Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Berliner Brief

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stolzen Höhe. Aber die Gesamtheit seiner imponie-
renden Lebensarbeit wird niemand ohne bewundernde
Verehrung überschauen.

BERLINER BRIEF

Von Max Osborn

Die Epoche der lauten Schlachten und lärmenden
Aufregungen, die seit Jahr und Tag das Revier der
Berliner Kunst durchtobten und in der Flora-Bataille
ihren Höhepunkt erreichten, scheint fürs erste ihren
Abschluß gefunden zu haben und nunmehr einer nicht
minder anmutigen Ära der stillen Kämpfe, der ver-
stärkten Feindseligkeiten, der heimlichen Agitationen,
der leisen Nadelstiche gewichen zu sein. Das Resultat
ist eine allgemeine Verwirrung und Unsicherheit, die
nicht geringes Unbehagen mit sich bringt. Man hat
die peinliche Empfindung, als wenn alles wackle, was
unter schweren Mühen aufgebaut war, und auf dem
Wege in die Zukunft ist vorläufig nichts erkennbar
als ein riesiges Fragezeichen. Von einem Stillstand
der großen Entwicklung, die mit der Jahrhundert-
wende einsetzte und so viele Hoffnungen reifen ließ,
ist noch keine Rede; aber die Dämonen des Zweifels,
der Mutlosigkeit und Verdrossenheit sind an der
Arbeit, um unser Vertrauen in die nächsten Dezennien
ernsthaft zu gefährden. Es ist immer, als bereiteten
sich irgendwelche Skandale vor, und man ist jeden
Tag auf neue Unerquicklichkeiten gefaßt.

Da ist zunächst die Nervosität, die auf einem Ge-
biet ausgebrochen ist, das bisher in allem Auf und
Ab als eine Provinz der Ruhe gelten konnte: im
Museumswesen. Auf der einen Seite wird mit aller
Energie positive Arbeit geleistet. Die Vorbereitungen
für die Ausführung der neuen Bauten nach Messels
genialen Entwürfen machen vorzügliche Fortschritte.
Der Ausbau der Sammlungen älterer Kunst geht
unaufhaltsam vorwärts; in nächster Zeit erst wieder
ist, wie man hört, ein willkommener Zuwachs zu
erwarten. Aber die Nachwehen des Lionardo-Lukas-
Spektakels, der, wie es scheint, völlig überhaupt nicht
zur Ruhe kommen will, und die großen und kleinen
Plänkeleien, zu denen man die Museumsverwaltung
fortwährend herausfordert, können auf die Dauer nicht
ohne schädigende Einflüsse auf die Freudigkeit ihrer
Arbeit bleiben. Die kritischen Heißsporne, die seit
Monaten den Bogen überspannen — zum Teil aller-
dings gereizt durch die Ungeschicklichkeiten der
falschen Freunde der Generaldirektion —, scheinen
zu vergessen, daß Männer, denen man das Leben
systematisch sauer macht, schließlich auch in ihrer
Leistungskraft und Elastizität leiden müssen.

In der Nationalgalerie wiederum türmen sich die
Schwierigkeiten von anderer Seite her zu ganzen
Bergen an. Es scheint, als wenn Ludwig Justi, an
dessen gutem Willen niemand zweifelt, unmittelbar
nach seinem Amtsantritt Hände und Füße zugleich ge-
bunden wurden. Es bedarf keines besonderen Scharf-
sinnes, um zu erkennen, daß dieser Knebelzustand
jede Bewegung unmöglich macht; aber das ist offen-
bar gerade das Ziel gewisser Kreise. Das erste An-
zeichen der neuen Situation, das in die Öffentlichkeit

gedrungen ist, war die Alarmnachricht über das
Schicksal der ausländischen Abteilung im zweiten
Stockwerk der Galerie, namentlich der französischen
Bilder. Es ist nun einmal nicht anders: die Kunst
derjenigen europäischen Schulen, in der die gesamte
gebildete Welt dieses zurzeit vom Schweif des
Halleyschen Kometen bedrohten Himmelskörpers die
bedeutungsvollste und folgenreichste Tat der modernen
Entwicklung sieht, gilt den maßgebendsten Berliner
Instanzen als nicht viel mehr denn als Teufelswerk
und Irrlehre. Der Name Manet allein wirkt auf sie
wie ein rotes Tuch — bei dieser Gelegenheit sei die
Anfrage gestattet, wo zurzeit das kostbare Bild Manets
steckt, das vorm Jahre als Vermächtnis aus einer Ber-
liner Privatsammlung in die Nationalgalerie kam (oder
besser: kommen sollte)? ... So tauchte denn der
phantastische Plan auf, jene erlesene Kollektion aus-
ländischer Werke, die den Besuchern der Galerie wie
den studierenden Künstlern die unentbehrliche Kenntnis
der außerdeutschen Kunstbewegung während des
letzten Menschenalters vermitteln sollte, in die alte
Bauakademie zu verbannen, in den »roten Kasten«,
wie die Neunmalweisen von heute so gern sagen
(weil ihnen das Verständnis für Schinkels Backstein-
versuch abhanden gekommen, der allerdings in seiner
ernsten Schlichtheit zu dem Barockpomp des benach-
barten Kaiserdenkmals nicht passen will, neben dem
er als ein unbequemer Mahner wirkt). Es ist keine
Frage, daß eine solche Strafversetzung der schreck-
lichen Impressionisten einem Tothängen der wert-
vollen Sammlung gleichkäme. Vielleicht bringt man
noch über der Eingangstür der Säle, in denen man
sie einkerkert, ein Plakat mit dem neuesten geflügelten
Worten: »Ich warne Neugierige!«

Die eigentümliche Verwirrtheit des herrschenden
Zustandes fand eine amüsante Spiegelung in der »Kunst-
debatte« des Reichstages vom 5. März, der ersten
derartigen parlamentarischen Verhandlung seit den
Sturmtagen von 1904. Die Situation war hier so
kompliziert, daß sie wohl von den wenigsten Zeitungs-
lesern richtig verstanden worden ist. Auf den ersten
Blick konnte es so aussehen, als sei die vom Abg.
Liebermann von Sonnenberg beantragte Resolution
zur Organisation der deutschen Abteilung auf der
Internationalen Kunstausstellung zu Rom 1911 vom
Geiste einer freien Kunstanschauung geboren. Denn
während bisher die gesamte Vertretung der deutschen
Kunstangelegenheiten im Verkehr mit dem Auslande,
soweit sie von Reichs und Staats wegen offiziell und
materiell unterstützt wurde, in den Händen der All-
gemeinen Deutschen Kunstgenossenschaft lag, hatte
der Liebermannsche Antrag, zunächst für Rom, dann
aber auch für die weitere Zukunft, die Bildung einer
»Prüfungskommission« zum Ziel, die »aus den beiden
großen Künstlerverbänden«, der Genossenschaft und
dem Deutschen Künstlerbunde, »in angemessener
Weise« zusammengesetzt werden sollte. Gegenüber
den bisherigen Gepflogenheiten der Regierung, die es
stets ablehnte, auch auf den Künstlerbund die Sonne
ihrer Gnade scheinen zu lassen, hätte die Annahme
und Durchführung des Vorschlags dem unbefangenen
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