Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Neues aus Amerika und England

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lieh, stilvoll —■ dunkelbordeau gemusterte Stoffbe-
spannung mit breitem, reichen Rankenfries in Gold-
bronze. Dieses Land ging auch in der Auswahl seiner
Kunstwerke sehr methodisch und gewissenhaft vor.
Wir genießen daher von ihm in Brüssel einen be-
friedigenden, fast lückenlosen Überblick über den Stand
der heutigen französischen Schule überhaupt. Auf-
fallend schön und des eingehenderen Studiums wert
sind die Italiener und Spanier vertreten, erstere in
sichtbarem Fortschritt begriffen. Die Segantini-Schüler
scheinen jetzt eine besonders glückliche Hand zu haben.
Was an dieser internationalen Kunstschau vor allem
bemerkenswert, ist die so unendlich abweichende Auf-
fassung von Farbe und Licht bei den einzelnen Völ-
kern; man sieht, wie diese lediglich auf Traditionen
fußt und auf den individuellen Qualitäten des Sehnervs,
der wiederum den nationalen Veranlagungen des künst-
lerischen Individuums untersteht. Man sieht Belgien
und Holland, weil fast von einer Rasse, sich in den-
selben Motiven beinahe auskennend — und trotzdem
gleichen sich die beiden Malweisen nur in ganz be-
sonderen Fällen. Diese Vergleiche drängen sich dem
Besucher auf Schritt und Tritt auf. Daher ist der
belgische internationale Salon dieses Jahres geradezu
ein Lehrgang für die Kenntnis und Erkenntnis der
modernen Kunst in den verschiedenen Kulturländern,
der selbst das Tasten und Stammeln eines von der
Kunst so ziemlich noch unbeleckten Landes wie Ruß-
land mit rührender Naivität offenbart.

Der Delvillesche Salon der Figur und Idee schließ-
lich stellt sozusagen einen Protest dar gegen die
allgemein verbreitete Ansicht, daß es in Belgien keine
Maler der Figur und des Dekorationsfaches gäbe, eine
Anklage auch gegen die Regierung, welcher der ge-
nannte Maler in seinem Vorworte zum Kataloge nicht
mit Unrecht vorwirft, die großzügige Malerei nicht
zu unterstützen. Obgleich sich genügend überzeugende
Proben der belgischen dekorativen Malerei auch im
internationalen Salon vorfinden, war es vielleicht nicht
unangebracht, diese noch besonders vorzuführen. Leider
ist auch diese Ausstellung nicht so vollständig, wie
man sie wünschen könnte. Ein Fabry zum Beispiel
hätte viel reichhaltiger vertreten sein müssen. Dankbar
kann man dagegen Delville sein, daß er die Wirk-
samkeit der verstorbenen Meister Andre Hennebicq
und Julian Dillens durch Kollektivausstellungen ihrer
Werke in der Erinnerung ihrer Zeitgenossen auffrischte.
Ich will dem tapferen Vorkämpfer für die Hebung
der Malerei, der Figur und Idee in Belgien, dessen
»Schule des Plato« in der internationalen Ausstellung
im Cinquantenaire eine so vorteilhafte Figur macht,
wünschen, daß er die Regierung zur Einkehr in sich
selbst zwingt, damit sie Talenten, wie Delville selbst,
Montald, Fabry, Ciamberlani und so fort Gelegenheit
gibt, »ihre Kartons und Malereien nicht in den Ate-
lierecken versauern zu lassen«.

ALFRED RUHEMANN.

NEUES AUS AMERIKA UND ENGLAND
Ein sehr merkwürdiges männliches Porträt aus dem
Besitze des John Carrington, Esqu., das bis jetzt in Aus-
stellungen den Namen Giovanni Bellini trug und von

Berenson als ein frühes Werk des Rocco Marconi erkannt
wurde, ist kürzlich als Leihgabe in die Nationalgalerie,
London, gekommen.

Ein für den deutschen Buchhandel recht unliebsamer
Vorfall machte unlängst in London viel von sich reden. Die
»Internationale Verlagsanstalt für Kunst und Literatur«,
Berlin, verlegt eine Folge von Monographien über bildende
Künstler. Gleichzeitig mit der deutschen Ausgabe erschien
eine parallele englische, im bekannten Verlag T. Fisher
Unwin in London. Den Text zu dem Bande über Dante
G. Rossetti soll nach dem Titelblatt Arthur Symons, einer
der bedeutendsten lebenden Schriftsteller Englands, der
gerade als Meisler der Prosa verehrt wird, geschrieben
haben. Als nun die englische Ausgabe, die in Deutsch-
land fertiggestellt wurde, vom Londoner Verleger zur Be-
sprechung versandt wurde, stellte sich folgendes heraus:
Bis zur vierunddreißigsten Seite ging der Text Symons,
da auf einmal, ohne jegliches Vermerk oder irgend eine
Abgrenzung, setzt das Machwerk eines Schreibers ein, der
die englische Sprache nur höchst unvollkommen beherrscht
und die unglaublichsten, unverständlichsten Sätze znsammen-
häuft! Das Resultat war, daß die ganze Reihenfolge der
Monographien, die den Sammelnamen »The International
Art Series« trug, vom englischen Büchermarkt verschwand.

Eine außergewöhnlich interessante Veranstaltung ist
die gegenwärtige Ausstellung im Burlington House. Sie
ist den englischen Alabaster-Skulpturen des Mittelalters ge-
widmet. Diese eigenartigen Kunstwerke kommen in ganz
Europa vor, über ihren Ursp ung läßt sich kaum noch
etwas Bestimmtes sagen. Englische Forscher meinen, daß
sie alle aus England stammen, wo Alabasterbildwerke tat-
sächlich im späten Mittelalter einen bedeutenden Export-
artikel bildeten. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß solche
auch in Norddeutschland und Spanien hergestellt wurden.
Jedenfalls ist die gegenwärtige Ausstellung dazu geeignet,
über die noch recht dunkle Frage dieser Bildwerke näheren
Aufschluß zu bieten.

Unlängst starb der über sein Vaterland hinaus bekannte
englische Kupferstecher und Radierer Sir Francis Seymour
Fladen. Er war ein Jugendfreund Whistlers, der ihn
wiederholt porträtierte, später jedoch überwarf er sich mit
ihm, und recht unliebsame Stellen in der »Gentie Art of
Making Enemies« beziehen sich auf Haden.

Mr. H. C. Frick, Pittsburg, hat vom Grafen Tarnowski
Rembrandts Porträt eines jungen polnischen Kavaliers in
der Uniform des Lysowskischen Regiments für die Summe
von 1 200000 Mark gekauft. Das Bild ist unter die Meister-
werke der besten Periode in Rembrandts Schaffen zu
reihen. Bode hat es in seinem großen Rembrandtwerk
reproduziert. Es ist zwischen 1650 und 1655 entstanden,
also um die Zeit, wo Rembrandt seinen »Bruder mit dem
ehernen Helm« der Berliner Galerie, den »Jüdischen Kauf-
mann« in der Londoner National Gallery, die »Hendrikje
Stoffels« des Louvre, den »Fahneniräger«, der vor einigen
Jahren aus Warwick Castle in den Besitz von Mr. Gould
überging, und endlich den herrlichen »Bürgermeister Six«
malte. Das Dzikower Bild stellt den jungen Reiter auf
einem grauen Hengst dar, in einer hügeligen Landschaft;
er wendet sein schönes, bartloses Gesicht dem Beschauer
zu. Von links fallen die Strahlen der untergehenden Sonne
auf des Reiters gelben Mantel und rote, mit Pelz besetzte
Mütze. In seiner linken Hand, die auf der Hüfte ruht,
hält er einen Stab; an seiner Seite hängt ein orientalischer
Lederköcher, mit Pfeilen gefüllt. Die romantischen Hügel
der Landschaft werden von einer Festung gekrönt, und
mitten darin flackern die fahlen Flammen eines Wachtfeuers.
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