Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Nekrologe — Personalien — Funde

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wie sich denn überhaupt der philantropische Geist ihrer
Erbauer in allen Dingen widerspiegelt. Als Gesamtwerk
ist Bournville unvergleichlich, mit seiner in Grün versteckten
Fabrik, seinen mächtigen Parks und Sportplätzen, den
schön gelegenen öffentlichen Bauten und der wunderbaren
Blumenpracht in den vielen hundert Gärtchen. Architek-
tonisch am interessantesten sind — abgesehen von dem
ganz modernen Hampstead — die Häuser in Port Stin-
light, welche den schönen altenglischen Landhausstil in
mannigfaltigster Weise verwerten: Ziegelbau mit Form-
steinen, Putzbau, Haustein, vor allem aber der sehr popu-
läre Fachwerkbau. Das eigentümliche englische Fachwerk
mit den vielen aufrechten parallelen Ständern ist allerdings
heutzutage so kostspielig, daß es in größerem Umfang
wohl hier zum letzten Male in Verwendung war, wo be-
deutende Mittel zur Verfügung standen. Im ganzen ist
der Typus der englischen Gartenstädte der einer äußersten
Schlichtheit und Sachlichkeit, die stets vornehm wirkt und
in Hampstead zu großer Wirkung im Stadtbilde gelangt.

PAUL FERÜ. SCHMIDT.

NEKROLOGE

Unser Mitarbeiter, der treffliche Archäologe Professor
Dr. Richard Engelmann, ist in Graz, wo er sich zum
Besuche des Philologentages aufhielt, durch einen Schlag-
anfall hin weggerafft worden. Er hat ein Alter von 65 Jahren
erreicht (geboren am 13. Dezember 1844 zu Nebra a. U).
Richard Engelmann war während einer Reihe von Jahren
Gymnasiallehrer in Berlin, hat sich aber in den letzten
Zeiten ganz seinen archäologischen Studien, die ihn
meist in Rom festhielten, gewidmet. Seine publizistische
Tätigkeit galt auch vornehmlich der Verbreitung der
klassischen Bildung in den Kreisen der heranwachsen-
den Jugend; so hat er Guhl und Koners altberühmtes
»Leben der Griechen und Römer« neu herausgegeben,
Otto Seemanns »Mythologie der Griechen und Römer«
zweimal vollständig umgearbeitet, für die Reihe der Be-
rühmten Kunststätten den Band »Pompeji« verfaßt, der
auch in englischer Sprache erschienen ist, und durch
wissenschaftlich exakte und äußerst interessante Zusammen-
stellung klassischen Bildermaterials die beiden Atlanten
zur Lektüre des Homer und des Ovid geschaffen. Seine
häufigen archäologischen Beiträge in der Zeitschrift für
bildende Kunst, deren letzter Neoptolemos in Skyros«
erst in Heft 12 des ig. Jahrgangs (1908) erschien, er-
wiesen Richard Engelmann als gründlichen Kenner seines
Gebietes.

PERSONALIEN

Am 5. Oktober konnte der Altmeister Ludwig Knaus
in voller Frische seinen achtzigsten Geburtstag begehen.
Es gibt unter den heute noch lebenden Vertretern der
alten Tradition wenige Persönlichkeiten, die auch uns
Jüngeren so sympathisch sind, wie Ludwig Knaus, und
deren Qualitäten auch die nachgeborene Generation noch
alles Recht widerfahren läßt. Knaus stammt aus Wiesbaden,
wo er 1829 als Sohn eines Optikers geboren ward. Mit
sechzehn Jahren bezog er die Düsseldorfer Akademie, und
als er dort fertig war und sich schon einen Namen ge-
macht hatte, ging er nach Paris, wo er acht Jahre gelebt
hat. Später wirkte er bald in Düsseldorf, bald in Berlin,
und seit 1874, wo er an die Berliner Akademie als Meister-
lehrer berufen ward, hat er hier seinen festen Wohnsitz.
Hoffentlich sind ihm noch viele gesunde Jahre beschieden.

Louis Douzette, bekannt und geschätzt als Maler ge-
schmackvoller Mondscheinlandschaften, hat am 25. September
seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag gefeiert. Er lebt in
Barth an derOstsee; geboren ist er in Tiiebsees in Pommern.

Dr. P. Goeßler, bisher Assistent an der Sammlung
vaterländischer Kunst- und Altertumsdenkmäler in Stuttgart,
wurde unter Verleihung des Professortitels zum zweiten
Konservator dortselbst ernannt.

FUNDE

Rom. Ein neuentdecktes dem Melozzo da Forli
zugeschriebenes Fresko. Vor ungefähr fünf Jahren, im
Juli 1904, entdeckte man in der zweiten Kapelle rechts vom
Eingang des Pantheons ein stark beschmutztes Fresko, das
eine Verkündigung darstellte und von den Sachverständigen,
unter anderen von Jacobsen, als ein Werk des Antoniazzo
Romano angesehen wurde. Nun ist das Fresko vollkommen
restauriert und gereinigt worden und man kann es gut
sehen, genau prüfen und beurteilen. Rechts kniet auf einem
niedrigen Schemel die Jungfrau, welche mit gesenktem
Haupte und auf der Brust gekreuzten Armen den Worten
des knieenden Engels lauscht. Hinter den Figuren eine
durch Pilaster in vier Abteilungen geteilte Wand mit hohem
Gesims und darüber die Büste des segnenden Gottvaters
und die herniederfliegende Taube. Die einzige interessante
Figur ist die des Engels, dessen schönes blondes Haupt
von weitem an Melozzos Engel der vatikanischen Sakristei
erinnert, den man aber wegen der oberflächlichen Aus-
führung sowohl als wegen seiner Leblosigkeit ihnen durch-
aus nicht an die Seite stellen kann; und doch ist es dieser
handfeste, monumental aufgefaßte aber derbe und leblose
Engel, der verschiedene Kunstkenner auf den Gedanken
gebracht hat, das ganze Fresko dem großen Meister aus
Forli zuzuschreiben. Wenn auch die schöne, aber jeden
Liebreizes entbehrende Figur des Engels wohl an Melozzo
gemahnen könnte, so spricht die Figur der Jungfrau direkt
dagegen. Der Kopf ist nicht nur leblos und, was Mund und
Nase angeht, schlimm verzeichnet, aber die ganze Gestalt
ist eckig und steif. Die Hände und Arme sind so ge-
zeichnet, daß sie sich nicht mit dem Körper verbinden.
Die Falten der beiden Gewänder sind wohl den Falten,
die Melozzo so meisterhaft zeichnete, nachgebildet, aber
man kann deutlich hie und da sehen, daß der Maler nur
ein Nachahmer war. Vollkommen charakterlos ist die Figur
Gottvaters. Was einen aber noch mehr von dem Gedanken
an Melozzo abbringt, ist die oberflächliche Ausführung des
Ganzen. Man sehe, wie die Flügel des Engels ausgeführt
sind und denke dabei an die wunderbaren Flügel der Engel
von Sankt Peter, man vergleiche die armselige Architektur
des Hintergrundes mit der meisterhaft ausgeführten des
Platinfreskos der vatikanischen Galerie. Die schwachen
Pilaster mit den flüchtig gezeichneten Kapitalen finden wir
in Antoniazzos Fresko in der Kirche dei SS. Vito e Modesto
am Galienusbogen in Rom wieder. Man vergleiche auch
den Kopf der Madonna mit dem der heiligen Margherita
in dem eben angeführten Fresko und die Übereinstimmung
der Züge, besonders der Stirn, der Nase und des Mundes
werden den Gedanken bekräftigen, daß das Gemälde des
Pantheons dem kräftigen, derben römischen Maler und
nicht dem Großmeister aus der Romagna zuzuschreiben ist.
Daß die Verkündigung im Pantheon in ihren allgemeinen
Linien schön zu nennen ist, das ist kein Grund, um es dem
Antoniazzo abzusprechen. Man muß seine besten Sachen
wie die fast unbekannten Altarbilder in Subiaco und Tivoli
gesehen haben, um zu wissen, wie weit es der Meister
bringen konnte, in der getreuen lebendigen Wiedergabe
der Natur. Das Fresko im Pantheon gehört zu seinen
besten Werken und zeigt uns, wie groß Melozzos Einfluß
auf ihn gewesen ist. Im »Bollettino d'arte« hat Prof.
Cantalamessa das Fresko in einem reichillustrierten Artikel
publiziert. Fed. H.
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