Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 8.1897

Page: 133
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1897/0073
License: Free access  - all rights reserved Use / Order

0.5
1 cm
facsimile
133

Bücherschau.

134

seine Modelle kopirt. Von B. 204 ist höchstens das
liegende Weib von Bembrandt (?), dagegen der glatt mit
der Kontur des Weibes abschneidende Faun und die
Schattirung der linken Blatthälfte späterer Zusatz.
B. 205 hat wohl gar nichts mit Bembrandt zu thun,
ist höchstens Schülerarbeit nach Vorlage. Der Titel
„Negerin" ist unrichtig. Das Blatt ist nur ungeschickt
schattirt und dadurch zu dunkel im Fleisch.

Wieviel auch an diesem wichtigsten und schwierigsten
Teile der Arbeit noch durch die Forschung zu ergänzen
und richtig zu stellen ist, so hat Seidlitz doch den
Buhm, eine solide Basis für die Weiterführuug dieser
Arbeiten gegeben zu haben.

Eine Reihe kleinerer Exkurse und Beilagen be-
gleiten die Hauptarbeit, ergänzen sie in dankenswerter
Weise und erleichtern die Benutzung.

Zunächst wird Middleton's Bibliographie fortgeführt,
dann Bembrandt's Monogramme erörtert, leider ohne
Faksimile-Wiedergabe derselben, was doch ohne große
Kosten hätte geschehen können und vielfach von Vorteil
gewesen wäre.

Ein dritter Exkurs behandelt Bembrandt's Selbst-
bildnisse, ein vierter giebt Bembrandt's Badirungen in
chronologischer Folge, wobei vielfach Irrtümer Middle-
ton's korrigirt werden. Anfechtbar erscheint mir trotz
Michel's Zustimmung die Datirung von B. 95 , das um
1630 angesetzt wird. Die im Text als unecht verworfenen
Blätter werden noch in zweifacher Anordnung aufgezählt,
und schließlich eine Konkordanz zwischen Blanc, Dutuit,
Wilson und Middleton beigefügt.

Seidlitz selbst ist sich dessen voll bewusst, dass
die Kritik des Kembrandtwerkes, die Ausscheidung der
unechten wie der überarbeiteten Blätter noch auf lange
hinaus die Forschung beschäftigen wird. Was er nach
reiflicher und vorsichtiger Erwägung verwirft, das stellt,
wie gesagt, das Minimum des zu Beseitigenden dar.
Es ist besonders rühmlich anzuerkennen, dass er hierin
so Maß gehalten, und die Brauchbarkeit seines Büchleins
dadurch gesteigert hat.

Man merkt es dem Buche überall an, dass eine
völlig durchgereifte, die Erfahrungen und Forschungen
eines Jahrzehnts zusammenfassende Arbeit uns vorliegt.
Bereits 1888 niedergeschrieben, 1890 so weit vollendet,dass
die wesentlichen Besultate der Berliner kunstgeschicht-
lichen Gesellschaft vorgelegt werden konnten, wurde das
Buch doch vom Verfasser noch weitere fünf Jahre zu-
rückgehalten, um ihm die reife, abgerundete Form zu
geben, in der es jetzt vorliegt. Dass er die reichen Be-
sultate so langer Arbeit so energisch zu koinprimiren
und zu so bescheidener, handlicher Form zusammen-
zudrängen vermochte, das möchte ich nochmals besonders
rühmend hervorheben. M. SCRMID.

BÜCHERSCHAU.
Die spätromanisehen Wandmalereien im Hessen-
hofe zu Schmalkalden von Dr. 0. Gerland. Mit
7 Doppeltafeln in Lithographie bezw. Lichtdruck. 29 S.
Fol. Leipzig, 1896, E. A. Seemann.

Diese schon in Lotzens Kunsttopographie Deutsch-
lands erwähnten Malereien wurden 1893 einer wiederholten
Besichtigung unterzogen. Die voreingenommene Meinung
verschiedener mit der Lokalgeschichte wohlvertrauter
Schmalkaldener Kunstfreunde aber, welche sich auf eine
ganz gewaltsam zur Erklärung dieser Bilder herange-
zogene Notiz in Geisthirt's Historia Schmalkaldica 1886,
V. Buch, p. 2 stützt, führte leider zu der gezwungenen
Verbindung dieser Gemälde mit der Legende der hl.
Elisabeth. (Vergl. Ztschr. f. christl. Kunst 1893, p. 122 ff.)

Gerland hat nun die ganze Frage einer ebenso
umfassenden wie gründlichen Untersuchung des Baues,
des Hessenhofes und seiner Geschichte, sowie vor allem
der Gemälde selbst unterzogen. Die Besultate liegen
in der oben bezeichneten Schrift vor. Die Gemälde sind
unter bedeutenden Schwierigkeiten mit großer Sorgfalt
photographisch aufgenommen und in Lichtdruck repro-
duzirt. Da aber bei dem schlechten Zustande der
Malereien die Deutlichkeit der Bilder zu wünschen übrig
ließ, so wurden die Konturen der Malereien auf den
Aufnahmen mit Bleistift nachgezogen, das übrige durch
Fixage entfernt und danach die Zeichnung lithographisch
reproduzirt. Auf Grund dieser sorgfältigen Original-
aufnahmen ist für den Leser eine objektive Brüfung
möglich.

Gerland's Untersuchung der Malereien kommt im
Gegensatz zu der bisherigen zu einer ganz abweichen-
den, aber ebenso interessanten wie überzeugenden Er-
klärung. Danach sind die Gemälde Scenen aus dem
Epos Iwein Hartmann's von der Aue. Zweifellos ist die
Erklärung richtig. Selbst wenn die spärlichen Inschriften,
die den Schmalkaldener Kunstfreunden entgangen sind,
fehlten, ließen die Bilder eine richtige Erklärung aus
sich selbst zu, ganz abgesehen von den stark beschädigten
oder zerstörten Bildern. Es sind vorwiegend ritterliche
Kämpfe, Aventiuren, dargestellt; der Hauptheld ist so-
gar mehrfach durch die Inschrift IWAN bezeichnet (vergl.
P- 21 und 27). Damit ist der Schlüssel zur Erklärung
gegeben. Wir sehen auf Taf. IIa und lila den Kampf
Iwein's und Askalon's, den tötlich verwundeten Askalon
auf seinem Sterbelager (Taf. IIa); Iwein's Gefangen-
schaft und Verfolgung (Taf. IIa); Lunete rät ihrer
Herrin Laudine, Iwein die Hand zu reichen (Taf. IHa);
Lunete führt Iwein vor Laudine (Taf. Via); Aussöhnung
(Taf. Vlla) ; Iwein reitet auf Aventiure aus (Taf. IV a);
Iwein im Kampfe mit dem Drachen (Taf. Va); König
Artus schöpft aus dem Zauberbrunnen, um den Besitzer
desselben zum Kampfe herbeizurufen (Taf. Va); Iwein
wirft den Bitter Keii aus dem Sattel (Taf. Va).

Das Bild vor Iwein's Auszug auf Aventiure (Taf.
loading ...