Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Wettbewerbe — Denkmalpflege

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glied der Akademie der Künste. Er gehörte auch seit
vielen Jahren der Landeskunstkommission an.

Der Dresdner Landschaftsmaler Bernhard Mühlig,
der kleine, feine Bilder mit Motiven aus Sachsen und
Böhmen zu malen pflegte, ist in Dresden, 8ojährig, ge-
storben.

Der im Alter von 86 Jahren in seiner Vaterstadt Paris
gestorbene Bildhauer Emanuel Fremiet kann wohl als
der größte französische Tierbildhauer nach Barye bezeichnet
werden, obgleich man ihn lange nicht neben diesen wahr-
haft genialen Tierbildner stellen kann. Fremiet hat die
französische Tierbildnerei gewissermaßen akademisch und
offiziell gemacht, was kein Tadel sein soll, aber ausdrückt,
daß dieser Künstler kein Pfadfinder, kein Stürmer und
Dränger gewesen ist. Eher könnte man ihn einen Gelehrten,
einen Professor nennen, und fast in allen seinen Arbeiten
ist diese übrigens sehr löbliche Gelehrsamkeit zu bemerken.
Fremiet war ebensoviel Naturforscher, Anatom, Archäolog
und Historiker wie Künstler, und mit sehr wenigen Aus-
nahmen sind fast alle seine Arbeiten gewissermaßen künst-
lerische Illustrationen wissenschaftlicher Untersuchungen.
Schon gleich im Anfange seiner Laufbahn stellte er seine
Kunst der Wissenschaft zur Verfügung, indem er für das
naturhistorische Museum Skelette, Muskulaturen und ganze
Körper von Menschen und Tieren modellierte. Nebenbei
sei erwähnt, daß auch Dalou, der größte monumentale
Bildhauer Frankreichs in den letzten fünfzig Jahren, eine
ähnliche Jugendzeit durchmachte und für einen Ausstopfer
Tierkörper aus Gips schuf, die dann mit den Tierhäuten
bekleidet wurden. Fremiet geriet durch diese Anfänge an
den prähistorischen Menschen und an seinen Ahnherrn,
den menschenähnlichen Affen, und schuf im Anschluß daran
eine große Anzahl solcher geschichtlich oder naturgeschicht-
lich interessanter Statuen, die man in den Pariser naturge-
schichtlichen Sammlungen wie allenthalben über Frankreich
zerstreut an den passenden Orten findet. Nachdem er den
prähistorischen Menschen modelliert hatte, ging er zur ge-
schichtlichen Zeit über und schuf den berittenen Gallier
und sein Gegenstück, den römischen Kavalleristen, die beide
auf einem Balkon des gallorömischen Museums im Schlosse
von St. Germain angebracht sind. Andere geschichtliche
Statuen, zumeist berittene Figuren, denn Fremiet verzichtete
nur ungern ganz und gar auf die Darstellung eines tieri-
schen Körpers in Verbindung mit dem Menschen, sind
Ludwig von Orleans im Schloßhofe von Josselin in der
Bretagne, der Ritter Duguesclin in Dinan und endlich die
beiden bekanntesten: der berittene Velasquez vor dem
Louvre und die Jeanne D'Arc an der Rue de Rivoli.
Daß er den spanischen Malerfürsten beritten dargestellt
hat, zeigt die Vorliebe Fremiets für Reiterstatuen. Indessen
hat er auch einige Statuen von »Infanteristen« geschaffen:
den langbärtigen und krummbeinigen Meissonier, den man
in Poissy bewundern kann, den heiligen Gregor von Tours
im Pantheon und erst vor wenigen Jahren einen kolossalen
Ferdinand de Lesseps, der jetzt die in Port Said ankommen-
Schiffe von dem äußersten Ende des Hafendammes be-
grüßt. Für die . Gärten des Trocadero hat Fremiet eine
ganze Anzahl kolossaler Tierfiguren geliefert: Elefant, Rhino-
zeros und andere, und neben seinen Reiterfiguren, die fast
alle ausgezeichnet und vortrefflich, wenn auch immer viel-
leicht etwas professorlich kalt sind, muß die hübsche Marmor-
gruppe des kleinen Faun mit den beiden jungen Bärchen
erwähnt werden, die im Luxembourg steht. Zur Vollständig-
keit sei auch noch sein großer Gorilla erwähnt, der ein
nacktes Weib wegschleppt, weil diese Gruppe vor dreißig
Jahren im Salon großes Aufsehen machte und damals viel
besprochen wurde. Frankreich verliert in Fremiet einen

sehr tüchtigen, gewissenhaften, fleißigen und allerwegen
Achtung verdienenden Künstler.

Im Alter von 65 Jahren ist Henri Rousseau gestorben,
der pensionierte Zollbeamte, der fünfundzwanzfg Jahre
lang das für Kunst interessierte Paris amüsierte. Rousseau
war eine Hauptstütze des Salons der Unabhängigen, und
seine überaus kindlich und naiv erdachten und ausgeführten
tropischen Urwaldabenteuer bildeten das Entzücken der
Besucher dieser an unfreiwillig komischen Erzeugnissen
reichen Ausstellungen. Vor acht oder zehn Jahren aber
wurde Rousseau infolge der modernen, naive Ungeschick-
lichkeit für höchstes Genie nehmenden Richtung zu einer
Art von Meister aufgebauscht, öffentliche und private
Sammlungen kauften Bilder von ihm, und wenn Rousseau
nicht tatsächlich ein durchaus kindisches Gemüt gewesen
wäre, hätte er leicht das damals heiße Eisen schmieden
und zu Ruhm und Geld gelangen können. Diese Gelegen-
heit hat er verpaßt, aber vielleicht holen es die Kunst-
händler noch nach und bringen seine, übrigens nicht sehr
zahlreichen, weil mit größtem Fleiß und peinlichster Sorg-
falt ausgeführten Landschaften, Bildnisse, Allegorien und
Urwaldbilder nachträglich an den Museumsmann.

Riccardo Mazzanti, Präsident der Florentiner Aka-
demie der schönen Künste, ist dieser Tage plötzlich ge-
storben. Er gehörte zu den besten Architekten Toskanas
und es gibt von ihm einige wirklich schöne Bauten,
wie die große Villa Philipson und das Casino Conti am
Viale dei Colli.

WETTBEWERBE

Für eine Oberrealschule in Jena schreibt der Ge-
meindevorstand einen Wettbewerb unter den Architekten
Sachsens und Thüringens bis zum 1. Februar 1911 aus. Für
den Bau stehen 480000 M., für Preise 2000, 1500 und 1000 M.
zur Verfügung. Dem Preisgericht gehören unter anderen
Theodor Fischer in München und Geheirnrat Härtung in
Dresden an.

X Der Verein für deutsches Kunstgewerbe in Berlin
schreibt auf Veranlassung der Gartenstadt Fronau in der
Mark Brandenburg einen Wettbewerb aus für Entwürfe
zu Straßenmasten und Straßenschildern. Es stehen ein
erster Preis zu 200 Mark und drei zweite Preise von je
100 Mark zur Verfügung. Außerdem sollen zwei Ankäufe
zu je 50 Mark erfolgen. Die Einsendung muß bis 7. No-
vember 1910 stattgefunden haben; verlangt werden zwei
Entwürfe im Maßstabe 1 : 10.

DENKMALPFLEGE
Klerus und Kunst. Verschiedene unliebsame Vor-
fälle, besonders in der Rheinprovinz, haben in den letzten
Jahren die Frage der künstlerischen Heranbildung der
katholischen Kleriker zu einer vieldiskutierten gemacht.
Es ist kein Zweifel, daß der sehr großen Verantwortung,
die der Geistlichkeit mit dem Schutze kirchlicher Kunst-
denkmäler besonders in kleineren Ortschaften aufgebürdet
ist, nicht immer Wissen und künstlerisches Feingefühl ent-
sprechen. Um so freudiger ist es zu begrüßen, daß jetzt
aus diesen Kreisen selbst sich die Stimmen mehren, die
für eine bessere Ausbildung der jungen Priester eintreten.
Professor Andreas Schmid-München beginnt im neuesten
Hefte (6) von Schnütgens »Zeitschrift für christliche Kunst*
einen sehr lehrreichen und gutfundierten Aufsatz über die
»Pflege der kirchlichen Kunst in den Priesterseminarien«,
der den Forderungen der Kunsthistoriker ziemlich weit
entgegenkommt. Man möchte nur wünschen, daß ein der-
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