Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Personalien — Denkmalpflege — Denkmäler — Funde — Ausstellungen

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Beda erreichen mit mehr Geschick als Verdienst den
Eindruck von Holzintarsiaarbeiten, entbehren aber nicht
eines gewissen Ernstes. Über der Menge ähnlicher
Darstellungen steht ein in vielen Variationen von Braun
gemalter Blick in die Kaufingerstraße von Charles
Vetter, ebenso ein kräftiges, nur etwas luftloses Wild-
stilleben von Charles Tooby. Ein Blumenstilleben
Rudolf Nissls zeigt einen sicheren, breiten, auch der
Form in befriedigender Weise nachgehenden Pinsel,
läßt aber noch den Wunsch nach größerer Wärme
und Harmonie der Töne reger werden. Schramm-
Zittau bewältigt in einem zwischen hohem Korn in
der Frühsonne dahinschreitenden Pferdegespann das
Lichtproblem in erstaunlicher Weise, ohne damit ein
Kunstwerk geschaffen zu haben. Sehr ernst zu nehmen
sind die Arbeiten Lothar Bechsteins. Seine »Orien-
talischen Frauen«, bei denen man sich in der Farbe
entfernt an Crespis Sakramentsbilder in der Dresdener
Galerie erinnert fühlen kann, sind in gewählt abge-
stimmten Tönen gehalten und zeugen von einer tieferen
Empfindung als man sie sonst in diesen Sälen im
allgemeinen antrifft. Auch die »Lesende Frau« und
das Selbstporträt stehen, wenn auch noch nicht ganz aus-
gereift, bedeutend über ihrer Umgebung. An graphi-
schen Arbeiten erregt eine Kollektion sehr geschickter
Radierungen von Frank Brangwyn (London) Aufsehen,
bei denen nur manchmal das Format so groß ge-
wählt ist, daß die Flächen nicht mehr in einer nicht
eintönig wirkenden Weise gefüllt werden können.
Von den drei virtuosen Kohlezeichnungen Leo Sam-
bergers verdient das Porträt Ferdinand Avenarius' den
Vorzug; die Bildnisstudie und das Porträt des Pater
Gietmann hingegen widerstreben in ihrem Hinarbeiten
auf reine Illusion, noch dazu mit den gröbsten Mitteln,
einem feineren Geschmack.

Unter den wenigen Plastiken fiel mir eine sorg-
fältig gearbeitete, wenn auch nicht sehr persönliche
Frauenbüste von Hans Schwegerle auf. A. CR.

PERSONALIEN

4- München. An Stelle Prof. Karl Volls, der das Amt
eines 2. Vorstandes der kunstgeschichtlichen Oesellseilschaft
niedergelegt hat, wird Geheimrat Hugo von Tschudi zum
2. Vorstand gewählt werden.

Stuttgart. Als Nachfolger des verstorbenen Professors
Stier, ist Hofphotograph Widensohler zum Konservator
des Württembergischen Kunstvereins ernannt worden.

DENKMALPFLEGE

Aufnahme von Baudenkmälern Berlins. Der

Deutsche Reichsanzeiger teilt folgendes mit: »Die König-
lich preußische Meßbildanstalt zu Berlin beginnt jetzt eine
erschöpfende Aufnahme der Baudenkmäler Berlins. Zuerst
sollen hierbei die Privatgebäude berücksichtigt werden,
die vor oder bis Anfang des neunzehnten Jahrhunderts
errichtet und von baugeschichtlichem Werte sind. Vor allem
anderen kommen die Häuser zur Aufnahme, die Neubauten
zum Opfer fallen sollen. Bei der allgemeinen Wichtigkeit
der Aufnahmen, besonders für die Haupt- und Residenz-
stadt Berlin, ist zum guten Gelingen der Arbeit das weit-
gehendste Entgegenkommen zu wünschen. Wertvolle
Ansichten finden sich aber nicht nur auf den Straßen,
sondern auch im Innern der Häuser, auf Höfen, Treppen

und in Sälen und Zimmern. Zu diesen ist der Zutritt nur
mit Genehmigung der Hauseigentümer und Mieter mög-
lich, der bisher ja auch immer bereitwilligst gestattet worden
ist. Hoffentlich finden die Aufnahmearbeiten auch ferner
von Seiten der hauptstädtischen Bevölkerung die zu ihrem Ge-
deihen nötige Unterstützung, selbst wenn dies» mit einigen
Unbequemlichkeiten für die Bewohner verknüpft ist.«

DENKMÄLER
Venedig. Am 22. März wurde in den giardini publici das
Monument desGustavoModena, des 1803 hier geborenen
und 1861 in Turin gestorbenen, als Schauspieler und Patriot
hochgefeierten Mannes, enthüllt. Das im ganzen sieben Meter
hohe Denkmal ist von Professor Carlo Lorenzetti model-
liert und von E. Munaretti in Bronze gegossen worden.
Dem Bildhauer und Gießer macht es alle Ehre, da es das
Wesen des feurigen Mannes, der in der schönsten Zeit
seines Lebens und seines Vaterlandes alles diesem opferte,
vortrefflich wiedergibt. Modena ist deklamierend darge-
stellt, in sprechender Bewegung und Gebärde. Das Un-
beugsame des Republikaners, des Freundes Mazzinis, ist
in dem kräftigen Schädel und Nacken voll zur Geltung ge-
bracht — Die Besucher der InternationalenAusstellung, welche
unwiderruflich am 25. April eröffnet werden wird, werden
alle Ursache haben, sich der neuesten Zierde des Volks-
gartens, dieses Standbildes, zu erfreuen. a. Wolf.

FUNDE

4- München. In der Nähe von Lochham (Oberbayern)
wurde ein Gräberfeld der Bronzeperiode aufgedeckt. Es sind
elf große Hügelgräber, die eine Fläche von 200 Meter
Länge und zirka 20 Meter Breite bedecken. Gefunden
wurden mehrere Skelette in Hockerstellung, Tongefäße,
Bronzenadeln, -Beile, Dolche, Armreife und Pfeilspitzen.
Die Entstehungszeit dieser Gräber setzt man in die Zeit
des Jahres 2000 vor Christi Geburt. Ihr Inhalt soll in
der Anthropologisch-prähistorischen Sammlung des Staates
aufgestellt werden.

AUSSTELLUNGEN
X Die Berliner Sezession hat am 16. April ihre
zwanzigste Ausstellung, die zwölfte ihrer großen Sommer-
veranstaltungen, eröffnet; die erste Ausstellung nach den
tiefgehenden Konflikten, die vor einigen Monaten fast einen
Bruch der ganzen Organisation herbeigeführt hatten. Die
Folgen dieser inneren Kämpfe sind deutlich genug zu
spüren. Wenn auch der Ansturm gegen die Gründer und
bisherigen Leiter der Sezession durchaus nicht lediglich als
ein Kampf der »Jungen« gegen die »Alten« aufzufassen war,
so zeigt sich doch, daß die wilden Neuerer diesmal mit
mehr Erfolg an die Pforten geklopft haben als früher.
Nicht gerade zum Vorteil der Ausstellung. Denn es ist
viel Unausgegorenes, Problematisches, Experimentatorisches
hineingeschlüpft, was schärferer Kritik nicht stand hält.
Mit klugem Bedacht gestaltete Max Liebermann seine Er-
öffnungsrede darum zu einem Mahnruf an die Adresse der
Unbekümmerten, die nicht wissen, daß nur derjenige neue
Gesetze aufstellen, ja auch nur den Trägern neuer Gesetze
folgen kann, der die alten verdaut und überwunden hat —,
und daß nur das Genie, das bei uns immerhin dünn gesät
ist, den Passierschein hat, diese Regel souverän zu durch-
brechen. Der Nachwuchs ist nicht immer dieser abge-
klärten, weisen Ansicht, und so drangen denn tatsächlich
allerlei bedenkliche Dinge ins Ausstellungshaus am Kur-
fürstendamm, denen nicht ohne weiteres die Berechtigung
dazu innewohnte. Dadurch ist eine Buntheit und Unruhe
in das Ganze gekommen, die nachdenklich stimmt und
die noch erhöht wird durch eine auffallende Unsicher-
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