Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

Page: 645
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1910/0331
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
645

Holman

Hunt t

646

von der Zeit, da er unter der Leitung des alten Pis-
sarro seine ersten Bilder malte, bis zu seinen selb-
ständigen aus der brennenden Farbenpracht von Tahiti
geborenen eigensinnigen Schöpfungen erkennen. Eine
Uferpartie mit Bäumen aus der Frühzeit ist leicht
und zart zusammengestrichelt und das verschiedene
Grün fein silbergrau abgestimmt. Bald sucht er aber
lebhafte Farbengegensätze und starke Töne. Bald
konturiert er blau, bald wendet er die frühere Striche-
lung an, bald streicht er die Farben breit und saftig
hin. Aber stets bleibt er elegant im Ton und keine
Roheit läuft ihm unter. Die Leichtigkeit der Pinsel-
führung verläßt ihn nicht bis in seine letzten kühnsten
Vereinfachungen. Mehrere bretonische Bilder, teils
Landschaft, teils Figuren gehören einfach zum besten,
was man an eigenartiger Kabinettkunst sehen kann.
Der Zug nach einem primitiven, urtümlichen Lande,
in dem die Natur mit elementarer Kraft ihre Farben
leuchten läßt, das er in Tahiti fand, gründete sich
offenbar auf einer ursprünglichen Anlage zum Großen,
Einfachen, Monumentalen. Die Darstellungen, die aus
solchen Anregungen entstanden, sind, soweit man hier
Proben sieht, energische, überraschende, mitunter etwas
gewaltsam anmutende Werke.

Wohl ist der Stoff im Umfang des Rahmens ge-
bändigt, aber man spürt es wohl, diese an ägyptische
Bilder gemahnende Szenen, diese ehernen Gesichter
und Gestalten des Naturvolkes, die breiten Flächen
und sanft glühenden Farben drängen ins Große, stre-
ben zu einem prächtigen Freskostil. Eine herrliche,
aus der farbenprangenden südlichen Natur aufsteigende
Phantasiekunst steht hier da. Alles deutet darauf hin,
daß Gauguin nicht nur ein Neuland entdeckt hat,
sondern auch ein Schöpfer im Großen dort hätte sein
können. 5.

HOLMAN HUNT f

Holman Hunt ist nach einer verhältnismäßig nur kurz
andauernden Halskrankheit am Morgen des 7. September,
im patriarchalischen Alter von 83 Jahren, in seiner Londoner
Wohnung verschieden. Mit ihm schließt einer der wich-
tigsten Abschnitte der englischen Kunstgeschichte, der un-
zertrennlich mit seinem Lebenslauf verbunden ist.

William Holman Hunt wurde am 2. April 1827 in
Wood Street, Cheapside, London geboren und in der St.
Giles-Kirche getauft. In dieser war Cromwell getraut
worden und daselbst liegt Milton begraben. Die drei Haupt-
phasen des menschlichen Lebens werden hier durch einen
großen, sowie eine eigene Schule begründenden Künstler,
einen Staatsmann und Regenten ersten Ranges, und end-
lich durch einen erhabenen Dichter bezeichnet.

Der Vater war der Geschäftsführer einer Manchester
Großhandlung, die ihr Warenlager in London hatte, und
widersetzte sich jener mit allen ihm zu Gebote stehenden
Mitteln der Absicht seines Sohnes, Künstler zu werden.
Vagabundentum und Müßiggang sah er gleichbedeutend
mit Künstlertum an. Unablässig hielt er dem Sohne das
Geschick Morlands vor Augen, der trotz seiner großen Kunst
infolge eines ungeordneten Lebenswandels stets dem Unter-
gange nahe war.

Mit 16V2 Jahren verließ Holmann Hunt die ihm auf-
gezwungene Geschäftstätigkeit und entsagte endgültig dem
Handelsstande. Eine schlimme Zeit brach heran! Er tat

alles ohne Klagen, was man von der abhängigen Armut
in solchen Fällen verlangt.

Der erste glückliche Wendepunkt trat für ihn ein durch
die Bekanntschaft mit Millais, den er beim Zeichnen im
Elgin-Saal des British Museums kennen lernte. Die sehr
wohlhabende Familie Millais förderte Hunt in tatkräftigster
Weise in seinen künstlerischen Bestrebungen. Aus der
Bekanntschaft entwickelte sich eine für das Leben an-
dauernde, herzlichste Freundschaft zwischen Millais und
Holman Hunt.

Das erste Gemälde, das die zukünftige Meisterschaft
erkennen ließ, war das im Jahre 1848 in der königlichen
Akademie ausgestellte, und auf Grund eines Gedichtes
von Keats entworfene Werk >The Eve of St. Agnes«.

Holman Hunt vermochte mir gegenüber den über-
wältigenden Eindruck nicht genug zu schildern, den Rus-
kins »Modern Painters« auf ihn ausgeübt hatten. Während
dieser Zeit begann er ein Bild mit rein religiösem Sujet
»Die beiden Marien«, das trotz Millais' Hilfe unvollendet
liegen bleiben mußte. Der Künstler behauptet nun in seiner
Selbstbiographie mit aller Entschiedenheit, daß er bei einer
gelegentlichen Zusammenkunft bei Millais mit gleichge-
sinnten jungen Männern zuerst die Anregung zur Grün-
dung des Bundes gegeben habe, und auch das eigentliche
Haupt der präraffaelitischen Brüderschaft geblieben sei!
Holman Hunt, der gern über dieses Thema sprach,
und mir oft persönlich davon erzählte, stellte damals
bei der seinem Charakter zugrunde liegenden Beschei-
denheit seine Person nicht so augenscheinlich in den
Vordergrund. Es bleibt daher bedauerlich, daß er später
dem Einfluß von dritter Sache nachgab und in der Haupt-
sache in seinen Memoiren allen Ruhm, namentlich zu Un-
gunsten Rossettis, für sich selbst allein in Anspruch nahm!
Auf diese Weise entstanden naturgemäß die heftigsten
Anschuldigungen gegen Holman Hunt und die bittersten
Zerwürfnisse mit Rossettis Familie und deren Anhängern.
Daß zwei so verschieden veranlagte Personen wie Holman
Hunt und D. G. Rossetti, auch nur verhältnismäßig kurze
Zeit, in intimer Freundschaft hatten miteinander schaffen
können, muß als ein Wunder angesehen werden! Die
Geschichte des Präraffaelismus hier wiedergeben zu wollen,
hieße die Künstlerbewegung Englands seit den letzten
50 Jahren schildern. Das, was die Brüderschaft zu erzielen
wünschte, ist hinlänglich genug bekannt!

Für sein wichtigstes im Jahre 1849 ausgestelltesGemälde
»Rienzi« gab Holman Hunt der Hauptfigur den Kopf Rossettis.
Der Künstler faßt die Gesamtkomposition als einen Appell
an den Himmel auf, sich der Hilflosen anzunehmen.

Als im Jahre 1850 das sogenannte Druidenbild »Christen
von Druiden verfolgt«, dem Publikum bekannt wurde,
entstand eine solche Flut schmähender Kritik, wie sie noch
niemals in England erlebt worden war, ja, es fielen in der
Presse die Worte »infam« und »Pest«.

Obwohl die wirkliche Gründung des Bundes 1848
stattfand, so datieren doch angesehene Historiker die
eigentliche Geburt der präraffaelitischen Schule erst von
dem Januar 1850 ab, d. h. nach dem Erscheinen der illu-
strierten Zeitschrift »The Germ«, die man als das offizielle
Organ der Vereinigung ansehen kann.

Von bedeutenden Werken, die aber keine Abnehmer
finden konnten, entstand dann vor allem »Valentin und
Sylvia« und »Der gedungene Hirte«, die einen wesentlichen
Fortschritt in des jungen Künstlers Schaffen bezeichnen.
Als die Not ihren äußersten Punkt bei Holman Hunt er-
reicht hatte, trat zunächst Millais für ihn ein, dann aber
erwarb er sich zwei großmütige Gönner in der Person von
Mr. Combe, Direktor der Universitäts-Presse in Oxford,
und dessen Gattin.
loading ...