Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 76.1926

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nische Gestaltung ist das, was aus der künstleri*
sehen Naturerforschung ein höheres Kunstwerk
schafft. Das mit Imitativ bezeichnete stellt also
eine der Natur selbst entnommene Formenwelt dar,
welche erst architektonisch verarbeitet zum vollen
Kunstwerk wird. Damit tritt Plastik und Malerei
erst in die allen Künsten gemeinsame Sphäre, aus
der Welt des bloßen Naturalismus heraus, in die
Welt der wahren Kunst.

Überblicken wir die künstlerische Tätigkeit frü*
herer Zeiten, so steht die architektonische Gestalt
tung des Kunstwerkes durchaus im Vordergrunde,
die imitative bildet sich erst langsam aus. Es liegt
dies in der Natur der Sache, denn das allgemeine
künstlerische Gefühl, das instinktive Bedürfnis, aus
dem Stückwerk des Erlebten ein Ganzes für unsere
Vorstellung zu bilden, schafft und waltet mit Ver*
hältnissen direkt aus sich heraus, wie die Musik;
die künstlerische Naturforschung bringt erst all*
mählich ihren immer reicheren Stoff herbei.

Bezeichnend für unsere wissenschaftliche Zeit ist
es, daß eine künstlerisch sachliche Arbeit nicht über
den imitativen Teil hinausgeht. Das architekto*
nische Gefühl fehlt entweder ganz oder begnügt
sich mit einem rein äußerlichen, mehr oder minder
geschmackvollen Anordnen. Mein Bestreben in
diesem Buche geht dahin, diese architektonische
Gestaltung des Kunstwerkes in den Brennpunkt
der Betrachtung zu rücken und die Probleme,
welche die Form nach dieser Seite stellt, zu
entwickeln, als eine notwendige in unserm Ver*
hältnisse zur Natur sachlich begründete For*
derung.

Die Eigenart des Individuums ist dadurch eben-
sowenig angetastet, wie durch den Nachweis des
Anatomen, daß jeder Mensch ein Herz, eine Lunge
etc. hat und haben muß, um lebensfähig zu sein.
Damit wird der unendlichen Mannigfaltigkeit der
individuellen Beschaffenheit nicht zu nahe getreten.
Und ebenso wie wir mit einem gesunden Körper
die kräftige Entwicklung aller generellen Organe
bezeichnen, so daßeben diesekräftigeEntwicklung
eine individuelle Bedeutung erlangt, ebenso zeich«
net sich das künstlerisch angelegte Individuum da*
durch aus, daß es gerade die in der Sache liegen*
den Probleme empfindet und zu einer kräftigen
Lösung führt, und daß sein Werk eine wahre Ant*
wort auf die von der Natur gestellten Fragen gibt.
Daß je nach der Individualität dies oder jenes Pro*
blem mehr in den Vordergrund tritt und als Haupt*
problem gelöstwird, verstehtsich von selbst. Immer
aber liegt die künstlerische Potenz ni<*ht im willkür*

liehen Ignorieren der sachlichen Anforderungen,
sondern gerade im Beantworten derselben, so in*
dividuell sich auch die Probleme mischen können.
Denen die überhaupt jegliche sachliche Forderung
leugnen, den Anarchisten in der Kunst, ist nicht
ernst zu begegnen, sie kämpfen im Grunde nur für
ihre Einseitigkeit und für die Unkenntnis weiter*
gehender Naturforderungen.

Es ist bezeichnend, daß mit der Unfähigkeit für
die architektonische Weiterentwicklung des Imi*
tativen sich das dunkle Gefühl einer künstlerischen
Unzulänglichkeit einstellt und dann dieser Mangel
durch eine stoffliche Beimischung, durch tiefsinnige
Bedeutung etc. ersetzt werden soll. Diese soll das
Werk in eine höhere poetische Region erheben.
Es ist jedoch klar, daß die bildende Kunst die
Poesie nicht anderswo borgt oder sozusagen nur
illustriert. Ihre wahre poetische Wirkung entsteht
aus der Art zu schauen, aus der Erscheinung als
solcher. Die Tätigkeit der bildenden Kunst be*
mächtigt sich des Gegenstandes als eines erst durch
die Darstellungsweise zu verklärenden, nicht als
eines schon an sich poetisch oder ethisch wirken*
den oder bedeutsamen.

Verlassen wir nun diese allgemeine Betrachtung,
und kehren wir wiederum auf die spezielle der archi*
tektonischen Gestaltung bei Plastik und Malerei
zurück. Da die Formenwelt, die durch die imita*
tive Tätigkeit beider entsteht, räumlicher Natur
und somit auch ihre architektonische Gestaltung
naturgemäß eine räumliche ist, so können die Ge*
sichtspunkte, die dabei leitend sind, keine willkür*
lieh hineingetragenen, sondern müssen in unserm
räumlichen Auffassungsvermögen begründet sein.
Die künstlerische Gestaltung ist nichts als eine Wei-
terbildung dieses Auffassungsvermögens, dessen
Keim schon in der Fähigkeit liegt, überhaupt räum*
lieh auffassen zu können, in der Fähigkeit, zu tasten
und zu sehen. Diese zweifache Auffassung ein und
desselben Phänomens ist aber nicht nur durch ge*
trennte Organe, den tastenden Körper und das
sehende Auge möglich, sondern ist schon im Auge
allein vereinigt. Durch diese herrliche Naturein»
richtung treten die zwei Funktionen des nämlichen
Organs und seine Erfahrungen in so enge und reiche
Wechselbeziehung, wie dies an getrennten Organen
nicht möglich wäre. Die Fähigkeit, diese Wechsel*
beziehung in ihre weitgehendsten Konsequenzen
zu verfolgen, macht die künstlerische Begabung
aus. MitderDarstellungdieserKonsequenzenhabe
ich mich in der vorliegenden Schrift hauptsächlich
beschäftigt.

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