Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Nekrologe

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zu Rembrandt entdeckte Bode in einer Zeichnung der Samm-
lung Bonnat, Paris (Lippmanns Publikation der Rembrandt-
zeichnungen, Nr. 183), die zweifellos echt ist und den Vor-
gang in allem wesentlichen übereinstimmend wiedergibt.
Die Hauptverschiedenheit*ist, daß das Breitformat der
Zeichnung im Bilde zum Hochformat umkomponiert wurde.
Oerade kleine Verschiebungen, die die Figuren bei der
Übernahme aus der Zeichnung erfuhren, wie das veränderte
Sitzen des Engels, können als Argumente für die Verwen-
dung der Studie durch den Meister selbst ins Feld geführt
werden. Auch stilistisch stimmen Zeichnung und Bild gut
zusammen, sie gehören beide in den Anfang der fünfziger
Jahre. So führte Bodes glücklicher Fund dazu, dem Bilde,
das ohne die sichere Beglaubigung kaum in die Reihe der
Werke Rembrandts eingerückt wäre, seine gebührende
Stellung zu geben.

Die italienische Schule vertritt in der Ausstellung das
hübsche Bildchen Sassettas mit der Messe des heiligen
Franz, dessen Erwerbung hier bereits angezeigt wurde,
ferner eine große Beweinung Christi in Halbfiguren man-
tegnesker Richtung aus der Schule von Padua, das Geschenk
eines amerikanischen Kunsthändlers, und ein kleines Bild
des Ouercino, der hl. Sebastian, von zwei Engeln gepflegt,
von Herrn Fränkel in Berlin dem Museum überwiesen.

Endlich schenkte ein Ungenannter die Skizze zu David
Wilkies Blindem Geiger, dem großen Bilde der Londoner
National Gallery. qlaser.

NEKROLOGE

Einen lieben Freund und Mitarbeiter haben wir ver-
loren. Dr. Walther Gensei, Direktorial-Assistent am
Berliner Kupferstichkabinett, hat am 7. Mai nach langen
schweren Leiden, die den knapp Vierzigjährigen seit zwei
Jahren untergruben, die Augen geschlossen. Gensei war
der Sproß einer alten weitverzweigten Leipziger Familie;
seine Großmutter war mit Mendelssohn und Schumann
befreundet, sein Vater stand Preller nahe, und eine seiner
Schwestern war die Schwiegertochter Josephs Joachim. Das
war die Atmosphäre, in der er aufwuchs. — Als Studien-
zweig erwählte er sich die Germanistik und hat auch mit
einem literaturgeschichtlichen Thema in Berlin promoviert.
Herman Grimm war damals seine ganze Liebe und Ver-
ehrung, und der hat ihn auch leise zur Beschäftigung mit
der bildenden Kunst geleitet. 1885 ging Gensei nach Paris,
wo er fünf Jahre blieb. Pariser Briefe für Zeitungen und
Zeitschriften, vornehmlich auch die trefflichen Aufsätze über
die Kunst auf der Weltausstellung in unserer Zeitschrift
für bildende Kunst legten den Grund zu seinem gesicherten
Ansehen. 1900 kehrte er wieder nach Berlin zurück, um
nun nach den Jahren der Vorbereitung in den Museums-
dienst als eigentlichen Lebensberuf einzutreten. Hierfür
bot sich ihm, der im wesentlichen nur ein Kenner der
modernen Kunst war, glückliche Gelegenheit dadurch, daß
im Berliner Kupferstichkabinett in den letzten Zeiten auch
der modernen Graphik besondere Sammeltätigkeit und
Pflege zugewendet war. Dort also wurde Gensei Assi-
stent, und er hat sich wirklich nützlich gemacht; zu tun
gab es genug, weil ja gerade in diesen Jahren schließlich
für die moderne Abteilung der Sammlung eine eigene opu-
lente, breit angelegte Organisation geschaffen wurde, wie
sie außer Dresden gewiß kein anderes deutsches Kabinett
besitzt. — Gedenken wir nun noch der literarischen Ar-
beiten Genseis. Er schrieb nicht sehr viel und hatte die
schöne Gabe, sich kurz fassen zu können. Das hat er am
stärksten in seiner Einleitung zu Baedekers Paris gezeigt:
ein Stück Kunstgeschichte in der Nuß. Er verstand auch
mit Bedeutung zu plaudern, wofür sein von Sohn-Rethel
illustriertes Büchlein über Paris ein schönes Exempel ist.

Zu der Kunstgeschichte von Knackfuß-Zimmermann schrieb
er die Abteilung über die Kunst des 19. Jahrhunderts (die
auch als gesondertes Buch erschienen ist), wohl seine um-
fänglichste zusammenfassende Veröffentlichung. Auch einige
treffliche Bände über Corot, Troyon und Meunier in der
Knackfußschen Monographiensammlung sollen nicht ver-
gessen werden. Als besondere Auszeichnung empfand er
seine Mitarbeit an der Deutschen Rundschau, wo ihm Roden-
berg und Grimm sehr gewogen waren. Er hat auch dort für
Grimm einen schönen, von persönlichem Gefühl durchström-
ten Nekrolog geschrieben. Unter seinen Aufsätzen in unserer
Zeitschrift für bildende Kunst sei an den über die Sammlung
Mesdag erinnert. Sein einziger literarischer Ausflug in das
Kunstland der Vergangenheit war die Einleitung zu dem Band
Velazquez in den »Klassikern der Kunst«. — Gensei war
ein feiner, sonniger, ungemein sympathischer Mensch von
einem, ich möchte sagen: heiteren Ernst. Er liebte die
Musik und hatte Sinn für Ideale in Kunst und Leben. Vor
zwei Jahren begann ein bedenkliches Nierenleiden seine
Gesundheit zu zertrümmern, derart, daß er eigentlich schon
lange und mit sehenden Augen am Rande des Grabes
stand, als ihn endlich der Tod erlöste. o. k.

X Am Morgen des 18. Mai ward in Berlin Prof. Franz
Skarbina durch die plötzliche Verschlimmerung eines alten,
niemals zuvor bedrohlichen Leidens von einem jähen Tode
dahingerafft. Mit ihm ist ein ausgezeichneter, charakteri-
stischer Repräsentant der älteren Berliner Malerei von heute
dahingegangen, eine liebenswürdige, lebensfrohe Persön-
lichkeit, die im Kreise ihrer Berufsgenossen so hohes An-
sehen genoß, daß vor kurzem derGedanke auftauchte, ihm das
Amt des Präsidenten der Akademie bei der jetzt nötigen
Neuwahl anzuvertrauen — eine Kandidatur, die nur darum
fallen gelassen wurde, weil Skarbina selbst sie bescheiden
ablehnte. Die Kunstgeschichte hat dem Heimgegangenen
schon seit geraumer Zeit die Stelle angewiesen, die ihm
für alle Zukunft gewahrt bleiben wird: als einer von denen,
die die besten Traditionen der früheren Berliner Schule
weiterführten und im modernen Sinne fortbildeten. Er
ging von Menzel aus, zu dessen friederizianischer Enklave
er bis zuletzt immer wieder gern zurückkehrte, und fand
in den Niederlanden und in Frankreich die Anregungen,
den Realismus des Altmeisters malerisch zu verjüngen.
Skarbina, der am 24. Februar 1849 >n Berlin geboren war
und die Akademie seiner Vaterstadt besucht hatte, trat schon
vor bald vierzig Jahren zuerst hervor. Er begann mit kleine-
ren Bildchen, darunter vielen Aquarellen und Oouachen,
die Ausschnitte und Figuren aus dem Leben der werden-
den Weltstadt wiedergaben. Ein Friedrichsbild, das
den alten König im herbstlichen Park von Sanssouci dar-
stellte, «Lebensabend« genannt, machte seinen Namen
zuerst weiteren Kreisen bekannt; eine Sensation aus den
Tagen des beginnenden Naturalismus, der sich gern auf
nervenreizende Motive stürzte: das grausige Erwachen eines
Scheintoten unter den Leichen der Anatomie, sorgte dafür,
daß man ihn nicht wieder vergaß. Dann bog Skarbina
von literarischen Vorwürfen solcher Art ab und wandte
sich energisch den malerischen Problemen des Impressionis-
mus zu. In den belgischen Seebädern und namentlich in
Paris, wo er sich 1885 zu längerem Aufenthalt niederließ,
ging ihm der Reiz des mondänen Lebens der Gegenwart,
des bunten, wechselvollen Getriebes auf den belebten
Straßen, in den Ausstellungen, Theatern, Restaurants, des
abendlichen Lichterspiels moderner Städte auf. Den
sprühend lebendigen Pariser Variationen dieser Themata
ließ er, zurückgekehrt, ähnliche aus Berlin folgen, Szenen
vom Weihnachtsmarkt und aus den belebten Geschäfts-
straßen des Westens, die zwar in ihrem grau-violetten
Luftton oft ein wenig pariserisch anmuteten, aber zu-
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