Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

Verlag von E. A. SEEMANN in Leipzig-, Querstraße 13

Neue Folge. XXI. Jahrgang

1909/1910

Nr. 1. 8. Oktober.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst« monatlich dreimal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfallt 40 Nummern.
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DER IX. INTERNATIONALE KUNSTHISTORISCHE
KONORESS IN MÜNCHEN, 17.—20. SEPTEMBER

Der diesmalige Kongreß ist wieder mit vielen
Sehens- und Hörenswürdigkeiten begabt gewesen.
Die Teilnehmerzahl war eine ungewöhnlich große:
die letzte Präsenzliste wies 317 Namen auf. Aller-
dings hat es der Kongreßort München mit sich ge-
bracht, daß unter dieser Schar viele Mitläufer waren,
die mit dem Betriebe der Kunstwissenschaft direkt
nichts zu tun haben. Die Beteiligung durch die eigent-
lichen Kunsthistoriker war aber doch eine sehr starke
— wenn auch nicht verschwiegen werden darf, daß
manche wichtige Persönlichkeit fehlte.

Sehr geschickt und sachlich wurden die Sitzungen
von Professor R. Kautzsch geleitet, dem im Präsidium
die Herren Goldschmidt, Koetschau und Warburg zur
Seite saßen. Leider ward die Zeit, welche für die
Verhandlungen zur Verfügung stand, durch die Vor-
träge aufs stärkste bedrängt. Es will uns scheinen,
als wenn, neben einer oder zwei durch ihre rheto-
rische Schönheit fesselnden Reden programmatischen
Inhalts, nur solche fachwissenschaftlichen Vorträge Sache
eines Kongresses wären, deren Kern zu einer sofortigen
Diskussion anregt und deren Kürze und Prägnanz
auch hierzu die nötige Zeit läßt; nicht die Verlesung
von Zeitschriflenaufsätzen, sondern die Darbietung von
Dingen, die man gar nicht ebensogut gedruckt geben
kann, und die wegen der sich anschließenden Debatte
den Kongreß zu einem entscheidenden Gelehrtenforum
stempeln, sollte angestrebt werden.

Das wesentliche Ergebnis der Verhandlungen war
etwa folgendes: Von der Idee, das Repertorium für
Kunstwissenschaft durch Illustrierung zu einer den
Ansprüchen der Kongreßmitglieder genügenden kunst-
wissenschaftlichen Zeitschrift auszugestalten, ist man
endgültig abgekommen. Die Möglichkeit, dieses Pro-
jekt durchzuführen, scheitert an der Höhe des Kosten-
anschlages. Es soll deshalb den bestehenden Zeit-
schriften überlassen bleiben, nach wie vor der Kunst-
wissenschaft zu dienen, ohne daß irgend einem Organ
vor den anderen der Vorzug gegeben werden soll.

Dagegen soll mit der Schaffung von Jahresberichten
nunmehr begonnen werden. Herr Dr. Fröhlich in
Wien, der Herausgeber der ehemals Jelinekschen inter-
nationalen Bibliographie der Kunswissenschaft, ist be-
auftragt worden, in Verbindung mit dem ständigen
Ausschusse des Kongresses diese Bibliographie fort-

zusetzen und die Jahresberichte ins Leben zu rufen.
Die hierzu nötigen Mittel hat der Deutsche Verein
für Kunstwissenschaft dem Internationalen kunst-
historischen Kongreß zur Verfügung gestellt; ein
kleiner noch verbleibender Fehlbetrag gegen den
Anschlag soll von den Akademien erbeten werden.
Einzelheiten darüber, wann und wie die Jahres-
berichte erscheinen sollen, sind noch nicht fest-
gelegt. Aber es liegt im Plan, für das System dieser
Jahresberichte die Einteilung zu adoptieren, welche
Professor Schubert von Soldern erdacht und in aus-
führlicher Rede dem Kongreß vorgetragen hat. Sein
System ■ stand in Konkurrenz mit einem von Dr.
O. Wulff geschaffenen; wenngleich zu einer Debatte
keine Zeit blieb, so schien es doch, als wenn die
Kenner der Ansicht waren, das Wulffsche System sei
zwar eminent geistreich, aber für die Praxis zu kom-
pliziert.

Die Schaffung einer Zentrale zur Verzeichnung der
gesamten photographischen Hilfsmittel nebst Auskunfts-
stelle wurde als praktisch nicht durchführbar fallen
gelassen; um so mehr als man annimmt, daß mit dem
Fortschreiten des Projekts der Denkmäler Deutscher
Kunst und dem Anwachsen des photographischen
Materials eine Auskunfts- und Vertriebsstelle sich aus
dieser Unternehmung von selbst entwickeln wird. Auch
die geplante umfassende Ikonographie soll als undurch-
führbar unterbleiben, weil ein solches Projekt etwas
Uferloses an sich habe. Jedoch soll der Versuch ge-
macht werden, für ein ganz bestimmtes, verhältnis-
mäßig eng umgrenztes Gebiet ein internationales Netz
zu schaffen: nämlich für das Kostüm. Es sollen da
in den einzelnen europäischen Ländern Vertrauens-
männer ernannt werden, die Anfragen an die geeig-
neten Persönlichkeiten weiterleiten und mit deren Hilfe
nach und nach eine gewisse Organisation für die
Forschungen auf dem Gebiet des Kostümwesens ge-
schaffen werden soll. Zu diesem Beschlüsse bemerkte
Herr Dr. Fischel, daß seines Erachtens die Lipper-
heidesche Kostümbibliothek des Berliner Kunstgewerbe-
museums und ihr ungewöhnlich kenntnisreicher Kustos
für deutsche Ansprüche völlig genügen; andere Herren
waren aber der Ansicht, eine solche Organisation
könnte für spezielle Forschungen auf kleinen Einzel-
gebieten des Kostüms, für die jene Bibliothek wahr-
scheinlich versagen würde, oft wichtige Dienste leisten.

Einen regen Meinungsaustausch brachte dann die
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