Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

Verlag von E. A. SEEMANN in Leipzig, Querstraße 13
Neue Folge. XXI. Jahrgang 1909/1910 • Nr. 4. 29. Oktober.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur »Zeitschrift für bildende Kunst« monatlich dreimal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfaßt 40 Nummern.
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ST. PETERSBURGER BRIEF
Die lange, an manchen ungewohnten Erscheinungen
reiche Saison 1909—10 hinterließ den erfreulichen
Eindruck der fortschreitenden Konsolidierung unseres
Kunstlebens. Die Teilnahme des Publikums an den
Kunstinteressen wächst und erleichtert die Verständigung
mit den Künstlergruppen, die sich anschicken die
alleinige Leitung der ferneren Entwickelung zu über-
nehmen. In der öffentlichen Meinung finden die
Bestrebungen dieser durchaus modern gesinnten Kor-
porationen entschiedenen Widerhall und dank dieser
Einmütigkeit hat u. a. auch der Denkmalschutz Fort-
schritte gemacht. Zu ihm gehört auch die Reform
des Häuseranstrichs, die besonders durch den leitenden
Architekten des Hof- und des Militärressorts Alexander
von Hohen gefördert wird. Dank seinen Bemühungen
haben im Laufe des letzten Jahres auch die Gebäude
des Senats und der Admiralität, von de Rossi zur Zeit
Alexanders l. erbaut, ihren stilgemäßen Anstrich mit
gelben Mauerflächen und weißen Ornamenten und
Säulen wiedererhalten. Die Reform entgleist zuweilen,
wie bei der Kaserne des Pawlowski-Garderegiments,
die zu zart, fast marzipanhaft geraten ist oder bei einem
Hause im Rastrellischen Rokoko, auf das das gelb-
weiße Schema fälschlich übertragen wurde; im ganzen
aber geht sie gut vorwärts und vielleicht erlebt man
es noch, daß zwei Hauptschöpfungen Rastrellis, die
Palais weiland des Großfürsten Sergius und des Grafen
Stroganow am Newski auch zu ihrem stilgemäßen
Anstrich kommen. Die ganze Anstrichfrage hat, da
Petersburg fast ausschließlich Putzbauten besitzt, für
den Aspekt der Stadt eine eminente Bedeutung. Für
Hausteinfassaden kommt fast nur der kostbare und
schwer zu bearbeitende finnische Granit in Betracht,
der leider selten seinem edlen Aussehen gemäß be-
handelt wird. Neben den Vorzügen ausgezeichneter
Proportionierung und ernster geschmackvoller Gesamt-
anlage gehört auch die vortreffliche Ausnutzung des
Materialcharakters für den Eindruck der Fassade, die
Fredrik Lidval seinem Gebäude der Asow-Don-Bank
soeben gegeben hat. Auf diesen in jeder Beziehung
vortrefflichen Bau sei bei anderer Gelegenheit näher
eingegangen. Einen sehr wesentlichen Schmuck dieser
Fassade bilden die monumentalen Reliefs, mit denen
sich der jugendliche Wassili Kusnezow als hoch-
begabter Plastiker eingeführt hat.

Auf dem Gebiete der Plastik erlebte Petersburg

ein die Gemüter tief erregendes Ereignis: die Ent-
hüllung des Reiterdenkmals für Kaiser Alexander III.
von Fürst Paolo Trubezkoi. Das lange und mit
Spannung erwartete Werk begegnete einstimmiger
Ablehnung, die, man muß es zugeben, auch ganz
berechtigt ist. Trubezkoi hat in der gesamten Anlage
das Massige mit dem Kolossalen verwechselt und da-
zu noch seine malerisch-impressionistische Behandlung
der Oberfläche beibehalten. Mit Drückern wie von
Riesenhänden auf ungeschlachtem Kern erzielt man
um so weniger einen monumentalen Eindruck, wenn
in die Haltung des Riesenrosses noch kavalleristisch
korrekte (wie es heißt), aber fürs Auge zu momentan
fixierte Elemente hineinbringt. Schließlich fehlt der
Figur die plastische Abrundung, die lebendige Sil-
houette, trotz des günstigen Standortes auf dem Lua-
menskiplatz gegenüber dem Nikolaibahnhofe; was
Hildebrandt »das Quälende des Kubischen« nennt,
besitzt die Statue in hohem Grade. Zwei andere neue
Denkmäler, beide Peter d. Gr. geweiht, seien en passant
geweiht. Die Replik von Antokolskis famosem Stand-
bild in Peterhof wird, fürchte ich, im Getriebe der
Großstadt verloren gehen; Bernstamms Gruppe, die
Peter bei der historischen Rettung Schiffbrüchiger
darstellt, reicht ihrer künstlerischen Qualität nach grade
zur Gartendekoration aus, als welche sie im Admira-
litätssquare aufgestellt ist.

Unter unseren Ausstellungen lichtet sich's glück-
licherweise immer mehr. Selbst so traditionell ge-
heiligte Institutionen, wie die Ausstellungen der
Akademie und der Wanderer blieben fast gänzlich
unbeachtet. Das Interesse konzentrierte sich auf den
»Salon 1909« und die Ausstellung des Russischen
Künstlerbundes.

Der »Salon 1909« war von SergeiMakowski organi-
siert worden und muß in seiner Unabhängigkeit von
Kür.stlervereinen und Koterien als erfreuliches Novum
begrüßt werden. Sein ursprüngliches Programm, den
gegenwärtigen Moment der russischen Kunstproduktion
darzustellen, verwirklichte er allerdings nicht, denn im
wesentlichen war auf ihm nur die Richtung des Russi-
schen Künstlerbundes vertreten. Einzelne Ausgrabungen,
wie Skizzen von Surikow und Viktor Wasnezow ge-
nügten nicht als Vertretung der älteren durchaus noch
produktiven Generation. Die radikalen Strömungen
jüngsten Datums kamen auch nicht allzu charakteri-
stisch heraus. Da nun der Künstlerbund gleichzeitig
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