Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Heinrich von

Oeymüller f

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P. Rubens, Eine kleine Waldlandschaft. (Beide Bilder
sind im Münchener Katalog vom Jahre 1908
unter Nr. 251 und 811 verzeichnet.)

Aus dem Nationalmuseum zu München wurden
an die Pinakothek überwiesen:

Joseph Vivien, Selbstbildnis des Künstlers (520) *),
Bildnis des Herzogs Louis Hector von Villars
(522).

Louis Tocque, Bildnis des Pfalzgrafen von Zwei-
brücken-Birkenfeld (539).

Daß der neue Leiter der Pinakothek auch mit der
neueren kunstgeschichtlichen Forschung geht, beweisen
eine Anzahl von Umbenennungen in der Galerie.
Das früher »Schule des Jan van Eyck« betitelte Bildnis
eines alten Gelehrten (219) trägt jetzt die Bezeichnung
»Kölnisch um 1470«. Die bisher dem Ulrich Apt
zugeschriebenen Gemälde (292, 292 a) tragen die Be-
nennung »Niederbayrisch, Anfang des 16. Jahrhun-
derts«. Die Anton von Worms genannten Heiligen
(66, 67) weisen nun den Namen Georg Leinbergers
auf, des Bruders des bekannten Schnitzers des Moos-
burger Altars. Wenn ich nicht irre, geht die Be-
zeichnung auf Dr. Buchheit zurück. Das »ober-
deutsche Porträt von 1533« (299) ist nach der Zu-
schreibung von H. Braune »Conrad von Creuznach«
benannt. Das bis jetzt »Niederländisch, um 1500«
betitelte Bild (124) mit Darstellungen aus der Legende
der Eremiten Antonius und Paulus zeigt den Vermerk
»Französisch?«. Die »dem Patinir verwandte« Land-
schaft mit dem hl. Hubertus (144) wurde dem Jan
Mostaert gegeben, die Darstellung Christi im Tempel
von Mostaert (153) dem A. Ysenbrant. Das dem
Spanier Antonio Pereda zugeschriebene Bildnis eines
Edelmanns (1298), das schon Wilhelm Schmidt in
Zahns Jahrbüchern V für vlämischen Ursprungs er-
klärt hatte, wurde in den Vlamensaal (V) versetzt, wo
es die Bezeichnung »Vlämischer Meister um 1650«
trägt. Riberas altes Hökerweib (1282) geht jetzt als
»Sevillanische Schule um 1640«. Die Kreuzabnahme
des hl. Andreas (1280) und der sterbende Seneca
(1281) von Ribera wurden" dem Luca Giordano zu-
gewiesen. Die beiden Heiligen »Neapolitanisch vom
Ende des 15. Jahrhunderts« (1027, 1028), die Karl
Voll für einen französischen Meister in Anspruch
zu nehmen suchte, gelten jetzt als »Katalanischer
Meister um 1500«. Der dem Correggio zugeschriebene
Flöte blasende Satyr (1094), den Wilhelm Schmidt
schon vor Jahren dem Palma Vecchio gegeben hatte,
trägt jetzt diese Bezeichnung.

Zu erwähnen ist auch noch, daß Herr von Tschudi
an dem Bilde Rubens' »Meleager und Atalante« die
aus späterer Zeit stammenden Anstückelungen ent-
fernen ließ, so daß das Werk in seinen Maßen jetzt
mehr mit dem Dresdener Exemplar übereinstimmt;
ferner daß der jüngst in London aufgetauchte Rem-
brandt »David vor Saul«, der in den Besitz der Ge-
brüder Heinemann übergegangen ist, von dieser Firma

1) Die in Klammern beigegebenen Nummern beziehen
sich auf den Katalog vom Jahre 1908.

der Pinakothek als Leihgabe zur Verfügung gestellt
wurde.

Der Leser wird aus dem bisher Gesagten ent-
nommen haben, daß das Gesamtbild der alten Pina-
kothek zu München sich wesentlich verändert hat,
und zwar sehr zu ihrem Vorteil, wie jeder vorurteils-
lose und unbefangene Kunstfreund, der nun zum
erstenmal die umgestaltete Galerie betritt, wird zugeben
müssen. Das Erdrückende, Beklemmende, das diese
Unzahl von Bildern unwillkürlich hervorrief, ist ver-
schwunden, man kann freier atmen und sich in den
meisten Fällen einem reinen, erhebenden und un-
gestörten Genuß hingeben. Möge es Herrn von
Tschudi nur gelingen, auch in der neuen Pinakothek,
die eine umsichtig ordnende Hand noch viel nötiger
hat, ebenso Wandlung zu schaffen, und möge es
ihm vor allem auch gelingen, ebenso die Be-
willigung unumgänglich nötiger Neu- und An-
bauten, ohne die ein weiterer Fortschritt der Samm-
lungen unmöglich ist, durchzusetzen. Dann wird er
München eine Dankesschuld aufladen, die die Stadt
kaum in der Lage sein dürfte, jemals abzutragen.
Möge aber auch das Ministerium auf dem in letzter
Zeit eingeschlagenen Wege weitergehen und den Lei-
tern der bayrischen Museen möglichst freie Hand und
Selbständigkeit zubilligen und sie nicht, wie wir es
in den vergangenen Jahren erleben mußten, durch
Vorschriftsketten und die leidigen Kommissionen der-
artig festbinden, daß jede fruchtbare und ersprießliche
Tätigkeit von vornherein ausgeschlossen erscheinen
muß. A. Cr.

HEINRICH VON GEYMÜLLER f
Auf die Totenliste dieses Jahres ist zum Schluß
noch einer der besten Namen der Kunstwissenschaft
zu setzen: am 19. Dezember starb in Baden-Baden
Heinrich Freiherr von Geymüller. Ich will mit rascher
Hand versuchen, einige Striche zu seinem Bilde hin-
zusetzen.

Sohn eines Österreichers und einer Engländerin;
in aufsteigender Linie aus einem alten elsässisch-
schweizerischen Adelsgeschlecht; nach frühem Verlust
der Eltern in einer Deutsch-Petersburger Familie auf-
gewachsen; in Paris und Berlin zum Architekten aus-
gebildet; durch vieljährige Studien in Italien heimisch
geworden; verheiratet mit der Tochter eines franzö-
sischen Grafenhauses, das in mehreren Generationen
ausgezeichnete Gelehrte hervorgebracht hat: — so
war Heinrich von Geymüller, ob er es wollte oder
nicht, Kosmopolit geworden. Das brachte seiner Bil-
dung und Tätigkeit manche Vorteile, zuweilen aber
seufzte er auch darüber, zumal über seine Viel-
sprachigkeit. Alles in allem möchte ich in seiner
Geistesrichtung doch das deutsche Element als die
stärkste Komponente betrachten. Wieviel immer er
auch seinen französischen Lehrern und Freunden ver-
dankte: den tiefsten Einfluß auf ihn hat Jacob Burck-
hardt geübt.

Ohne Frage nimmt unter den vielen, ja zahllosen
großen und kleinen Architekten des 19. Jahrhunderts,
die sich auch mit geschichtlichen Studien beschäftigt
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