Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Personalien — Wettbewerbe — Denkmäler — Ausgrabungen

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zur Ausführung gelangten, und endlich sind die ursprüng-
lichen Formen für Flaxmans Porträtserie vorhanden.
Letztere, von außergewöhnlicher Schönheit, tragen die
Signatur Flaxmans, und ebenso stehen unter den darge-
stellten Personen ihre Namen von des ersteren Hand.
Den bedeutendsten Wert legte Mr. Falcke stets auf eine
zur Sammlung gehörige und von Flaxman hergestellte
Kopie der »Portland-Vase«, die dem Original fast gleich-
kommt. Der Umstand, daß nicht wenige dieser Werke
der Kleinkunst reich gefaßt sind, bezeugt die Hoch-
schätzung, die man ihnen zollte. Flaxman war einer der
ersten von denen, die nach Winckelmanns Vorgang in den
Geist der antiken Kunst einzudringen suchten, und in
vielen seiner Schöpfungen zeigt sich eine überraschende
Größe der Komposition, verbunden mit einem edlen, reinen
Stil. Die in seinen Werken zum Ausdruck kommende
stille, ruhige Kunst zwingt zur inneren Einkehr, Sammlung
und Beschaulichkeit. Merkwürdigerweise galt bis vor
einigen Wochen eine Hauptarbeit Wedgwoods, ein kost-
bares Tafelservice von 952 Stücken, das der Meister für
die Kaiserin Katharina von Rußland für 3000 £ ange-
fertigt hatte, als verschollen oder vernichtet. Einflußreiche
englische Kunstfreunde ließen jedoch in ihren Bemühungen,
das Tafelservice wieder aufzufinden, nicht nach, und es
gelang ihnen auch, dasselbe so gut wie vergraben in
Peterhof zu entdecken. Der Kaiser von Rußland wird
demnächst baldigst sein Besitztum für eine Ausstellung in
London leihen.

Endlich veranstaltete das British Museum auf Veran-
lassung des Direktors vom Kupferstichkabinett, Mr. Sidney
Colvin, eine Ausstellung von Zeichnungen, Holzschnitten
und Kupferstichen Albrecht Dürers in chronologischer
Reihenfolge, die uns ein übersichtliches Bild von des
Meisters monumentaler, dramatischer Kraft geben. Die
Arbeiten beginnen mit einer Kopie seines im dreizehnten
Jahre angefertigten Selbstporträts, dessen Original sich in
der Albertina in Wien befindet, und endigen mit Werken
aus dem Jahre 1526. Die früheste hier vorhandene Original-
zeichnung ist eine Bleistiftstudie, ein junges Mädchen mit
einem Falken auf der Hand darstellend, 1485, also etwa
um dieselbe Zeit angefertigt wie die Federzeichnungsskizze
»Die Jungfrau und Kind« im Berliner Museum. Die hier
zum ersten Male in solcher Vollständigkeit und Übersicht-
lichkeit ausgestellte Sammlung erfreute sich einer außer-
ordentlich zahlreichen Besichtigung von Fachmännern,
Künstlern, Lehrern und ihren Schülern aus den höheren
Klassen. o. v, Schleinitz.

PERSONALIEN
Prof. Arthur Kampf, der Präsident der Königlichen
Akademie der Künste zu Berlin, ist zum Generalkommissar
der deutschen Abteilung auf der Internationalen Kunst-
ausstellung in Rom 1911 bestellt worden.

X Ludwig Knaus hat dem Vorstand des Vereins Ber-
liner Künstler auf dessen Glückwunsch zu seinem acht-
zigsten Geburtstage ein Dankschreiben zugehen lassen,
in dem es heißt: »Ich bin von der Anerkennung und Zu-
neigung, welche ich in meinem späten Lebensabend noch
erfahre, tief gerührt und überrascht, denn der Höhepunkt
meines Schaffens ist längst vorüber, und es wäre ganz
natürlich, wenn ich in Vergessenheit komme.«

WETTBEWERBE
Für ein Altländer Bauernhaus, ein ländliches Wohn-
haus und ein Arbeiter-Wohnhaus für das Altländer Gebiet,
wird vom Kreisausschuß York unter Mitwirkung des Ver-
eins für niedersächsisches Volkstum in Bremen ein Wett-
bewerb für Deutsche Architekten zum 10. Januar 1910 er-

lassen. Das Altländer Bauernhaus, von friesisch-holländi-
scher Abstammung, zeigt in dem farbenfrohen Anstrich
und den reichen Steinmustern der Fachwerkfelder Vorliebe
für das Lebhafte.

Einen Wettbewerb um Entwürfe für den Oster-
holzer Friedhof in Bremen schreibt die dortige Fried-
hofsdeputation bis zum 1. Februar für deutsche Bewerber
aus. Für drei Preise stehen 5000, 4000 und 1000 Mark,
für zwei Ankäufe je 500 Mark zur Verfügung.

DENKMÄLER

X Der Platz für das Berliner Fontane-Denkmal
ist nunmehr gesichert. Der Kaiser hat seine Zustimmung
zur Aufstellung des Marmorstandbildes von Max Klein am
Tiergartenrande, der Stülerstraße gegenüber, erteilt.

Einen eigenartigen Bismarck-Brunnen von Professor
Georg Wrba in Dresden hat jetzt Arnstadt in Thüringen
erhalten. Aus einem doppelten Brunnenbecken wächst
ein stilisierter Baumstamm hervor, dessen Zweige in drei
Reihen übereinander geordnet sind, jeder trägt das Wappen
eines der deutschen Bundesstaaten. An der Spitze des
Denkmals ist ein Medaillon mit dem Reliefporträt Bis-
marcks.

X Die Gestaltung des Abbe-Denkmals in Jena steht
nun fest. Henri van de Velde wird einen achteckigen
tempelartigen Bau schaffen, bei dem er Constantin Meuniers
nachgelassenes Werk »Das Denkmal der Arbeit« im Ent-
wurf benutzt, und vor allem auch die großen Reliefs des
belgischen Bildhauers verwertet. Im Mittelpunkt der An-
lage wird sich eine Herme des berühmten Forschers und
Menschenfreundes erheben, deren Herstellung Max Klinger
übernommen hat.

Das Segantini Denkmal in Arco, eine Schöpfung
des Turiner bildhauers Leonardo Bistolfi, ist am 24. Ok-
tober unter großer Beteiligung enthüllt worden. Auf un-
gehaltenen Felsblöcken steht der Meister frei in ganzer
Figur, Pinsel und Palette in der Hand.

AUSGRABUNGEN
Ausgrabungen auf dem Forum. Die Untersuchungen
des Commendatore Boni auf dem Forum Romanum haben,
wie wir »The Nation« entnehmen, neuerdings bemerkens-
werte Resultate hervorgebracht. Die Ausgrabungen der
beiden letzten übrig gebliebenen Gräber in der prähisto-
rischen Nekropole des Forums sind nunmehr vollendet. Man
fand darin große Tonkrüge, die zur Aufnahme von Ton-
modellen von Hütten, welche die Gebeine und die Asche
enthielten, dienten. Diese Hüttengräber waren in derselben
Richtung orientiert, wie alle vorher in diesem Begräbnis-
gebiet gefundenen Tonhütten. Fibulen und Vasen kamen
dabei auch zutage. Boni datiert diese Gräber in das 8.,
ja vielleicht auch in das 11. bis 12. Jahrhundert v. Chr.
Ferner wurde die Erde bei der Basilika Ämilia so weit
entfernt, daß man diese Arbeit als nahezu vollendet an-
sehen kann; und endlich wurden Untersuchungen bei einer
merkwürdigen heiligen Quelle gemacht, die man unterhalb
der sogen. Kirche von S. Cesario an der höchsten Stelle
der Via Sacra zwischen dem Titusbogen und dem Kolos-
seum gemacht hat. Die Quelle stammt aus der republi-
kanischen Periode. Man gelangt zu ihr auf einer Reihe
von Stufen, von denen man aber annehmen muß, daß sie
erst im Mittelalter hergerichtet worden sind. Boni ist der
Ansicht, daß die Quelle mit Inkubationsriten zu verbinden
ist, also daß man an dieser Stelle den Tempelschlaf zu
Heilzwecken ausgeübt hat. In einer späteren Periode
— als der republikanischen — wurde ein großes Dolium
(Tonfaß) in die Quelle gesenkt, um das Niveau des Wassers
zu heben. Dieses Dolium hat man jetzt gefunden. In
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