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Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 62.1911-1912

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Steinlein, Stephan: Zu den Arbeiten Hermann Schwabes
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https://doi.org/10.11588/diglit.6844#0097

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Zu den Arbeiten Hermann Schwades.

Iu den Arbeiten Hermann
Schwakee.')

leich vielen anderen Innenarchitekten
kommt Hermann Schwabe von der
Malerei her. Über Kunstgewerbeschule,
Akademie und Jahre freien Studiums
und Schaffens führte ihn fein Weg zu
seiner heutigen vielgestaltigen Tätigkeit, die noch
durchaus nicht als abgeschlossen und endgültig in ihren
Ergebnissen betrachtet werden soll und darf. Steht
der Künstler doch erst am Beginn der Vierziger. Die
Illustrationen geben einen Überblick über zehnjährige
Arbeit. Als seine letzten, reifsten Schaffensproben sind
die Innenarchitekturen des von petzschsn Schlößchens
in Lichtenhof anzusprechen jAbb. ^0—s^6). Zu seiner
weiteren glücklichen Entfaltung seines Könnens möchte
es wohl dienen, vor ähnliche und größere Aufgaben
noch bald gestellt zu werden, die ihm erlaubten, seine
bis heute gewonnenen umfassenden Erfahrungen, sein
von unten herauf geschultes Können in volle Wirk-
samkeit zu setzen. An den überaus glücklichen takt-
und geschmackvollen Raumgestaltungen des von petz-
fchen Schlößchens bewies er in größerem Umfange
fein Anrecht, innerhalb großzügiger Projekte durchaus
am Platze zu sein.

Das beste, was über die letzten Arbeiten des
Künstlers zu sagen wäre, ist dies, daß sie gar nichts
von vordringlicher fubjektivistischer Formen-Willkür
und Griginalitätssucht an sich tragen, was sich aller-
dings erst deutlicher an der Behandlung des archi-
tektonischen Detailwerkes seiner letzten Arbeiten er-
kennen läßt. Es ist ein Gemeinplatz, mag aber nicht
weniger eben darum hier ausgesprochen werden, 'daß
innerhalb des innenarchitektonischen Schaffens ver-
schiedener Künstler Gemeinschaftliches heute längst un-
verkennbar ist, eine ästhetische moderne Konvention,
innerhalb deren Formenbehandlung eine gewisse
Stabilität erreicht wurde, trotz aller Möglichkeiten
der Bewegungsfreiheit des einzelnen. Damit berührt
sich das Beste alles heute selbständig wieder Möglichen,
mit dem Erlesensten vergangener Perioden. Immer
gewahrt man persönliche Freiheit und Bindung an
Allgemeines, im ernstesten Sinne Konventionelles,
gemeinsam wirkend.

®) vergleiche hierzu die vorstehenden Betrachtungen „Über
Konventionen, Tradition und Moderne".

Jede Auflehnung gegen starr gewordene Tradi-
tionen sucht diese notwendig zu negieren, ja ernstlich
zu zerstören und strebt doch, wenn auch ohne anfäng-
liches Wollen, letzten Endes wieder zu neuen Kon-
ventionen. Es ist eben keine große weitwirkende
Kunst jemals ohne tragende Konvention möglich.
Auf keinem Kunstgebiete, weder in der Literatur noch
in der Malerei, verlor der kapitale Irrtum einer
äußerlichen, um ihrer selbst willen konsequenten natura-
listischen Kunstlehre so rasch jeden Kredit und damit
auch dauernde Nachfolge, wie in den der Architektur
ungehörigen und verwandten Gebieten, der dekora-
tiven, malerischen und plastischen Raumgestaltung.
Pier mußte man verhältnismäßig rasch schon nach
den ersten revolutionären Versuchen erkennen, daß
unmittelbare Naturnachahmung, das Pereinziehen
eines flachen wenn auch noch so konsequenten Natura-
lismus nur eine höchst zweifelhafte Wahrheit sei.

Den Innenarchitekten stellte sich schon bei den
ersten naturalistischen Materialisationsversuchen ihrer
revolutionierenden ästhetisch formalen Absichten der
eigenartige Charakter der verschiedenen Baustoffe,
besonders die Rücksichten auf konventionelle Formen-
gebung und Behandlung des polzes entgegen. Bald
mußte sich auch zeigen, daß die Baukunst, und alles
zu ihr Gehörige, nicht Erlaubte allen Konventionen,
die innerhalb dieser Sphäre mächtiger als irgendwo
sonst sind, abzusagen, wenigstens nicht ohne folgen-
schwere bald genug nicht zu leugnende Mißgriffe. Man
mußte erkennen, daß hier die freischaltende Beweg-
ichkeit im rein formalen, ganz insbesondere aber
naturalisierende Tendenzen, kurz allzuzersetzender Sub-
jektivismus und Griginalitätssucht auf harte Begren-
zungen stieß, die zur Bändigung und Unterordnung
zwingend nötigten. Pier mußte der Wille zur origi-
nellen Idee, die allzu persönliche Erfindungsgabe
auf Schranken wie nirgend sonst in den freien
Künsten stoßen, denn die abstrakten Bauformen bis
in ihre letzten Gliederungen hinein waren ja durch
Bemühungen ganzer Perioden und Generationen
entstanden, waren nie der Schaffenskraft oder frei-
schaltender Willkür eines einzelnen entsprossen. Sie
trugen im Grundelementaren ihrer Einzelformen
das Gepräge des statisch-konstruktiven Vermögens
und instinktiv abwägenden Gestaltens, weit in die
Vergangenheit hinabreichender Tätigkeit ganzer Reihen
von Geschlechtern, waren in ihren gebändigten Fornien
extraktive Ergebnisse halb instinktiver, halb errech-

(45 und (46. Wohnzimmer und Schlafzimmer aus dem von Petzschen Schlößchen.

Nach Entwurf von fferm. Schwabe, ausgeführt von Franz Sünder mann; Schnitzereien im Wohnzimmer von Karl
Lehmann. — (45. Nußbaum, altbraungelb, poliert; Gobelintapeten in altgrün; Möbelbezug grünschwarz gemustert. —
(46. Weichholz, Lmailanstrich. Säulen Kirschbaum. Wand- und Möbelbezug bedrucktes Leinen in gelb, grün, lila.
 
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