Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

Verlag von E. A. SEEMANN in Leipzig, Querstraße 13
Neue Folge. XXI. Jahrgang 1909/1910 Nr. 19. 11. März.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur »Zeitschrift für bildende Kunst« monatlich dreimal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfaßt 40 Nummern.
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LUDWIG HEVESI

Geboren 20. Dezember 1843 in Heves (Ungarn)
Oestorben 27. Februar 1910 in Wien

Ergriffen stehen wir vor der finstern Pforte: ein
Mann, in dessen Wesen sich philosophische Festig-
keit mit Freude an des Lebens Farbenspiel paarte, hat
sich mit ruhiger Hand, ohne Zeichen der Erregung,
ohne erkennbaren Grund in aller Stille erschossen —

Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und Werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

Seit langen Jahren lebte Ludwig Hevesi in Wien,
behaglich logiert in der inneren Stadt. Wenn er dann
so von der Walfischgasse langsam über die Straßen
ging, behäbig, mit kurzen schiebenden Schritten, den
Zylinder von dem voll umrahmten Gesicht ein wenig
zurückgeschoben, den finstern Blick des Humoristen
ins Nachdenkliche verloren — da war er schon so
etwas wie eine Wiener Figur geworden. Erst wenn
man bei ihm saß, gab er sich als der behagliche
Plauderer, der er von Natur war. Eine Feinheit war
in ihm und eine Courtoisie; er lärmte nie und er
drängte sich nie auf; langsam sprach er und mit
Überlegung. Die gerundete Statur reichlich mittelgroß
und sorgfältig gepflegt in der äußeren Erscheinung;
ein kräftig dunkelrotes Gesicht in dem blond-grauen,
etwas romantischen ungarischen Vollbart steckend;
darüber eine wohlgebildete Stirn unter starkem vollen,
lässig sich legendem Haar. Sein Auge hatte eine
ungemein reizende Mischung von Schelmerei und
herzlicher Wärme. Und dazu eine schöngebildete
Hand.

So saß Ludwig Hevesi an seinem Lieblingsplatz,
dem Schreibtisch. Denn er hatte den furor scribendi;
er schrieb nicht, weil er es bezahlt bekam, nicht weil
er sollte, — er schrieb, weil er mußte. Er hatte die
literarische Leidenschaft. Leicht liefen ihm die Worte
aus der Feder. So ein Hevesisches Manuskript war
in einem Zuge heruntergeschrieben, und ebenso rein-
lich sahen seine Korrekturbogen aus. Ihm fiel eben
noch immer etwas ein. Dies muß besonders gesagt
werden, weil seine Arbeiten sich manchmal so lasen,
als wenn er Einzelnes sehr weit hergezogen hätte.

Es war auch weit her, aber er hatte das längst ein-
gespeichert und assimiliert. Sein Ehrgeiz war, über
Kunst mit Kunst zu schreiben, und es ist wohl sicher,
daß es unter den regelmäßigen täglichen Kunstschrift-
stellern heute keinen zweiten gibt, der jede neue Er-
scheinung mit so viel begieriger Liebe durchdringt,
mit einer solchen Fülle von Erinnerungsbildern ver-
gleichen kann, mit einer solchen Belesenheit in das
zuträgliche literarische Klima versetzt, und all dem
mit einer solchen Schnelligkeit eigentümlichen Aus-
druck zu geben vermag.

Er liebte die Bonmots (leider auch manchmal den
Kalauer; das war noch sein peinlicher Erderest von
der älteren Schule her). Aber meist verließ ihn sein
guter Geschmack nicht; so fällt mir z. B. eben eine
reizende Wendung von ihm ein: »Das ist auch so
ein Bild, das einem nicht zu einem Auge herein und
zum andern herausgeht.«

Nun soll aber noch das Schönste von ihm gesagt
sein: daß er nicht rezensierte, sich blähte, das Barett
des Richters sich aufstülpte — nein, er war kein
Kunstkritiker, er war ein Kunsterklärer, ein Kunst-
verkünder.

Sein Schwärm und sein Überschwang war alles
Neue und Eigene. Ihm war der Wille zum Neuen
und Persönlichen oberstes Gesetz in der Kunst; er
war imstande, den wildesten Klimt dem besten
Knaus vorzuziehen. Und dies alles aus einer tiefen,
historischen Bildung heraus, die ihn schon vor dreißig
Jahren zum Prediger für die Anerkennung der Wald-
müller und Kriehuber, der Danhauser und Füger
machte. Aber erst seit der Gründung der Wiener
Sezession hatte er ganz sein Herz entdeckt, und es
war ihm kein Geringes, daß gerade er dem Hause
der Wiener Sezession die weithin leuchtende goldene
Inschrift geben sollte: »Der Zeit ihre Kunst, der
Kunst ihre Freiheit.«

Eine besondere Vorliebe hatte er für das persön-
liche historische Detail und liebte es mit solchen nur
den allerwenigsten bekannten kleinen Menschlichkeiten
seinen Feuilletons über Lebendiges und Totes einen
Perlenschimmer zu geben. Er hatte aber auch einen
großen Schatzbehalter, mit dem er seine Bildung und
seine Phantasie dauernd befruchtete: das war seine in
vierzig Jahren gesammelte Bibliothek — sein Irrgarten,
in dem er Freunde gern voll Stolz spazieren führte.
Da waren ganze Reihen gewisser Kuriosa. Zum Bei-
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