Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

Verlag von E. A. SEEMANN in Leipzig, Querstraße 13
Neue Folge. XXI. Jahrgang 1909/1910 Nr. 29. 10. Juni.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur »Zeitschrift für bildende Kunst« monatlich dreimal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfaßt 40 Nummern.
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Leipzig, Querstraße 13. Anzeigen 30 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen außer der Verlagshandlung die Annoncenexpeditionen an.

ETWAS AUS DEM NACHLASSE
FERDINAND BOLLS
Von A. Bredius
Obwohl es meine Absicht ist, über BoV) an anderer
Stelle ausführlicher zu schreiben, reizt mich Lautners neuestes
Opus, hier eine kurze Mitteilung von einem meiner neuesten
Archivfunde über diesen Künstler zu geben. Bol war
nicht sehr vermögend, als er das erste mal heiratete (1653)
und als er 8. Oktober 1669 (am Begräbnistage Rembrandts!)
vor dem Notar A. van den Ende den Ehekontrakt unter-
schreibt, mit Anna van Arckel, der steinreichen Witwe
des Dordrechter Patriziers Erasmus Scharlaken, erklärt er
14800 fl. bar zu besitzen, wovon er aber die Hälfte seinem
Sohne Elbert geben müßte, wenn er mündig wird oder
heiratet.

Dagegen hat er eine hübsche Bildergalerie, und er
selbst stellt die Liste derselben auf. Man muß nun doch
wohl glauben, daß er bei Bildern, die er selbst gemalt hat,
nicht Rembrandts Namen hinstellt. Mehrere Werke seines
großen Lehrers hingen bei Bol an der Wand. So Abra-
ham mit den Engeln (Eremitage), welches Bild Bol sichtlich
inspirierte bei seiner dekorativen Arbeit über das gleiche
Thema, welche jetzt im Rijks-Museum hängt — aber
wie weit bleibt Bol gegen Rembrandt zurück! Es ist
höchst lehrreich, die beiden Bilder zu vergleichen. Der
Rembrandt der Eremitage (Nr. 791) ist 1,215X1,625 groß.
Der Bol des Rijks-Museums (Nr. 552) ist F. Bol bezeich-
net und 4,04X2,825 groß. Es stammt aus einem Utrechter
Hause, wo ich es noch mit vier anderen Bildern (z. T.
von anderen Malern) als Wandbekleidung habe hängen
sehen. Dann finden wir eine Grablegung Rembrandts,
und eine Beschneidung. Auch Joseph als Traumdeuter
von Rembrandt und schließlich das Porträt »von meinem
Vater durch Rembrandt gemalt« schreibt Bol. Dieses
deutet auf ein intimes Verhältnis seiner Familie zu seinem
großen Lehrer. Auch noch eine Studie nach einem alten
Mann und eine Landschaft. Von Bol selbt finden wir zwei
Landschaften, und noch eine Mondscheinlandschaft; auch
eine Hagar mit dem Engel.

Ein anderes Porträt des alten Herrn Bol von seinem
Sohne; die Bildnisse von ihm selbst und seiner Frau
waren wohl von Bol selbst gemalt. Es gibt ja so zahl-
reiche Selbstbildnisse von ihm.

Daß Bols Vermögen nicht von seiner Malerei — wenig-
stens nur zum sehr kleinen Teil — herrührte, beweist das
Testament seiner reichen Frau, die über 50 000 Gulden an ver-
schiedene Verwandten hinterließ, ihrem Manne 14000 Gulden
und noch den Nießbrauch von 40000 Gulden usw. nebst
allerlei Kostbarkeiten. Das vornehme Haus des Malers war
mit Skulpturen aller Art, Alabasterfiguren, einem seltenen

1) Er unterschreibt sich immer mit zwei t, aber be-
zeichnet seine Bilder nur F. Bol.

Klavier mit drei »Registern« auf einem skulptierten Fuß, mit
fünf Kinderfiguren, ihrem eigenen Porträt in Marmor und
herrlichen Goldledertapeten und Silbersachen geschmückt.
Eine große altholländische Uhr war sogar ganz ver-
silbert. Perlenschnüre, auch für die Arme (Bracelelte) usw.
befanden sich in einem silbernen Juwelenkästchen. Daß
Bol seine reiche zweite Gemahlin schon eher gekannt,
beweist das »Porträt der Verstorbenen (im Inventar von
1681) nebst deren ersten Mann (Scharlaken) als Isaak und
Rebecca durch Ferd. Bol gemalt in schwarzem Rahmen«.
Auch Jur. Ovens hatte das Ehepaar schon gemalt. Ich
möchte nun betonen, daß Bols Vermögen nicht durch
seine vielen Bilder mit »latenten« Bezeichnungen entstanden
ist. Wie vielen reich gewordenen Malern (mit Ausnahme
Albert Cuyps), ging's auch Bol: er hat sich nicht über-
anstrengt und malte nur, wenn er Lust dazu hatte.

Ich werde später in Oud-Holland diese Studien aus-
führlich bringen; aber nun der Lautner-Spuk sich noch
einmal an die Oberfläche wagte, möge man die Bilder
Rembrandts und Bols (Abraham mit den Engeln) nur ver-
gleichen, um sich von der Unrichtigkeit der Lautnerschen
Ausführungen zu überzeugen.

DIE STÄDTEBAU-AUSSTELLUNG
X Die »Allgemeine Städtebau-Ausstellung«, die
in der Berliner Hochschule der bildenden Künste
die Ergebnisse des Wettbewerbs »Qroß-Berlin« mit
einem imposanten Rahmen umgibt, ist das groß-
artigste und umfassendste Pronunziamiento, das
moderne künstlerische Kultur und Kultursehnsucht
bisher erlassen haben. Hier strömen alle Pläne, Ver-
suche, Gedanken zusammen, die seit Jahr und Tag
eine Reformation unseres äußeren Lebens an Haupt
und Gliedern anstreben, um mit solchen Mitteln auch
der »inneren Reformation« unserer Lebensführung den
Weg zu bahnen, deren Notwendigkeit wir immer
klarer erkennen. Die Berliner vor allem sehen mit
inniger Genugtuung endlich, endlich ein Ziel ihrer
leidenschaftlichsten Sehnsucht wenigstens in einiger-
maßen greifbare Nähe gerückt: die sinnvolle Ausge-
staltung des Stadtbildes, die Überwindung des uner-
träglichen Zustandes, daß alle Einzelgemeinden des
ungeheuren Großberliner Bezirks auf eigene Faust ins
Blaue hineinbauen. Denn sie wissen, daß sie in
wenigen Jahrzehnten, da dieser Bezirk erst einmal
sechs bis sieben Millionen Menschen Unterkunft ge-
währen wird, in Luft-, Licht- und Schönheitslosigkeit
ersticken müssen, wenn nicht beizeiten Vorsorge ge-
troffen wird. Allzu lange hat man in den zurück-
liegenden Menschenaltern, da die naive Freude an den
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