Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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St. Petersburger Brief

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wider Erwarten seine eigene Ausstellung zu veran-
stalten beschloß, lieferten seine Mitglieder dem Salon
zumeist Arbeiten zweiter Güte. Immerhin erschien
der Salon, nicht zuletzt dank seiner geschmackvollen
Aufmachung, als eine sehr respektable Leistung. Für
einzelne unserer Besten übertraf er an Qualität sogar
die Ausstellung des Künstlerbundes, so für Röhrich
durch die Kollektivausstellung und für Bakst durch
den grandios konzipierten Terror .antiquus, eine ge-
spenstige perspektivisch kühn angelegte Symphonie in
Weiß und Blau. Röhrichs eigenartige Mosaikmalerei
ist im vorigen Herbste von Ludwig Hevesi in den
Spalten der Kunstchronik vom Standpunkte des Aus-
länders besprochen worden, es wäre verfehlt, hier eine
Polemik anzuzetteln und den heimischen Standpunkt zu
verteidigen, von dem aus Röhrich nicht so hoch ein-
zuschätzen ist; nur zur Ergänzung sei bemerkt, daß
er im Salon als feiner Landschafter vielleicht mehr
imponierte, als durch seine prähistorischen — Histo-
rien. Auch zwei der hervorragenden Porträtisten des
Künstlerbundes hatten im Salon besser als beim Bunde
selbst ausgestellt: Valentin Serow, ein Porträt des
Komponisten Rimski-Korsakow und die entzückend
zarten Kinder der Frau M. Morosow, und Jan Ciaglinski,
das Bild zweier Schwestern, das das posenhafte und
etwas gepatzte Selbstporträt beim Künstlerbunde be-
deutend übertraf.

Zu den besten Leistungen im Porträt sind dann
noch zwei Bildnisse von Frau Helene Luksch-Ma-
kowskaja zu zählen, unter den Landschaften — die
nicht immer gleichmäßigen Arbeiten von K- Boga-
jewski. Einige interessante graphische Arbeiten fielen
neben vielen gleichgültigen auf: Lithographien von
Nadeshda Woitinskaja und die farbigen Holzschnitte
von Anna Ostroumowa-Lebedewa.

Es braucht wohl nicht aufs neue erzählt zu werden,
daß die Ausstellungen des Künstlerbundes sich im
Laufe der letzten Jahre immer mehr zum zentralen
Ereignis der Saison entwickeln, vereinigt der Bund
doch die produktivsten und besten Kräfte. Dieses
Mal zeigten sich seine Mitglieder ganz auf der Höhe,
besonders Konstantin Somow. Mit großer Freude be-
grüßte man sein erneutes Auftreten im Porträtfache,
das er leider längere Zeit vernachlässigt hatte. Die
Bildnisse unserer modernen Literaturkoryphäen Block
und Kusmin und des Malers Eugene Lanerray wirkten
trotz aller Skizzenhaftigkeit in der packenden Leben-
digkeit und vollendeten Technik so wie man es nur
von guten Somows wünschen kann. Die allegorischen
Aquarelle verfielen dagegen, wie denn überhaupt dieses
Spielen ins Kleine, Zierliche und in den Haut-goüt
auf die Dauer Somows Kapazität nicht recht entspricht.
In jeder Beziehung gelungen waren die, ebenfalls älte-
ren Schöpfungen verwandten Regenbogenbilder. Leon
Bakst traf man auf_Somows Bahnen wandelnd in der
ausgezeichneten gespenstigen Szene aus Delibes Ballett
Coppelia, mit virtuos durchgeführter Beleuchtung.
Welch einen Gegensatz dazu bot das lachend breite
Bildnis des Söhnchens des Künstlers. An Boris Ku-
stadijew fing man im Laufe der letzten Jahre schier
irre zu werden, denn er ließ sich eine Weile auch

von der Verknotigung der Technik hinreißen, die da-
mals modern zu werden drohte. Die Befürchtungen
haben sich als überflüssig erwiesen, im Porträt, in
der stilisierten Landschaft, im Zustandsbilde erwies
Kustodijew sich wieder auf der Höhe; als Nova
präsentierten sich seine plastischen Arbeiten, die aber
keinen rechten Erfolg hatten. Valentin Serows Bild-
nis zweier Schauspieler fand viel Beifall, aber ich
glaube, daß nur der bescheidene Maßstab das Pastellbild-
nis der Frau A. Benois und seine brillante Charakte-
ristik dagegen zurücktreten ließen. Leonid Pasternak
ließ seine Farben- und Lichtkünste in zahlreichen
Stücken bewundern. Mit gewohnter Meisterschaft hatte
er den Flimmer des Konzertsaales in der »Ouvertüre«
gefaßt, in deren zentraler Figur, Meister Artur Nikisch,
die Charakteristik sich in außerordentlich sicher ge-
faßter Bewegung konzentrierte. Daneben kam vor
allem ein an Eug. Carriere gemahnendes Mädchen-
bildnis in Betracht. Alexander Benois brachte uns
wieder Stücke aus seinem anscheinend unerschöpflichen
Schatze von Studien aus Versailles, daneben eine
schimmernd amüsante Harlekinade und Dekorations-
entwürfe für die Oper Boris Godunow. Im ganzen
— kein sehr glückliches Jahr für Benois. Desto besser
trat Mstislaw Dobuzynski auf mit zwei Straßenbildern
aus Petersburg; man muß diesen Griff in jeder Be-
ziehung mit Beifall begrüßen, denn unbegreiflicher-
weise haben die amüsanten malerischen Motive Peters-
burgs unsere Landschafter bisher wenig gereizt. Beide
Motive Dobuzynskis bringen Bauten aus der Zeit Alex-
anders I., von denen am Anfang dieser Korrespon-
denz die Rede war. Wie sehr Dobuzynski die Stimmung
dieser Zeit liebt, bewies das Bild »Provinz«, dessen
bleicher Farbenzauber und die halb wehmütige, halb
humoristische Auffassung so recht der absterbenden
Romantik entsprach, die den Weltschmerz und das
gellende Lachen Gogols erzeugte. Apollinari Wasne-
zow ist als Schilderer altrussischer Städte und Land-
schaften mit Staffage wohlbekannt; für dieses Mal aber
traten die »Rückkehr von der Jagd« und dergleichen
mehr in der Wirkung ganz zurück gegen die reali-
stischen Fluß- und Waldbilder, bald Winter-, bald
Frühjahrsstimmung, die sein Kommen von ungewohn-
ter, aber höchst erfreulicher neuer Seite zeigten.

Wir sind gewohnt, die Ausstellungssaison mit
Ostern zu schließen. Dieses Mal aber hatten wir dem
Auslande eine Verlängerung zu danken, die leider
nicht zugunsten der beiden ausländischen Unterneh-
mungen ausfiel. Zuerst wurde auf Veranlassung des
bayrischen Gesandten Grafen Moy durch Manfred v.
Busch die »Ausstellung München« organisiert, die
dank der vorgerückten Zeit, wo jeder Petersburger
nur Gedanken an Übersiedelung aufs Land mit sich
herumträgt, sehr wenig besucht wurde. Über ihren
Bestand aus lauter allgemein bekannten Stücken ist
hier nicht weiter zu reden. Als Ereignis war diese
Ausstellung sehr warm zu begrüßen, denn um die
Kenntnis ausländischer Kunst ist es trotz alles Inter-
esses bei unserem Publikum schwach bestellt. Vor
etwa zehn Jahren hat Sergei Diagilew mit Erfolg hier
ausländische Ausstellungen organisiert (aus der Er-
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