Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Nekrologe

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In den Jahren 1851 bis zu seiner Orientreise 1854
stellte der Künstler die sehr bekannt gewordenen Gemälde
»Schafherde an der englischen Küste«, »Claudio und Isa-
bella«, »Das erwachte Gewissen« und vor allem das seinen
Ruf begründende Werk »Das Licht der Welt« fertig. Durch
die Kritik Ruskins über dies Bild war die Schlacht der
Präraffaeliten gewonnen!

Nur in sehr geringem Grade bekannt geworden sind
die reizenden illustrierten Briefe, die Holman Hunt aus
dem Orient, und namentlich von Jerusalem aus, an die
Seinigen richtete. Als die drei Hauptbilder, die die Frucht
seiner Orientreisen bilden, muß man den »Sündenbock«,
»Die Auffindung Christi im Tempel« und »Der Triumph
der Unschuldigen« ansehen. Das letztgenannte ist das
wenigst erfolgreiche gewesen. In dem Gemälde »Der
Sündenbock« hat der Künstler mit einem solchen Geschick
und mit so überzeugender Naturtreue den effektvollen
Reiz und den Farbenzauber der Wüstenatmosphäre um
das Tote Meer herum wiedergegeben, wie es kaum ein
Meister vor ihm verstanden hat. Die Landschaft rings
herum ist stagnierend, die Gebeine der Tiere, die am
Strande verendet sind, liegen da wie armes, herrenloses
Strandgut, während am fernen Horizont die purpurnen
Berge Moabs sichtbar werden im Gegensatz zu dem salzigen
Schlamm und dem aschfahlen Staub von Gomorrha. Die
durch den Sonnenuntergang bewirkten violetten Töne, die
langen Purpurstreifen am fernen Horizont, die opaleszieren-
den Lichter des Orients im Kontrast zu der trostlosen Sand-
und Salzwüste mit den umherliegenden Kadavern und
allen sonstigen Schrecken einflößenden Zutaten, das Ge-
fühl hoffnungsloser Einsamkeit erzeugend, geben ein un-
vergleichliches Stimmungsbild.

Das charakteristische Werk »Christus im Tempel
gefunden« zeichnet sich besonders durch die höchst eigen-
artige Auffassung der sieben Rabbi aus. Sowohl die un-
gezwungene Gruppierung dieser Prachtfypen, ihre natür-
liche Haltung als auch der originelle Ausdruck jeder Einzel-
figur, in ihrem Fühlen und Denken alle Schattierungen
der Stimmung durchlaufend und erkennen lassend, ist
ebenso meisterhaft und maßvoll entworfen wie schön in
der Farbe ausgeführt.

Von anderen erwähnenswerten Gemälden nenne ich
noch »Isabella und den Basilikumkopf«, »Toskanische Stroh-
flechterin«, »Die Schatten des Todes«, »Die Braut von
Bethlehem«, »Amaryllis« und »Der Maitag auf dem Magda-
lenturm«. In dem großen Bilde »Das Wunder des heiligen
Feuers in der Grabeskirche zu Jerusalem«, das etwa
500 Figuren enthält, hatte sich der Künstler eine Aufgabe
gestellt, die wohl überhaupt von niemand bewältigt wer-
den kann!

Wie die tief- und weitgreifende Bedeutung von Watts
nicht in einzelnen Vorzügen, sondern in der gesamten Be-
tätigung seiner geschlossenen Persönlichkeit liegt, genau
so verhält es sich mit Holman Hunt. Beide sind durch
nichts zu bewegen gewesen, ihre Kunst durch äußere Vor-
teile beeinflussen zu lassen. Holman Hunt besaß ein un-
erschütterliches Gottvertrauen! Ebenso wie der Meister
nach einem halben Jahrhundert mit dem Gemälde »Das
Licht der Welt« in etwas veränderter Version zu seiner
künstlerischen Jugendepoche zurückkehrte, in derselben
Weise wandte er seinen Blick wieder zu der Artussage
durch das Bild »The Lady of Shalott«, dessen stofflichen
Inhalt er bereits zur Illustration des sogenannten »Moxon
Tennyson« verwertet hatte.

Oft habe ich aus des Meisters eigenem Munde den
jungen Künstlern gegenüber ausgedrückten Ausspruch ver-
nommen: »Malt, was ihr seht, malt es, wie ihr es seht,
aber sorgt stets dafür, daß es auch wert war, gesehen zu

werden!« Obgleich der nicht künstlerisch schaffende, aber
dem Bunde zugehörige William Michael Rossetti noch am
Leben ist, so war doch Holman Hunt die nie wankende Säule
des Präraffaelismus. Er besaß den »Order of Merit«,
die höchste künstlerische Auszeichnung, die unserm Orden
»Pour le merite« für Kunst und Wissenschaft entspricht.
Durch letztwillige Verfügung ist sein Körper verbrannt
und die Asche in der St. Pauls-Kathedrale neben Millais
und Turner beigesetzt worden, eine Tatsache, die jeden-
falls sowohl für den Verstorbenen als auch für den er-
freulich fortschrittlichen und duldsamen Charakter der eng-
lischen Geistlichkeit spricht. o. v. SCHLEINITZ.

NEKROLOGE

X In Berlin starb am 16. September Prof. Woldemar
Friedrich, der seit 1885 dem Lehrkörper der akademischen
Hochschule angehörte. Der Künstler, der ein Lebensalter
von 64 Jahren erreicht hat, war am 20. August 1846 in
Gnadau bei Magdeburg geboren. Er verlebte seine Kinder-
jahre in Lausanne, studierte dann seit 1863 zuerst in
Berlin, wo er zu den Schülern Karl Steffecks zählte, später
(seit 1865) in Weimar unter Ramberg, Plockhorst und Verlat
und faßte frühzeitig eine besondere Neigung zur Illustrations-
kunst, wie zur dekorativen Wand- und Deckenmalerei.
1870—71 machte Friedrich den Feldzug als Spezialzeichner
für das »Daheim« mit; er lieferte auch für das bekannte
Werk von Hiltl über den französischen Krieg die Illustra-
tionen. Es folgte ein längerer Aufenthalt in Italien. Dann
nahm Friedrich seinen Wohnsitz in Weimar, wo er 1881
eine Professur an der Kunstschule übernahm, und von wo
er vier Jahre später nach Berlin berufen wurde. Hier ent-
faltete er nun eine lebhafte künstlerische Tätigkeit. Gleich
nach seiner Ankunft in Berlin wurde ihm die Ausmalung
der Kuppelhalle des Ausstellungsgebäudes am Lehrter
Bahnhof übertragen, das damals, bei Gelegenheit der Inter-
nationalen von 1886, den sommerlichen Kunstausstellungen
eingeräumt wurde. Diese Malerei, die bis heute an ihrer
Stelle geblieben ist und ein Vierteljahrhundert lang allen
Veränderungen und Umbauten des Berliner Glaspalastes ge-
trotzt hat (als einziges Überbleibsel jener ersten Dekoration
vor 25 Jahren), fand damals wegen ihrer virtuosen Ver-
kürzungen und ihrer festlichen Wirkung allgemeinen Bei-
fall. Im Jahre darauf begleitete Friedrich den Herzog Ernst
Günther von Schleswig-Holstein auf seiner indischen Reise,
von der er zahlreiche Aquarelle und Zeichnungen mit-
brachte (z. B. für die bildliche Ausschmückung des Werkes
»Sechs Monate Indien« verwertet). Von seinen Illustrationen,
die noch durchaus der älteren Art des deutschen Buch-
schmuckes entstammten, seien die für Hallbergers Schiller-
ausgabe, für die vielverbreitete Goethebiographie von
Lewes, für eine Prachtausgabe von Julius Wolffs »Wilden
Jäger« genannt; von seinen dekorativen Arbeiten die Male-
reien in Schloß Hummelshain in Sachsen-Altenburg, einige
Deckenbilder im Berliner Schloß, im Buchhändlerhaus
(Kunst und Wissenschaft, Buchhandel und Buchdruck) und
im Reichsgericht zu Leipzig, der Vorhang für das »Neue
Theater« in Berlin; von seinen historischen Kompositionen
der »Reichstag zu Worms« in der Aula des Wittenberger
Gymnasiums und die »Rückkehr der Bürger von Bernau
nach Besiegung der Hussiten 1432« im Niederbarnimer
Kreishaus. Daneben entstanden mannigfache Landschaften,
Genrebilder und andere Gemälde, wie das »Blumenopfer
in einem Buddhatempel auf Ceylon«, »Die heilige Elisabeth,
Almosen spendend«, »Die Jahreszeiten« u. a. Auch das
Titelblatt einer Adresse an den Fürsten Bismarck beim
Scheiden von seinen Ämtern stammt von ihm. Als Friedrich
nach Berlin kam, wurde er Lehrer für Aktzeichnen, 1887
erhielt er die Antikenklasse. 1889 ward der Künstler Mit-
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