezogenen, aber gut verstandenen Akte, seinen
grossempfundenen, eine merkwürdige breite
Silhouette gebenden, lotenden „Maurer" aus
der Gruppe „Die Erbauer der Städte" gesandt.
Das Feinste an Plastik hier stammt aber wieder
von Auguste Rodin. Seine köstliche kleine
Marmorgruppe „Versuchung des hl. Antonius"
(Abb. s. S. 461) — sie zierte im Frühjahr bereits
die Ausstellung von Georges Petit in Paris —


fritzklimsch bildnisgruppe
Ausstellung der Berliner Secession

hat wie fast alle der besten Sachen Rodins, einen
unglaublichen Reiz in der scheinbaren Halb-
fertigkeit, die doch im Grunde die höchste
Vollendung ist, weil sie die Form durch-
geistigt, sie mit dem Pulsschlag des Lebens
erfüllt und dem Marmor so etwas wie Farbe
giebt. Die Gestalt des Mönches, der sich in
brünstigem Gebet zu Boden geworfen hat, um
der Verführung zu entgehen, scheint im
Kampf mit den Begierden zu zittern, die
nackte schöne Teufelin, die des Heiligen
Rücken benutzt, um die Pracht ihrer Glieder
zu dehnen, wollüstige Windungen auszuführen.
Eine schwüle Sinnlichkeit überflackert den
Marmor. Rodin ist unzweifelhaft der grösste
aller Rundplastiker. Von welcher Seite man die
Gruppe auch betrachtet, immer hat man durch
den vollendeten Rhythmus aller Linien ein herr-
liches Bild. Kaum minder schön ist die Bronze-
gruppe „Der Traum", ebenfalls ein dos-ä-dos
von Mann und Weib, nur dass in diesem Falle
jener oben, das Weib, das im Fluge dahinzu-
gleiten scheint, unten liegt. Sie trägt ihn auf
ihrem Rücken fort. Mit zurückgeworfenen
Armen tastet der Entführte nach den Formen
seines holden Traumes. Ein Wunderwerk!
Die Malerei des Auslandes giebt der Ausstel-
lung dieses Mal nur eine Nuance, kein Gepräge.
Auch ist das Beste davon nur für Kenner
und ein sehr kleines Publikum. Was sieht die
Mehrzahl der Besucher den fünf prachtvollen
kleinen Manet's, dem „Selbstporträt", dem
„Stieraufder Weide"(Abb.s.S.461), den beiden
Reitern, dem „Garten" ab? Dergleichen ist
zu fein, zu einfach, um zu imponieren. Und
auch mit Edv. Münch wissen die meisten
nichts anzufangen. Sie sehen in seinem zu
einem Friese im ersten Saale der Ausstellung
vereinigten Lebenswerk eher eine Verhöhnung
des Hergebrachten, als eine Offenbarung neuer
Schönheit. Sie haben kein Gefühl für die
koloristische Begabung, die dazu gehört, mit
den allerstärksten Farben zu operieren, ohne
bunt zu wirken, ja gewissermassen noch
Tonigkeit zu erzeugen. Sie begreifen nicht,
dass der Verzicht auf die Darstellung von
Details eine notwendige Folge von Münchs
dekorativen Absichten ist. Sie erkennen nicht,
dass hier durch die Vereinigung von brutaler
nordischer Farbenlust, Anregungen Manets und
Neigung zur Träumerei etwas ganz Eigenartiges
entstanden ist. Münch, was man auch gegen ihn
sagen kann, bleibt ein eminenter Künstler, der
Neues aus der Wirklichkeit entnahm, aber auch
Neues in sie hineingelegt hat. Wer Werke
wie die beiden nordischen „Sommernächte",
das Porträt Przybyszewskis, „Die Strasse" und
„Das Sterbezimmer" (aus dem Cyklus „Lebens-

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