Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

Page: 209
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1910/0113
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

Verlag von E. A. SEEMANN in Leipzig, Querstraße 13
Neue Folge. XXI. Jahrgang 1909/1910 Nr. 13. H.Januar.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur »Zeitschrift für bildende Kunst« monatlich dreimal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfaßt 40 Nummern.
Die Abonnenten der »Zeitschrift für bildende Kunst« erhalten die Kunstchronik kostenfrei. — Für Zeichnungen, Manuskripte usw., die unverlangt
eingesandt werden, leisten Redaktion und Verlagshandlung keine Gewähr. Alle Briefschaften und Sendungen sind zu richten an E. A. Seemann,
Leipzig, Querstraße 13. Anzeigen 30 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen außer der Verlagshandlung die Annoncenexpeditionen an.

DAS RIJKSMUSEUM FÜR MODERNE KUNST
ZU AMSTERDAM.
Den 3. Dezember ist der neue Anbau am Rijks-
museum »Het Rijksmuseum voor Moderne Kunst«
eröffnet worden. Derselbe stößt an das sogenannte
»Fragmentengebouw«, ein kleines Gebäude, das mit
Fragmentstücken von abgebrochenen alten holländischen
Bauten geschmückt und durch einen Gang mit dem
Westflügel des Hauptbaues verbunden ist. Durch
diese Anbauten, wie das Museum selbst in Backstein
ausgeführt — der Bruchstein ist außer beim Keller-
geschoß nur zur Verzierung als Feston, zur Umrahmung
der Fenster und als Eckstein verwendet — wird der
Gesamteindruck des Gebäudes einigermaßen beein-
trächtigt; an sich aber, ohne Rücksicht auf den Haupt-
bau wirken das »Fragmentengebouw« und besonders
der neue Anbau in seiner ruhigen Einfachheit intimer
und vornehmer. — Die Räume sind niedriger und
kleiner, im oberen Stockwerk ist Oberlicht. Sehr
geschmackvoll ist das Treppenhaus, das mit seiner
kuppeiförmigen Rokokostuckdecke und -wandbeklei-
dung, die aus einem alten Rotterdamer Wohnhaus
stammen, seinem hohen in die Wand gelassenen Glas-
schrank mit altem Porzellan, seinen lebensgroßen
Familienporträts aus dem 18. Jahrhundert und seinen
Louis-XVI.-Stühlen ringsherum, etwas Anheimelndes
hat, so daß man sich nicht in einem Museum, sondern
in einem vornehmen Patrizierhaus glaubt; die Muste-
rung und Bemalung der Wände und Friese in den
Kabinetten selbst ist diskret und maßvoll; nur in
einem Raum ist etwas zu reichlich Gold verwendet.
Den wertvollsten Teil der hier untergebrachten Ge-
mäldesammlung verdankt man der Kunstliebe und
Freigebigkeit einzelner Privater; da der Staat hier im
allgemeinen für den Ausbau und die Vergrößerungen
der öffentlichen Kunstsammlungen nicht allzuviel
Mittel zur Verfügung stellt, so ist man hier vielmehr
als anderswo auf die tatkräftige Unterstützung und
Initiative wohlhabender Kunstfreunde angewiesen; die
haben denn auch hier nicht gekargt und eine Muster-
sammlung moderner Kunst zusammengebracht. In
erster Linie verdient da der Name Drucker genannt
zu werden, ein in London lebender Holländer, der
seine reichen Schätze neuerer holländischer Kunst
schon 1907 dem Museum leihweise überlassen und
jetzt in großherzigster Weise diese kostbare Leihgabe
in eine Schenkung umgewandelt hat. Dann haben

hier die Legate van Lynden und Westerwoudt und
die Leihgaben Hoogendyk und Cohen-Gosschalk
eine würdige Stätte gefunden. Die Glanzpunkte und
Hauptsehenswürdigkeiten der Galerie bilden die Ma-
risse und Mauves im Obergeschoß, die van Goghs
und Cezannes in den Räumen gleicher Erde.

Mehr genießen wird man im allgemeinen wohl im
Obergeschoß bei den Marissen und Mauves; die wirken
unmittelbarer; ihre Motive, die alle der heimischen
Natur entlehnt sind, sind uns vertrauter; dieStimmungen,
die sie in ihren Werken festhalten, kennen wir aus
eigener Erfahrung; diese mit Feuchtigkeit erfüllte Luft,
die alles Grelle und Laute der Farbe dämpft, spricht
im allgemeinen mehr zu uns, als die hellfarbigen,
Sonnenlicht-durchfluteten südlichen Landschaften van
Goghs und Cezannes, an deren Töne und Technik
sich unser Auge erst gewöhnen muß; um hier zu
einem Genuß kommen zu können, muß man erst
umlernen, geduldig und demütig muß man an diese
Offenbarungen herantreten, empfänglichen Sinnes
sich ihnen ganz hingeben und warten, bis sie zu
reden und zu wirken anfangen. Aber wenn man
sich die Mühe gibt, in diese Werke tiefer einzudringen,
dann wird das Fremdartige weichen und man wird
erkennen, daß auch hier echte Kunst ist. Haben wir
bei den Marissen mehr Formbeherrschung, mehr be-
wußte Gestaltung des Stoffes, macht diese Kunst auf
uns mehr den Eindruck der Reife und inneren Aus-
geglichenheit, so daß wir sie wie bei einigen Nacht-
stücken oder Stadtansichten von Jakob Maris, und
bei einigen von Sonnenlicht umwobenen Kühen an
heißen Sommertagen von W. Maris als klassisch be-
zeichnen möchten, so überwiegt bei van Gogh und
in einigem Abstand von diesem auch bei Cezanne
das unmittelbare, elementare Gefühl, das frei und
ohne Fesseln dahinströmt, das auch vor Maßlosig-
keiten nicht zurückschreckt. — Was einem nun van
Gogh als eine so einzigartige Persönlichkeit erscheinen
läßt, das ist das Ethische an ihm, das ist der große
Ernst seiner Kunstauffassung, das ist seine außer-
ordentliche Ehrlichkeit, die Unerbittlichkeit und Un-
bestechlichkeit, mit der er an die Natur herantritt,
der Mut, mit dem er seine Art des Sehens gegen
akademischen Schlendrian und schöntuerische Kon-
vention durchsetzt; daher auch die Macht, mit der
er uns in seinen Bann zwingt, daß wir die Dinge
ebenso sehen, wie er selbst. Die Kunst ist ihm sein
loading ...