Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Aus Würzburg

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Blick auf den sonnenbeleuchteten Qardasee. Höchst per-
sönlich und eigentlich ohne eine Parallele in der modernen
Kunst ist Reinigers Technik. Breit und flüssig streicht er
seine nur ganz wenig kontrastierenden, meist im Tonwert
verwandten Farben oft in langen Zügen auf die Leinwand,
so daß diese ganz aus der Nähe besehen, nicht im geringsten
ahnen läßt, was an Form, Farbe und Stimmung bei Be-
trachtung aus der richtigen Entfernung aus diesem Kon-
glomerat weiter Pinselbahnen hervor- und zusammenwächst.
Aus seiner letzten Schaffensperiode gibt eine Spätwinter-
landschaft mit schneebedeckten Bäumen, deren kühle Last
durch starkes Tauen eben sich aufzulösen beginnt, die
ganze Luft mit Feuchtigkeit geschwängert, den Beweis, daß
der Künstler in der Darstellung dessen, was er sich als Ziel
gesetzt hatte, bis zum Ende seiner Tätigkeit stetig fort-
geschritten ist.

Der Bildhauer Hermann Hahn, dem ich zum Schluß
noch einige Worte widmen möchte, scheint sein Bestes in
der monumentalen Plastik zu leisten. Sein Lisztdenkmal
(Weimar) und der etwas durch die Antikebeeinflußte Bronze-
reiter (beide in München schon ausgestellt) verraten plasti-
sches Empfinden, Formgefühl und eine geübte Hand, sein
Moltkedenkmal in Bremen, das leider nicht im Abguß,
sondern nur in Photographie zu sehen war, scheint ein
sehr tüchtiges Werk, was um so mehr heißen will als
Reiterdenkmäler immer eine heikle Sache sind. Mit der
wasserköpfigen Kindlichkeit seiner Brunnenbuberln (Bremen)
kann ich mich hingegen nicht befreunden und nicht viel
mehr mit den archaistischen Relief- und kleinfigürlichen
Darstellungen. Unter den Porträtbüsten sind die des ver-
storbenen Eduard Wölfflin und des Geheimrat Kittler als
gute plastisch erfaßte Arbeiten anzuführen, in zweiter Linie
noch die sehr geschickt und flächig gehauene, aber äußerst
kühle Marmorbiiste einer Frau S. Das Marmorbild Fritz
Augusts von Kaulbach aber, so wie die übrigen weiblichen
Porträts sind ihrem innern Wert nach fast gleich Null zu
setzen. Wie unsympathisch Hahns Auffassung und Dar-
stellung jugendlicher weiblicher Köpfe wirken kann, tritt
namentlich in der Glypothek stark hervor, wo die »Weib-
liche Studie«, die in Gips auch in der Sezession zu sehen
ist, unwillkürlich zum Vergleich mit dem wundervollen, eine
Welt von Poesie in sich schließenden Mädchenkopf von
der Hand Adolf Hildebrands herausfordert. a. Cr.

AUS WÜRZBURG
Von einem großen Provinzialmuseum zu Würzburg
wird in Nummer 12 der Kunstchronik gesprochen. Es
kommen jetzt die Parterreräume des Hauses, bis jetzt
chemisches Laboratorium, hinzu und mit 126000 Mark
hofft man durch Ausbau eine leidliche Aufstellung der
zahllosen Sachen vorläufig zu erreichen. Denn ein Pro-
visorium nur soll es sein, das muß hier noch betont
werden. Ob der Kunst in dem einst so reichen, von
glänzenden Fürstbischöfen beherrschten Unterfranken noch
ein würdiges Museum erwachsen wird, wer vermag das vor-
auszusagen. Schon diese Planfassung muß mit Freuden
begrüßt werden, als Anzeichen, daß es aus ist mit der
geistlosen Lethargie. Denn bisher haben die Stadtväter
hier herzlich wenig Ruhm auf den Gefilden der Kunst
errungen. Zahllose Waggonladungen von Kunstwerken
sind weggeschafft. Schenkungen herrlicher Stücke, großer
Sammlungen hat man kurzer Hand zurückgewiesen, weil
man das dazu notwendige Haus nicht kaufen wollte.
Joh. Martin von Wagner hat seine so prachtvolle Samm-
lung der Universität zur Bewahrung übergeben müssen.
Man könnte noch schlimmes genug erzählen. Aber jetzt
soll es anders werden. Hoffentlich wird man jetzt erst

die Sehätze taxieren und erkennen, daß sie eines voll-
kommenen Baues würdig sind.

Noch ein anderes. Man will die allbekannten Brücken-
heiligen, die jedem Besucher der Stadt Würzburg ebenso
wie die Zitadelle, das Käppele, der Dom und die Resi-
denz immer in der Erinnerung bleiben, von der alten Main-
brücke entfernen. Sie sind in der Tat so hinfällig, daß sie
bald fort müssen. Diese prachtvoll dekorativen Figuren
mit dem wirksam lebendigen und doch geschmeidigen
Schwung der Bewegungen, der Falten, Hauptstücke im
Stadtbild von Würzburg, sollen nun nach dem Gutachten
desGeneralkonservators durch »freie Kopien« ersetzt werden.
Ist doch in den Kreisen der Denkmalspflege ein neues
Prinzip aufgetaucht: man will auch der modernen Kunst
Arbeit verschaffen. Gewiß ein edles Streben. Aber man
fragt, soll denn nicht der Konservator laut seines Amtes
für Erhaltung alter Kunst sorgen; ferner: ist wirklich
diese Aufgabe, zwei Reihen von sechs stehenden Figuren,
dazu auf einer gewaltigen Brücke, wo die Statuen haltlos,
ohne Hintergrund in den Himmel emporragen, nicht eine
höchst ungünstige, der moderne Künstler laut vieler Be-
weise nicht gewachsen sind? Gewiß mögen die Figuren
im einzelnen mancherlei »anatomische« Fehler haben, und
moderne, gut gebildete Künstler könnten das bessern. Indes
hier kommt es nicht auf Kleinigkeiten, sondern auf groß-
artige Lebendigkeit und Schwung im Ganzen an. Das
weiß jeder, der den Stil des Barock und Rokoko, Zeiten
höchsten dekorativen Geschmackes kennt. Das zeigen diese
Brückenheiligen trotz ihres verdorbenen Zustandes. Wenn
nun auch zu dem äußerst vagen Begriff »freie Kopie« bei-
gefügt wird, »es soll nach Möglichkeit der Schwung der
alten Gestalten bewahrt werden«, so will das eigentlich gar-
nichts sagen. Oder will man durchaus Münchener Künstler
etwas verschaffen. Sie, die doch keinerlei Beziehung zu Würz-
burg und dem dortigen charaktervollen Rokokostil, keinerlei
heimatliche Liebe zur Sache haben, sollen fern vom Ort
neue Modelle machen und die Würzburgersollen die Weike
danach ausführen. Ich habe bei Wanderungen durch hiesige
Künstlerateliers mit Erstaunen gesehen, wie vorzüglich diese
verachteten Meister Kopien, fast Fälschungen, auszuführen
verstehen. Bei den immerhin noch leidlichem Zustand
der Hälfte der Gestalten können von diesen Bildhauern
ohne neue Modelle gute Kopien gefertigt werden. Der
Vorwurf betreffs der beiden vor einigen Jahren angefer-
tigten schlechten Kopien trifft einen auswärtigen Künstler,
den man damit betraute. Bei den nicht allzureichlichen
Mitteln kann man glänzendes nicht erwarten. Besseres
wird sicher nicht erstehen. Man ist erstaunt, wo historische
Hochachtung, künstlerisches Feingefühl bleibt. Ein prächtiges
Städtebild soll wiederum zerrissen werden, moderne Künstler
sollen im Stil alter Zeiten eigene (!) Modelle schaffen und
es werden auf Sockeln mit Wappen berühmter Fürstbischöfe
Werke moderner Kunst stehen. Die Frage, ob harter,
eckiger Kalkstein oder jener der Manier entsprechende
weiche Sandstein, für dessen bessere Wetterbeständigkeit
sich neuerdings mancherlei gefunden hat, ist auch nicht
erledigt. Von heimatlicher Freude an einstiger'großer Zeit,
von den wunderbaren Reizen, die diese Gestalten zu jeder
Zeit bieten, etwa dann, wenn man am Abend in der Gondel
mainabwärts fahrend hoch auf der Brücke diese magischen,
in ihrer Giöße und Weichheit — etwas, was allein nur
Sandstein bieten kann — wunderbaren Traumgestalten in
den Himmel emporragen sieht, soll hier nicht die Rede sein.

Übrigens haben, man muß es anerkennen, die Gemeinde-
bevollmächtigten einstimmig, ebenso die Vereine für Kunst
und Altertum, für Geschichte und der der Künstler gegen
das Gutachten gesprochen, während andererseits die Bürger-
meister und der Magistrat mit Ausnahme von drei Stimmen
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