Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Neues aus Veuedig — Personalien

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NEUES AUS VENEDIG

Das Allerneueste für Venedig selbst ist jedenfalls der
überraschende Entschluß der Stadtverwaltung, nachdem die
achte internationale Kunstausstellung kaum beendigt, die
neunte, statt erst in zwei Jahren, schon im Frühling 1910
zu eröffnen. Dieser kühne Entschluß, welcher dem Ge-
schäftsleiter Tradeletto alle Ehre macht, wurde zur Not-
wendigkeit, wenn nicht die neunte im Jahre 1911 mit der
Jubiläumsausstellung in Rom zusammenfallen sollte, oder
gleich nachher abgehalten, ein sicheres Fiasko herbeigeführt
haben würde. Der patriotische Entschluß der Venezianer
hat nicht nur in Rom, sondern durch ganz Italien enthu-
siastischen Beifall hervorgerufen. Es war die eben am
7. November geschlossene Ausstellung jedenfalls die be-
deutendste der bis jetzt hier abgehaltenen, und von wahrer
internationaler Wichtigkeit und durch die Sammelaus-
stellungen hervorragender in- und ausländischer Künstler
von größtem Interesse. Das finanzielle Ergebnis ist denn
auch ein überaus befriedigendes. Die Verkaufssumme war
am Schlüsse der Ausstellung auf 540791 Lire angewachsen,
wozu dann durch nachträgliche Verkäufe weitere 100000
Lire kamen. Es ist dieses Resultat um so bemerkenswerter,
wenn man in Betracht zieht, daß die Hälfte der Gemälde
unverkäuflich war, und daß gerade diese das Beste der
Ausstellung ausmachte. Nach Abzug der Ausgaben bleiben
90000 Lire Gewinn. Ob nun auch bei dieser nächsten
Ausstellung das System der Wandergalerie festgehalten
werden wird, ist noch unbekannt, doch ist sicher, daß die
Ausstellung sich fast nur durch Werke Eingeladener füllen
wird. Man scheint in Deutschland die Bedeutung der
hiesigen Ausstellungen noch immer zu unterschätzen.

Jedem Besucher Venedigs muß dessen Aufschwung
durch die rührige Bautätigkeit in allen Teilen der Stadt in
die Augen springen. Große prächtige Schulgebäude ent-
stehen, Krankenversorgungsanstalten, geräumige Arbeiter-
wohnungen, in welchen allen Anforderungen modernen
Lebens Rechnung getragen wird. Erstaunlich ist, daß die
meisten dieser Neubauten keinen allzu grellen Gegensatz
bilden gegen die venezianische Architektur und nur in
wenigen Fällen das Stadtbild verunzieren. In kleineren
Gebäuden wird sogar der venezianisch-gotische Stil als
maßgebend betrachtet. Die kürzlich enthüllte neue Fassade
der Kirche S. Silvestro dagegen ist im Renaissancestil er-
baut worden. Weniger erfreulich ist ein großer Palast,
errichtet neben dem Fondako dei Tedeschi (der jetzigen
Post). Die Restaurationen der monumentalen Kirchen
nehmen immer größere Dimensionen an, und werden, den
Umständen gemäß, rasch weitergeführt. Das rechte Quer-
schiff in S. Giov. e Paolo ist nun auch von Gerüsten frei
und das mächtige Fenster mit den Glasgemälden der Viva-
virini unvollkommen wiederhergestellt. Erfreulich ist die
Bildung eines Komitees unter dem Vorsitze des vielver-
dienten Molmenti, welches sich die Aufgabe stellt, die
Restauration der Cappella del Rosario mit Eifer zu betreiben.
Bekanntlich ist dieselbe, ein Votivdenkmal des Seesieges
von Lepanto, im Jahre 1867 ein Raub der Flammen ge-
worden, deren Opfer außer dem wertvollen Bilder- und
Skulpturenschmuck, der Kapelle das herrliche Bild des
Tizian »Tod des Petrus Martyr«, sowie Giovanni Bellinis
große Altartafel »Madonna in trono« wurden. Lange nach
der Feuersbrunst wurde die Kapelle wieder provisorisch
neugedeckt, die Fensteröffnungen wiederhergestellt, der
prächtige Altar vor weiterem Einstürze und Zerbröckeln
geschützt. Hierbei hatte es durch Jahrzehnte hindurch
sein Bewenden. Es wurde zwar beständig gesammelt zum
Zwecke des Wiederaufbaues; doch verringerte die Erhebung
des Eintrittsgeldes die Gaben, bis durch den Einsturz des
Campamle von San Marco das Interesse ganz und gar ab-

gelenkt wurde. Erst als dann die Gebeine des Sebastiano
Venier, des Siegers von Lepanto 1907 aus Murano nach
S. Giov. e Paolo übertragen wurden, und dessen Bronze-
statue von der Hand und ein Geschenk Dalzottos am
Portal der abgebrannten Siegeskapelle aufgestellt ward, er-
innerte man sich der einst übernommenen Verpflichtung.
Weitere zwei Jahre vergingen, bis nun Molmenti die An-
gelegenheit wieder in Fluß gebracht hat. Es wird sich
zeigen, ob er imstande ist, die lächerlich kleine Summe
von 17000 Francs, die man zusammengebracht hat, ins
wenigstens Zehnfache zu vermehren. "

In der Frarikirche ist um so mehr geschehen. Der
ganze Körper der Kirche, bis zum Querschiff ist freigelegt
und hat seine ursprünglichen Triforien, seine Steinschnitt-
bemalung wieder erhalten. Achtundfünfzig Quadratmeter
Gewölbe in der Kreuzesvierung sind neu hergestellt wor-
den. Die Malereien im Hauptchorgewölbe sowie den
drei Seitenkapellen rechts sind von der Tünche befreit
worden. Die ganze Umgebung der beiden großen Dogen-
grabmale Tron und Foscari waren al fresco bemalt in reich-
farbigen Teppichmustern. Auf Grund des Entdeckten wird
nun Cherubini das Fehlende ergänzen. Von welcher Be-
deutung für diese beiden einst in Gold und Farben prangen-
den Denkmäler diese dekorativen Malereien waren, ist beim
Aufdecken derselben mehr als je klar geworden. Von den
sechs Kapellen des Querschiffes sind nunmehr drei restau-
riert. Der häßliche Altar der mittleren wurde durch einen
neuen Renaissancealtar ersetzt, geschnitzt von V. Cadorin
nach Zeichnungen des die ganze Kirchenrestauration leiten-
den Architekten Ongaro. Sehr schön ist auch der dem
Altar vorgesetze Tabernakel in Marmor mit feinster Orna-
mentik, sowie die schöne Mensa mit ihren zierlichen Säulen.
Die Anordnung der übrigen Altäre wird auf Grund der
vorhandenen Dokumente geschehen. Sie waren willkürlich
versetzt worden. Von der nun beendeten Wiederherstellung
der Sakristei mit ihrer malerischen Kapelle der Pesaro und
den auch dort entdeckten 'Fresken ist in diesen Blättern
schon früher Mitteilung gemacht worden. Großes Verdienst
um all diese Wiederherstellung des früheren Zustandes
des lange vernachlässigten so schönen Gotteshauses ge-
bührt dem Hauptgeistlichen der Kirche, dem kunstsinnigen
Kanonikus Monsignore Pisanello. Man hofft, daß in weiteren
zwei Jahren alle Arbeiten beendet sein werden.

Es ist nicht leicht, einen Bericht aus Venedig abzu-
schließen, ohne von den Fortschritten zu sprechen, welche
der Wiederaufbau des Campanile gemacht hat. Alles
Material für den Bau der Glockenhalle, an welcher nun
der Bau angelangt ist, ist bereit. Der griechische Marmor
für die zahlreichen Säulen derselben mußte seltsamerweise
aus Berlin und Düsseldorf herbeigeholt werden. Die Sechs-
undsechzig Bronzesäulen der oberen Galerie sind längst
gegossen, ebenso die fünf Glocken, ein Geschenk des
Papstes. Ebenso ist der den Turmhelm krönende Engel
vollständig wiederhergestellt. Ein mächtiges Gerüst er-
hebt sich nun auf der Höhe; doch wird die Versetzung
all der fertigen Bauteile erst im Frühling vorgenommen
werden. An der Zusammensetzung von Sansovinos Loggia
wird im Hofe des Dogenpalastes rüstig weitergearbeitet.
Die ganze Fassade präsentiert sich bereits in ihrer ganzen
ursprünglichen Schönheit. AUOUST WOLF.

PERSONALIEN
Professor Ludwig Knaus ist von der philosophischen
Fakultät der Universität Marburg zum Ehrendoktor er-
nannt worden.

+ Der kürzlich nach Dresden berufene Architekt Prof.
Herman Bestelmeyer wurde in Anerkennung der treff-
lichen Leitung der Arbeiten beim Um- und Neubau der
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