Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Nekrologe — Personalien — Denkmalpflege — Funde

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Weise erläutert worden. Diese beiden Städte sind
offenbar nicht römische Siedelungen gewesen, sondern
romanisierte Häuptlingsstädte der keltischen Stämme.
Die öffentlichen Bauten sind allerdings italienisch.
Die Häuser aber zeigen Grundrisse, wie sie auch in
Nordgallien erscheinen, und die man als keltisch be-
trachten darf. —

Damit schließen wir unsere Nachlese ab, die in
keiner Weise auf Vollständigkeit Anspruch machen
soll, sondern die nur die Interessenten auf das hin-
weisen mag, was die ausgezeichneten Jahresberichte
des Archäologischen Anzeigers alles Neues zu bringen
hatten. —

NEKROLOGE

Ludwig Schmid-Reutte f- Der Tod hat in diesen
Tagen in die Reihen der Karlsruher Künstlerschaft wieder
eine empfindliche Lücke gerissen. Am 13. November erlag
Ludwig Schmid-Reutte einem hoffnungslosen Leiden, das
ihn seit langer Zeit seiner künstlerischen Tätigkeit entzogen
hat. Die Bedeutung des Verstorbenen lag auf zwei Ge-
bieten: dem des Lehrens wie dem des eigenen Schaffens.
Seine Lehrtätigkeit, die er schon mit neunzehn Jahren in
München begonnen und seit 1899 als gefeierter Lehrer des
Aktzeichnens an der Karlsruher Akademie ausgeübt hat,
war von Anfang an von großem Erfolg begleitet. Dagegen
hat ihn das eigene Schaffen erst nach langem und heißem
Ringen dem Ziel nahe geführt. Schmid-Reuttes eigenste
Kraft liegt vor allem in der Wiedergabe der organischen
Konstruktivität des menschlichen Körpers und seiner orna-
mentalen Linienschönheit. Dabei rang sein leidenschaft-
liches Naturell mit hohen Problemen der kompositionellen
Gestaltung. Aber lange mühte er sich vergebens mit der
Aufgabe, seinen Kompositionen einen farbig und formal
geschlossenen Aufbau zu geben. Die meisten seiner früheren
Arbeiten behalten trotz aller Monumentalität der Einzel-
figur etwas Fragmentarisches, Skizzenhaftes im Ganzen.
Erst in seinen allerletzten Werken, wie in der Kreuzigung
(Karlsruher Kunsthalle) und vor allem in den Ruhenden
Flüchtlingen (Stuttgarter Kunsthalle) schafft sich das Ringen
nach monumentaler Geschlossenheit der Linien auch im
gesamten Aufbau Bahn. So sehr übrigens Schmid-Reutte
in diesen Werken das Formale betont, so zeigen doch
Arbeiten seiner Frühzeit, daß er auch starke malerische
Qualitäten gehabt hat; und in einer Reihe von Porträt-
und Studienköpfen seiner allerletzten Zeit macht sich sogar
ein impressionistischer Zug, die Natur auf Ton zu sehen,
auffallend stark geltend. Die Vereinigung dieser beiden
Elemente — des malerischen und des zeichnerischen —
wäre wohl das letzte Problem seiner Entwickelung ge-
wesen. Schmid-Reutte (geboren 1863 in Lech-Aschau bei
Reutte) stand erst in der Mitte der Vierziger, als seine
Kraft zusammenbrach: so hat seinem ernsten Ringen nach
dem höchsten Ziel der Kunst vielleicht nur ein zu früh
dazwischen tretendes tragisches Geschick den ganzen Er-
folg versagt. K- Widmer.

William Power Frith, der Nestor der englischen
Maler, ist am 1. November im 91. Lebensjahre in London
gestorben. Er war am 9. Januar 1819 in Yorkshire geboren.
Frith war einer der besten Schilderer des englischen Volks-
lebens. Die öffentlichen Szenen, die seine Bilder vorführen,
zeugen von packender Beobachtung und gesundem Humor.
Sein berühmtestes Bild ist »Der Derby tag« in der National-
Gallery. Die Tate-Gallery besitzt von ihm »Die Eisenbahn-
station«, für das er 160000 Mark erhielt. Auch als Schrift-
steller hat sich Frith bekannt gemacht.

Baron J. Chestret de Haneffe, Vorsitzender der
Königlich Belgischen Gesellschaft für Münzenkunde, seit
1893, und Mitglied der Belgischen Akademie der Wissen-
schaften, ist in Lüttich gestorben. a.r.

PERSONALIEN
Leo Putz in München ist vom Prinzregenten von
Bayern der Titel Professor verliehen worden.

DENKMALPFLEGE
Auch ein Akt der Denkmalpflege! »Man kennt
die Anekdote von dem Bauern, der zu seiner Verwunde-
rung erfahren hatte, daß eine gelehrte Gesellschaft bei
ihrer nächsten Tagung sein merkwürdiges altes Fachwerk-
haus besichtigen wolle: er riß die Bude ein und ließ sich
von einem Maurermeister aus der nächsten Stadt ein neues
bauen, um die Gäste würdig zu empfahen. — Also auch
der Kirchenvorstand der Jerusalems-Gemeinde zu Berlin,
der bei dem noch sehr ungenügend organisierten öffent-
lichen Denkmalsschutz leider mit den ihm anvertrauten
Grabdenkmälern machen kann was er will. Grab und Stein
des Dichters E. T. A. Hoffmann waren noch vor wenigen
Jahren in dem schönsten Zustande. Aber das 1822 von
Hoffmanns 24 Freunden gesetzte Denkmal war nur aus
Sandstein, und der gilt im Zeitalter der Siegesallee nicht
für voll. Hoffmann kam bekanntlich Anfang des Jahr-
hunderts in Mode, und der besagte Kirchenvorstand wollte
nicht hinter seinerzeit zurückbleiben; eine »Grabdenkmal-
fabrik« (so nennt das Unternehmen sich im Adreßbuch)
erhielt also den Auftrag, den schoflen, alten Stein mit seiner
dämlichen Symbolik durch einen modernen ohne unnützes
Beiwerk zu ersetzen. Ein »Arbeiter« der »Fabrik« zer-
trümmerte das sinnige Werk des alten Meisters mit der
selben Wonne, mit der die Angehörigen gewisser Völker-
schaften ihre Greise schlachten, und man stellte statt dessen
ein Stück Granit in Form eines Plättbretts hin. Der Text
des alten Steines ist in der Handschrift eines fleißigen
Schulmädchens mechanisch wiederholt, auch der Zusatz
,Gewidmet von seinen Freunden', der hier eine offenkundige
Fälschung bedeutet und dem Wissenden wie Hohn klingt.«
— Diese heiter-traurige Episode steht zu lesen in dem
Werke »E. T. A. Hoff mann im persönlichen Verkehr«, das
Hans von Müller, der feine und gelehrte Hoffmann-Kenner,
herausgegeben hat.

FUNDE

Über ein neu aufgefundenes Werk von Petrus
Cristus berichtet, unterstützt von einer Abbildungstafel,
Walter Cohen in dem soeben erschienenen Heft 8 der
»Zeitschrift für christliche Kunst«. Als man vor etwa drei
Jahren das Schloß Vollrads bei Winkel im Rheingau er-
neuerte, fand sich dort eine niederländische Kreuzigung
mit dem Datum 1559. Der Versuch, das unbedeutende
Bild ein wenig zu reinigen, brachte die Entdeckung, daß
darunter ein anderes, erheblich älteres Gemälde saß. Auch
der Rahmen erwies sich als überschmiert. Nach dessen
Entblößung präsentierte sich der echte alte flache Rahmen,
mit einer Umschrift, deren untere Zeile lautet: Petrus Xdi
me fecit a. d. 1449. Das Bild selbst fand sich nach voll-
ständiger Ablösung der Übermalung verhältnismäßig gut
erhalten. Seine Echtheit als zweifelloser Petrus Cristus
bestätigte zuerst Dr. Swarzenski, und dieser Meinung
schließt sich auch Dr. Cohen in seiner Veröffentlichung
an, ebenso wie die anderen Kenner, welche das Bild ge-
sehen haben. Nachdem der Kölner Restaurator Fridt, be-
raten von Professor Schnütgen, nunmehr das Bild voll-
ständig hergestellt hat, hängt es jetzt wieder im Vollradser
Schloß. — Das Bild gibt die Halbfigur einer das Kind
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