Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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ACAO.LESEH.

KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

»aase«

Verlag von E. A. SEEMANN in Leipzig, Querstraße 13
Neue Folge. XXI.'jahrgang 1909/1910 Nr. 35. 12. August.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur »Zeitschrift für bildende Kunst« monatlich dreimal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfaßt 40 Nummern.
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eingesandt werden, leisten Redaktion und Verlagshandlung keine Gewähr. Alle Briefschaften und Sendungen sind zu richten an E.A.Seemann,
Leipzig, Querstraße 13. Anzeigen 30 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen außer der Verlagshandlung die Annoncenexpeditionen an.

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Werner Weisbach, Impressionismus. Antike und Neu-
zeit, Bd. 1. Berlin, O. Orotesche Verlagsbuchhdlg. igio.
Wenn man die Neuerscheinungen auf dem Gebiete
der Kunstliteratur, die sich an ein größeres Publikum
wenden, in Betracht zieht, und ganz besonders diejenigen,
die sich mit Impressionisten beschäftigen, so wird man,
wenn man ganz objektiv sein will, merken müssen, wie-
viel Unklarheit, Übertreibung und Sensationshascherei in
ihnen enthalten ist. Die Vorzüge des Weisbachschen
Buches liegen in dem klaren, ruhigen Ton, in dem das
Ganze gehalten ist, in der Vorsichtigkeit des Verfassers
und der Übersichtlichkeit. Das Buch ist nicht etwa eine
langatmige ästhetische Untersuchung. Es versucht vielmehr
die impressionistische Tendenz in der Malerei von der
Antike bis auf den heutigen Tag zu verfolgen, und so
haben wir in dem Werke die erste Geschichte der impres-
sionistischen Malerei zu begrüßen. Der erste vorliegende
Band behandelt die Antike und die Neuzeit bis ans Ende
des 18. Jahrhunderts. Der Verfasser sieht in der antiken
Malerei auch allerlei impressionistische Züge, da können
wir ihm nun nicht folgen. Wir sind der Überzeugung,
daß der Antike in der Malerei wie in der Skulptur rein
illusionistische Ziele vorschwebten; und der Realismus, der
natürlich einer jeden illusionistischen Kunst sich bedienen
wird, darf nicht mit Impressionismus verwechselt werden.
Ein »l'art pour l'art« gab es in der Antike höchstens in
der reinen Dekoration. Und erst recht, wenn wir uns
Weisbachs eigene Worte, »impressionistisch heißt: in der
Kunst ganz allgemein etwas, was seinem Eindruck nach
auf Grund des persönlichen Eindrucks der schaffenden
Individualität zur Darstellung gebracht ist,« zu eigen
machen, ist es uns unmöglich, in der antiken Malerei
etwas Impressionistisches zu finden.

Nach der Antike kommt das »Venedig« betitelte Ka-
pitel. Nach kurzen einleitenden Worten über das Mittel-
alter und die italienische Renaissancemalerei geht der
Verfasser zu der ausführlichen Besprechung des malerischen
Problems in Venedig über. Aus der Fülle des Interessanten
in diesem Kapitel möchte ich nur die anregenden Aus-
führungen über Tintoretto hervorheben, der immer noch
in den breiteren Massen nicht seinem Verdienste nach
gewürdigt wird. Sehr ruhig, obwohl ausführlich und
durchaus verständnisvoll, wird die Kunst des Greco ge-
schildert; und diese Gerechtigkeit geschieht keineswegs
auf Rechnung des Velasquez. Wenn wir den Verfasser
richtig verstehen, so sieht er Grecos Bestes in seinen Por-
träts. Ein Standpunkt, den ein jeder ruhige Beobachter
teilen wird. Daß el Greco in koloristischer Beziehung auf
Velasquez anregend gewirkt hat, kann man ohne weiteres
zugeben, aber deswegen braucht man den großen Sevillaner

noch nicht zum Nachahmer zu stempeln! Sehr richtig sagt
Weisbach: »Was Greco fehlte, hatte er sich im höchsten
Maße erworben und gab nichts davon auf: Verständnis
von Formen und Proportionen, Sicherheit und Exaktheit der
Zeichnung.»

Auf das Kapitel über Spanien folgt dasjenige über
Frans Hals, Rembrandt und die anderen Niederländer.
Besonders eingehend und liebevoll wird die Kunst Rem-
brandts besprochen, seine Radierungen wie Handzeich-
nungen werden herangezogen, seine technischen Verdienste
werden des Näheren gewürdigt. Sehr interessant ist es,
zu konstatieren, daß Weisbach die Franzosen des 18. Jahr-
hunderts ebenfalls zu den Impressionisten zählt. Obwohl
wir nicht leugnen, daß »was er (Watteau) malte, ging in
letzter Linie auf Erlebnisse seiner Augen zurück«, können
wir doch nichts Impressionistisches in dieser Kunst finden.
Im Gegenteil, wir finden, daß der unmittelbare Eindruck,
also die Impression, in den Bildern eines Watteau, Lancret
oder Pater durch graziöse Arrangements gewissermaßen
verklärt erscheint. Auch in ihrer Technik können wir nichts
Impressionistisches entdecken. Die Behandlung der Lichter
und Schatten des Chardin, wie seine pastose Malart
berechtigen Weisbach jedoch, diesen Meister zu den Im-
pressionisten zu zählen. Sein »Stilleben« im Kaiser-
Friedrich-Museum hat etwas fast Manet- oder gar Cezanne-
artiges an sich.

Das Kapitel über Tiepolo und Guardi gehört unserer
Meinung nach zum besten, was je über diese Meister
geschrieben wurde. Mit besonderem Nachdruck weist W.
auf die Interieurbilder des letzteren hin, die auch in der
Tat die größte Aufmerksamkeit verdienen. Schließlich
Goya. Bei keinem anderen Maler war die Technik mit
dem geistigen Inhalte seiner Schöpfungen so verschmolzen
wie bei diesem. Weisbach gibt eine durchaus würdige
Darstellung seiner Kunst.

Das Buch ist gut geschrieben, man merkt, daß der
Verfasser seinen Gegenstand mit großer Liebe gehandhabt
hat. Besonders wohltuend wirkt die Schlichtheit der Aus-
drucksweise. Die Illustrationen werden den höchsten
Forderungen entsprechen. Besonders schön sind die Licht-
drucke, zum Beispiel der Vermeer des Prinzen Aremberg
in Brüssel, ausgefallen. Bernath.

St. Beissel, S. J., Geschichte der Verehrung Marias in
Deutschland während des Mittelalters. Freiburg i. B. 1909.
Herder. (XII u. 678 S. mit 292 Abb.) Preis 15 M.
Dieses neue Werk des erstaunlich produktiven Ver-
fassers zerfällt in einen kunstgeschichtlichen und religions-
geschichtlichen Teil. Die Disposition des Materials ist
so getroffen, daß die chronologisch zusammengehörigen
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