Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Die Florabüste im Kaiser-Friedrich-Museum —

Die Neuordnuug der Alten Pinakothek in München

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WEITERES ZUR FLORABÜSTE IM KAISER-
FRIEDRICH-MUSEUM
In meinem letzten Artikel über die Florabüste hatte
ich es nicht für nötig erachtet, auch auf die von
Herrn Tolfree in Southatnpton verbreitete Hypothese
einzugehen, nach der die Büste, ein Renaissancewerk
des 16. Jahrhunderts, aus dem Besitz des Lord Palmer-
ston stamme; denn die Glaubwürdigkeit des genannten
Zeugen war inzwischen durch einen Brief des Herrn
Cooksey an die »Times« vernichtet. Da dieser am
16. Dezember erschienene Artikel der Aufmerksamkeit
der verehrlichen Redaktion der Kunstchronik ent-
gangen war, als sie am Ende der Aufsätze über die
Flora in der letzten Nummer eine Nachricht betreffs
Tolfree hinzufügte, so erlaube ich mir aus der Times-
Nummer hiermit einiges wörtlich zu übersetzen. Ich
schicke voraus, daß Herr Tolfree behauptet hatte, es
habe nach dem Tode von R. C. Lucas eine Auktion
eines Teiles seines künstlerischen Nachlasses stattge-
funden, als deren Leiter von ihm die Firma Perkins
and Sons bezeichnet wird. Von dieser Auktion habe
er, Tolfree, die Büste ausgeschlossen, da sie nach An-
sicht seiner Chefs, der Auktionsleiter, das Eigentum
des Lord Palmerston oder seiner Erben sei. So zu
lesen in dem amtlichen Bericht des Herrn Dr. Posse
über seine Nachforschungen in England. — Ich habe
hierauf bereits erwidert, daß es sich, selbst wenn man
dieser Nachricht Glauben schenken will, nur um eine
Hypothese handeln könne, der andere gewichtigere
Zeugnisse entgegenstehen. Zu allem Überfluß erfahren
wir nun aber, daß Herr Tolfree mit dieser Behauptung
und mit seinen ferneren Behauptungen, daß zufolge
des Testamentes von R. C. Lucas einige seiner Ar-
beiten zerstört seien und daß der Testamentsexekutor
ein gewisser Herr Rogers gewesen sei, sich, gelinde
gesagt, im Irrtum befindet. Herr Cooksey veröffent-
licht zunächst das holographische Testament von R.
C. Lucas, in dem er als Testamentsexekutor seinen
Sohn A. D. Lucas und nicht Herrn Rogers einsetzt,
wobei kein Wort von der Zerstörung gewisser Arbeiten
gesagt wird. Ferner aber erfahren wir, daß die Firma
Perkins and Sons, die angeblich die Auktion veran-
staltet haben sollte, nach Angabe des Sohnes Lucas
bei der Veräußerung des väterlichen Nachlasses nicht
in Tätigkeit getreten ist. Es hat damals überhaupt
keine Auktion stattgefunden; vielmehr wird ausdrück-
lich konstatiert: »das künstlerische Besitztum in Chil-
worth wurde bei dem Tode des Herrn R. C. Lucas
nicht verteilt oder weggegeben.«

Im übrigen wird über den Zeugen folgendes ge-
sagt: »Herrn Tolfrees Feststellungen über diesen Punkt
(— die Existenz der Büste vor 1846 —) werden
rundweg bestritten von Personen, die zum min-
desten ebenso verläßlich sind und besser in der Lage,
die Tatsachen zu wissen, als Herr Tolfree, was durch
unzweifelhafte urkundliche Belege bestätigt werden
kann. Trotzdem war es dem Herrn Tolfree gestattet,
unbeschämt und ungescheut in Ihren Spalten (— den
Spalten der Times —) vor den Augen der Welt nicht
eine Rechtfertigung oder Erklärung der unbegründeten
Behauptungen zu veröffentlichen, die ihm in dem

Sachverständigenbericht des Berliner Museums zuge-
schrieben werden, sondern einen Mischmasch phan-
tastischen Unsinns und weiterer — na — Ungenauig-
keiten«. Da Herr Tolfree auf diese sehr energische
Abfertigung die Antwort schuldig geblieben ist, so
dürfen wir ihn wohl getrost zu einigen anderen in-
zwischen erledigten Verfechtern der Echtheit oder des
Altertums der Flora rechnen.

Im übrigen enthält der erwähnte Brief des Herrn
Cooksey einen Schlußpassus, der es wert ist, der
Vergessenheit entrissen zu werden. Ich übersetze auch
diesen, so gut ich kann: »Wenn Herr Tolfree doch
nur die Bereiche der Phantasie verlassen wollte und
erzählen, was sich in Wirklichkeit bei dem historischen
Diner mit dem geheimnisvollen fremden Herrn und
seinen Begleitern ereignet hat und uns die Art und
den Umfang seiner damaligen und späteren Verhand-
lungen mit ihnen mitteilen wollte, so würde er viel-
mehr zur Feststellung der Wahrheit beitragen, als
indem er den Beamten des Kaiser-Friedrich-Museums
sein persönliches Zeugnis über ihre hohen künst-
lerischen Fähigkeiten ausstellt, welches sie, wie ich
überzeugt bin, nach seinem wahren Werte einschätzen
werden.« G. PAULI.

DIE NEUORDNUNG DER ALTEN PINAKOTHEK
IN MÜNCHEN

Samstag, den 18. Dezember vormittags 11 Uhr,
wurde die Alte Pinakothek zu München dem allge-
meinen Besuch wieder frei gegeben, nachdem ihre
Tore Wochen lang fest verschlossen waren und man
nur gelegentlich durch Eingeweihte Andeutungen über
die eifrige und geheimnisvolle Arbeit in ihrem Innern
hatte erhaschen können. Die Neugierde, was sich
den Augen beim ersten Besuch darbieten werde, war
sehr groß; so groß, daß man eine bedeutende An-
zahl richtiger und echter Münchner am 18. und ig.
der Galerie zuwandern sah, was sicher in den näch-
sten zwanzig Jahren nicht wieder vorkommen wird.
Auch Künstler wurden als seltene Gäste in größerer
Menge gesehen, welches Faktum ich eigens verzeichne,
da leider immer noch Böcklins Wort gilt, daß man in
München, wenn man keinem von der Zunft begegnen
wolle, in die Pinakothek gehen müsse. Im allge-
meinen scheint nun der erste Eindruck auf das Publi-
kum doch ein bedeutender gewesen zu sein und man
mag gefühlt haben, daß hier eine energische und um-
sichtige Hand, geleitet von gutem Geschmack, am
Werk war. Ob nicht noch Angriffe nachkommen
werden, müssen wir erst abwarten.

Schon vor Jahren hatte man sich mit dem Ge-
danken getragen, die Pinakothek durch Ausscheidung
einer Anzahl weniger bedeutender Gemälde von un-
nötigem Ballast zu befreien, um dadurch den guten
Werken Luft und Atmungsmöglichkeit zu verschaffen.
Geheimrat von Reber hatte zu diesem Zweck ca. 60
Bilder ausgewählt, die den Filialgalerien zugewiesen
werden sollten. »Sollten« sage ich, denn vorher trat
eine unserer berühmten Kommissionen, die die Aus-
wahl zu prüfen hatte zusammen, damit nicht durch
allzu extravagante Reformationsgelüste ihres Leiters
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