Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Hrsg.]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 62.1911-1912

Seite: 99
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Richard Throll.

einigende Bewußtsein angespornt werden soll, dem-
selben hohen Zwecke dienen zu können und zu müssen.

<£s soll die Losung heißen: „Getrennt mar-
schieren, aber vereint schlagen", damit gegen das Un-
echte und schlechte einzig den Lieg erringe und ihn
behaupte: das Wahre, Gute, Schöne.

(Richard T Kroll.

)ein Gebiet der bildenden Künfte hat
bis vor kurzem so wenig Pflege
gefunden wie das Gebiet der de-
korativen Walerei. Es ist
ja richtig: den Künstlern fehlen
die großen Wände, auf denen sie
sich ausleben könnten. Aber in der Hauptsache steht
schon die ganze Richtung der modernen Malerei mit
dem dekorativen Arbeiten innerlich in Widerspruch.
Der moderne Waler ist auf eine Richtung einge-
schworen, die auf die gedankliche Erfindung, auf die
Einbildungskraft des Schaffenden blutwenig gibt.
Ihm ist es nur darum zu tun, den Eindruck festzu-
halten, den das empfängliche Auge vom Spiel der
Lokalfarben mit den nach Tages- und Jahreszeit ver-
schiedenen Licht- und Lufttönen erhält. Dem Zm-
presfiouisten sind Erde, Pflanzenwuchs und Wasser,
Wenschen und andere Körpergebilde nur Töne, die
in ihrer Dunkelheit das Licht aufnehmen und gebrochen
zurückwerfen. Diese Darstellungsweise, die ausGemüts-
wirkungen nicht spekuliert, ist im Staffeleibild recht in-
teressant, für die dekorative Walerei eignet sie sich aus
dem Grunde nicht, weil das gemalte Spiel von Licht
und Luft eine starke Perspektive und Körperhaftigkeit
hervorruft, welche das flächige der Wand unrettbar
zerstören muß. Seit Delacroix kann man alles
darstellen und das „Wie" steht vor dem „Was".
Aber auch dieser Satz der modernen Waler paßt
nicht für die dekorative Walerei, denn es wäre
jammerschade um die aufgewendete Wühe, für die
oft nur als Füllsel eingefügten Details und die vielen
unvermeidlichen Wiederholungen einer Raumaus-
malung allen Fleiß nur auf technische Ausführung
zu verwenden.

Wan mag also die Sache drehen und wenden
wie man will, immer wieder kommt man auf den
Ausweg, der dekorativen Walerei statt der neben-
sächlichen Form vor allem einen Zn halt zu geben,
sie, die im Raum unsere ständige Umgebung sein
soll, durch Vergeistigung existenzberechtigt und er-
strebenswert zu machen. Die Forderung ist nicht
einmal so uninodern. Werden doch schon in der
sog. hohen Kunst Stimmen laut, die es lebhaft be-
klagen, daß unter der Ära des künstlerischen Naturalis-

>60. Aus der Auer Bergkirche; Architektur von Gebrüder
Rank, Ausmalung von Rich. Th roll.

mus die Einbildungskraft in den Seelen der Kunst-
fchaffenden so lebensschwach geworden ist. Wan
erinnert uns, daß die Kunst selbst die natürlichen
Dinge zu Zdealgebilden verklären könne, die die Natur
allein gar nicht zu bieten vermag. Wan erinnert
uns, warum das Anschauen so vieler Bilder uns völlig
kalt läßt, obwohl sie virtuos gezeichnet sind und ein
korrekt durchgeführtes Farbenproblem darstellen. Die
Idee des Bildes ist eben nur mit dem Verstände zu
begreifen, nicht aber mit der Empfindung zu erfassen.
Ich glaube, diese Stimmen haben vielfach recht.

Wir brauchen für unfern allzu nüchtern gewor-
denen Alltag eine Kunst, die — aus dem Herzen
geschöpft — wieder zum Herzen spricht und die sinn-
liche Freude an: Kunstwerk ohne Kommentar in eine
geistige des Genrüts übergehen läßt. Ein Waler
nach diesem Geschmack ist Richard Throll, dem
diese Zeilen gelten, ein Künstler, der in seinen Ar-
beiten eine interessante Verschmelzung Schwindscher
Innerlichkeit mit Spitzwegscher Lust und Herzensfrische
bietet. Daß die Vergeistigung auf dem bisher ent-
weder schematisch unbedeutend oder schwerfällig sakral
behandelten Gebiet der dekorativen Walerei ge-
schieht, macht uns seine Künstlerschaft im vorhinein
sympathisch. Angesichts so vieler Wandmalereien,

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