Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

man«

Verlag von E. A. SEEMANN in Leipzig, Querstraße 13
Neue Folge. XXI. Jahrgang 1909/1910 Nr. 30. 24. Juni.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur »Zeitschrift für bildende Kunst« monatlich dreimal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfaßt 40 Nummern.
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Leipzig, Querstraße 13. Anzeigen 30 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen außer der Verlagshandlung die Annoncenexpeditionen an.

AN MAX LAUTNER.

Wie alle wissen, die sich mit Rembrandts Leben
etwas eingehender beschäftigt haben, hat der große
Künstler mehrere Mäzene — oft Oentlemen - dealers
seiner Zeit — gehabt, welche Bilder bei ihm be-
stellten. Einer davon war Herman Becker, ein Kauf-
mann, der an Bildern großes Wohlgefallen hatte, denn bei
seinem Tode hinterließ er eine sehr bedeutende Galerie.

Er starb neun Jahre nach Rembrandt, im Jahre 1678.

Wir haben ein Dokument1) vom 29. August 1665,
woraus erhellt, daß Rembrandt eine Juno für Becker
malte, und auch noch anderes für ihn malen sollte.
Becker hatte Rembrandt schon vorher Geld geliehen
und dadurch entstanden allerlei Transaktionen. Rem-
brandt hatte dem Kaufmanne Bilder und kostbare
Zeichnungen und Radierungen in Pfand gegeben und
sehnte sich nach seinen Schätzen. Becker aber forderte:
Laß Rembrandt erst meine Juno fertig malen!

Lautner behauptet nun, daß diese Juno nie fertig
geworden ist, und daß er überhaupt nichts fertig ge-
bracht habe.

Hier haben wir nun die unleugbaren Beweise, daß
die Juno wohl fertig wurde und so gut war, daß
Becker sie sogar kopieren ließ. Dabei werden wir
sehen, daß Becker eine Reihe Rembrandts besaß, die
noch existieren. Ich werde den ganzen Nachlaß
Beckers in Oud Holland bringen, aber schon heute
diesen neuen Beweis liefern, um Lautner noch einmal
zu zeigen, wie sehr er sich auf dem Holzwege be-
findet. Als dieses Inventar — Oktober 1678 — auf-
gestellt wurde, lebte Bot noch und würde es doch
gewiß nicht geduldet haben, daß seine schönsten
Bilder dem elenden Stümper Rembrandt zugeschrieben
wurden.

Zuerst finden wir denn
een Juno van Rembrant van Ryn;
een Venus en Cupido van deselve;
een Venus en Cupido na Rembrandt (offen-
bar das Louvrebild — die Hendrickje mit
einem verstorbenen Kind, ein Bild, das immer
den Namen: Venus und Cupido getragen hat).
Folgt: een kleine manstronie (Männerkopf) nae

Rembrant van Ryn (also eine Kopie!);
een Vrouwtie aen de put van Rembrant van
Ryn (die Samariterin; ein Gegenstand, den
Rembrandt dreimal gemalt: Berlin, Sheep-

1) Hofstede de Groot, Urkunden. Seite 337, 338 usw.

shanks, 1655 [Leidener Ausstellung 1906]

und Petersburg).
Noch einmal: een Juno, levensgroot;
een Vaendrager van Rembrandt van Ryn (der

berühmte Fahnenträger von 1654, jetzt bei

Gould, New York)1);
Rembrandts eygen Conterfeytsel (Selbstbildnis);
een Vrouwetronie van Rembrant van Ryn;
een Manstronie van Rembrandt;
een graeutie (grisaille) van Rembrant daer Christus

de voete wast;
een drie Köningen van Rembrant van Ryn

(wahrscheinlich das herrliche Bild von Buck-

ingham Palace, 1657);
een vrouwe Trony (Frauenporträt) leunende met

de hant op een stoel van Rembrant van Ryn

(vielleicht die Dame bei Mr. Henderson,

London, von 1644?);
een Stilleven, synde een Vanitas van Rembrant

van Ryn;

een David en Jonathan van Rembrandt van Ryn2);

een Pallas van Rembrandt van Ryn (das wunder-
bare Bild in Petersburg auch um 1655);

Potiphars Frau, Joseph anklagend (sollte das
nicht das Berliner resp. Petersburger Bild
Rembrandts sein?).

Noch: een trony van Rembrandt.

Von Bol: een oude manstrony van Ferdinandus
Boll;

een vrouwe trony van Ferdinandus Bol.
Herr Lautner wird nun wohl wieder sagen: das
sind alles elende Croüten gewesen, die längst zugrunde
gegangen sind, — aber ist es denn nicht merkwürdig,
daß gerade bezeichnete und datierte Werke Rembrandts
mit obigen Darstellungen bezeugt werden, welche
die Hand eines Künstlers verraten, die himmelhoch
über Bols Durchschnittsarbeiten erhaben ist? Und wie
Bol wirklich gemalt hat, das kann Herr Lautner doch
zur Genüge in Amsterdam im vormaligen und jetzigen
Stadthause sehen an Bildern, die nie durch den Kunst-
handel wanderten, und durch Dokumente von unwider-
legbarer Kraft als solche gesichert sind!
_ A. BREDIUS.

1) Es ist merkwürdig, daß fast all diese Bilder aus
Rembrandts Spätzeit sind.

2) Das Petersburger Bild: David und Absolon wurde
früher mehrfach als David und Jonathan gedeutet; aller-
dings unrichtig.
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