Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Aus Florenz

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Denis, und das große Interieur von Luden Simon,
das freilich aus dem Rahmen der Ausstellung heraus-
fällt, aber sicher zu den besten Werken dieses Künstlers
zählt.

Courbet ist allein mit siebzehn Gemälden vertreten;
dabei findet man ein Hauptwerk, »die Ringer«, aus
Paul Cassirers Besitz. In Meier-Gräfes schon er-
wähntem Buche ist es abgebildet und mit seinen
Schwächen gerecht gewürdigt. Im allgemeinen wird es
hier leichter, die Linie zu den von Courbet beeinflußten
deutschen Künstlern als zu den Hauptmeistern des
französischen Impressionismus zu finden. Manet ist
ja leider durch keine Frühwerke vertreten. Dagegen
ist es einleuchtend, wieviel etwa Viktor Müller dem
Meister von Omans verdankt, wenn man das schwer-
mütige Frauenbildnis in Weiß mit den roten Abend-
wolken über der See betrachtet: Darin steckt ja schon
der ganze Viktor Müller! Das Kapitel Courbet-Leibl
gar ist mit so viel Tinte Übergossen worden, daß dar-
über keine Worte zu verlieren sind. Aber neben all
diesen pathetisch gefärbten Naturausschnitten des Mannes,
der sich selbst nicht mit vollem Rechte den »Vater
des Naturalismus« nannte, kommt Manet mit nur
einem Werke, der freilich vorzüglich gemalten lebens-
großen Dame in Schwarz vor lichtgrauem Grunde,
nicht ganz auf. Wie schade, daß es nicht gelungen
ist, aus den großen Privatsammlungen in Berlin und
Hamburg noch einige gute Werke, vor allem eine
Manetsche Landschaft, zu erhalten! Um so reicher
sind Pissarro, Sisley, Monet gerade auf diesem Gebiete
in Elberfeld vertreten. Es sind Neulinge in der
Rheinprovinz, wenn man von der kleinen Auswahl
absieht, die im vorigen Jahre in der Düsseldorfer
Kunsthalle gelegentlich der Sonderbund-Ausstellung
zu sehen war. Nichts war anziehender für den Be-
richterstatter, der vor kurzem das Glück hatte, die
französische Ausstellung in der Berliner Akademie zu
sehen, als jenes bei Courbet, dem trotzigen Nordmanne,
vermißte Element echtfranzösischer Heiterkeit, ja ge-
wisse Rokokozüge noch bei diesen kühnen Pfadfindern,
vor allem jedoch bei Renoir, wiederzufinden. Mit
dem schon erwähnten Figurenbilde, einem kleinen
Mädchen mit Katze — der Kinderkopf ein Wunder
von zartester Modellierung —, einem Blumenstück
und einer duftigen Landschaft (»Villa France«) hatte
Renoir eine vielseitigere Vertretung als die reinen
Landschafter gefunden. Nachzügler ihrer Richtung
wie Henry Moret (Paris) konnten sich daneben nicht
recht halten.

Die Ausstellungsleitung hatte den kühnen Versuch
gemacht, auch die letzten Ausläufer der Bewegung,
die man nur in bedingtem Sinne die impressionistische
nennen kann, die heutigen Nachfahren Van Goghs
und Cezannes, ferner die Dekorativen im Sinne Gau-
guins und M. Denis' zu zeigen. Ein kleines Gemälde
von Manzana-Pissarro, »Frauen am Wasser«, das stark
an Gauguin erinnerte — der selbst nur durch eine
nicht sehr charakteristische Marine vertreten war —,
ist sogar Besitztum des Elberfelder Museums. Bild-
nisse von Ch. Fornerod und die monumentalen
»Ägypterinnen« von Ch. Bernard mochten am meisten

ansprechen. Henri-Matisse, der am meisten diskutierte
dieser Künstler, von dem das Osthaus-Museum im be-
nachbarten Hagen zwei große Leinwände besitzt, ver-
trat hier nur eine noch »zahme« Landschaft. Ob die
Elberfelder diesen Malern, denen man in Deutsch-
land sonst nur auf den Jahresausstellungen der Berliner
Sezession und neuerdings in Münchener Kunstsalons
begegnet, viel Zutrauen entgegengebracht haben, ver-
mag ein Besucher, der nur wenige Stunden in Elber-
feld zubringen konnte, nicht zu sagen. c.

AUS FLORENZ

Dem letzten Bericht über den Konflikt zwischen
Künstlern und den Leitern der hiesigen Galerien über
die Frage der Neuordnung, Neubenennung und Re-
stauration von Bildern möchte ich noch ein Nachwort
folgen lassen. Vor etwa 14 Tagen hat der Sekretär der
»Societä di Belle arti« in Florenz in einer Zuschrift an die
Zeitungen alle einzelnen Beschwerdepunkte aufgeführt, und
es verlohnt wohl, auf die gleich danach erfolgte Ant-
wort der Galerieleiter kurz einzugehen. Unter den Neu-
zuschreibungen, die beanstandet wurden, befinden sich u. a.:
ein Jünglingskopf, früher Leonardo genannt, nunmehr
»Venezianische Schule«; die Fornarina in der Tribuna
heißt nicht mehr Raffael, sondern Sebastiano, ebenso sei
die »Madonna del pozzo« dem Urbinaten entzogen worden,
um Franciabigio gegeben zu werden. Die »Medusa« ist
dem Leonardo genommen und hängt unter den vlämischen
Bildern. Das große Reiterbildnis Philipps IV. heißt statt
Velazquez nur noch Rubens-Schule. Die Umtaufen im
Palazzo Pitti werden summarisch behandelt, doch seien
gerade Werke, die den größten Meistern zugeschrieben
waren, betroffen und Künstlern zweiten Ranges oder Un-
bekannten gegeben. Man ginge, so raunte ein Gerücht, gar
mit der Absicht um, die »Madonna della seggiola« Raffael
zu nehmen, um sie der Sarto-Schule zu vindizieren.

Unter den Änderungen sind u. a. aufgeführt, daß aus
der Tribuna die Parzen und das Tondo von Michelangelo,
die Panciatichiporträts von Bronzino und andere Bilder
entfernt worden wären; aus dem holländischen und vlamo-
italischen (?) Saal habe man viele Bilder ins Magazin ge-
bracht, dafür aber in den Baroccio-Saal Bilder genommen,
die andere Zeiten ins Magazin verwiesen hatten. Die
Selbstporträts seien schlecht und konfus aufgestellt!

Dieser Brief ist von einer Reihe von Künstlergenossen-
schaften aus allen möglichen Städten Italiens, außer-
dem von soundso vielen Künstlern separat unterzeichnet.
Daß sich sogar der Verein der Geschäftsangestellten in
Florenz zu einem Protest verpflichtet hat, veranlaßte eine
große römische Zeitung zu der Frage, ob nicht auch die
Dienstmädchen ihrem Unwillen öffentlich Ausdruck geben
wollten!

Wirklich: difficile est satiram non scribere. Die Galerie-
leiter hatten eine leichte Aufgabe, diesem, sagen wir es
rund heraus, Unsinn entgegenzutreten. Sie taten es in
eindringlichster und ruhigster Form; ließen nur die Fakten
sprechen. Was die verschiedenen Attributionen anlangt,
so durften sie sich für die meisten auf das fast stets
übereinstimmende Urteil der Kenner berufen, ferner darauf,
daß alle diese Änderungen zumeist um Jahre zurückliegen
und noch Riccis Vorgänger, Enrico Ridolfi, verdankt wer-
den, der den Mut hatte, endlich die lächerlichen alten
Schilder durch neue zu ersetzen, die der modernen An-
schauung entsprachen. In einem Falle hat die Umtaufe
nichts getan, als daß sie dem betreffenden Werk seinen
alten Namen zurückgab: die »Madonna del pezzo« wurde
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