Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Die französische Ausstellung in Elberfeld

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spiel war Utopia eine seiner Provinzen. Oder er zog
ein dünnes Heftchen heraus, auf dem stand: »Über
das Schmatzen der Leichen in den Gräbern«; oder
eine Spezialität der klassischen Epoche, jene Empfänge
berühmter Männer im Olymp. Auch das echte Ori-
ginalwerk des ewig sich verewigenden Kyselak hatte
er eines Tages aufgestöbert. Doch das waren nur
die Kleinen von den Seinen. Die tägliche Nahrung
sog er aus den Abteilungen, wo in Tausenden von
Bänden alle guten Europäer vereinigt waren. Er
sammelte nämlich nicht bloß Bücher, er las sie auch.

Der Boden seiner Tätigkeit war das Referat über
die Bildende Kunst und das Burgtheater für das
Wiener Fremdenblatt, eine außerhalb Wiens weniger
bekannte, dort aber höchst einflußreiche, ein bißchen
altväterisch anmutende Zeitung. Hier war er seit
35 Jahren Mitarbeiter. Daneben schrieb er dort und
im Pester Lloyd regelmäßig amüsante Sonntags-
Feuilletons, zu denen er sich weniger von Problemen
des Tages entzünden ließ, als von den krausen Ein-
fällen seiner Phantasie. Neben dieser legitimen Be-
rufstätigkeit lief eine erhebliche schriftstellerische Pro-
duktion — in früheren Jahren mehr belletristischer
Art (sein in viele Sprachen übersetzter ungarisch ge-
schriebener »Andreas Jelki« ist in seinem Vaterlande
noch heute eine der beliebtesten Jugendschriften); in
den letzten zwei Dezennien überwog das Kunst-
feuilleton. Ver Sacrum, Kunst und Kunsthandwerk
und seit zehn Jahren unsere Kunstchronik und Zeit-
schrift für Bildende Kunst waren seine hauptsächlichen
periodischen Veröffentlichungsstellen. Das Beste, was er
hier und dort geschrieben hat, findet sich vereinigt
in den zwei dicken Bänden »Acht Jahre Sezession«
und »Altkunst-Neukunst«. Dazwischen hat er sich
noch zu einer überdauernden Arbeit gesammelt: Zu
dem 1902 erschienenen Bande »Osterreichische Kunst
im 19. Jahrhundert«, dem wichtigsten geschlossenen
Buch, das es über dieses Thema gibt. Im vorigen
Jahre war die Arbeit an dem offiziellen Werk über
Rudolf Alt seine Hauptsorge. Als ich ihn im No-
vember zum letztenmal besuchte, zeigte er mir den
schon dick angeschwollenen Manuskriptpacken und
das große Briefmaterial, das er dazu durcharbeiten
mußte. Wenige Wochen vor seinem Ende schrieb
er dann, daß er noch einzelne Details brauche über
Bilder Alts, die nach Rußland gekommen seien. Wie
man hört, soll er aber dieses im Auftrag des Öster-
reichischen Ministeriums verfaßte Werk im Manuskript
so gut wie abgeschlossen haben.

Er war Junggeselle und ging wenig in Gesell-
schaft. In seinen jungen Jahren hatte er eine Weile
Medizin und Philosophie studiert; später, als er sich
der Kunstschriftstellerei widmete, sogar Malstudien ge-
macht, um das Technische begreifen zu können. Von
seinen Leistungen dachte er nicht gering und hielt
sich für das, was er war. Die Fachmenschen und
die Zünftigen liebte er nicht. Wenn einer über den
»Journalisten« die Achsel zuckte, so meinte er: Wie
froh werden Die in 200 Jahren sein, wenn sie diese
authentischen Quellen für ihre Kollegien »entdecken«
werden.

Von unendlicher Liebenswürdigkeit und Bereit-
schaft war er im schriftlichen Verkehr; ich habe
heute in unserem durch zehn Jahre sich rankenden
geschäftlich - persönlichen Briefwechsel gestöbert und
habe mit Rührung gefühlt, daß wir den freundlichsten
der Freunde verloren haben.

* *

Das war Ludwig Hevesi. So hat er gelebt — so
hat er in irgend einem dunklen Drange die Schwelle
überschritten . . .

Sag es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleicht verhöhnet:
Das Lebendge will ich preisen,
Das nach Flammentod sich sehnet.

Keine Ferne macht dich schwierig,
Kommst geflogen und gebannt,
Und zuletzt des Lichts begierig
Bist du Schmetterling verbrannt.

OUSTAV KIRSTEIN.

DIE FRANZÖSISCHE AUSSTELLUNG
IN ELBERFELD
In seinem besten Buche, den »Impressionisten«,
hat Meier-Gräfe einmal vorgeschlagen, organische
Ausstellungszyklen zu veranstalten, »bei Gericault und
Delacroix anzufangen, dann die Fontainebleauer und
Corot zu zeigen, dann Courbet und die Impressio-
nisten«. Diesen letzten Teil von Meier-Gräfes Pro-
gramm verwirklicht die recht gelungene Ausstellung,
die Dr. F. Fries, dem Direktor des Städtischen Museums
in Elberfeld, zu verdanken ist. Sie hat im ganzen
Rheinlande Beachtung gefunden, was um so mehr be-
deuten will, als die rheinische Presse nur in sehr
unvollkommenem Maße der Aufgabe gerecht wird,
auf solche einheimische Kunstereignisse hinzuweisen.
Elberfeld hat schon einmal, vor Jahren, durch eine
große Hans von Marees-Ausstellung von sich reden
gemacht, die Vorgängerin der großen Veranstaltungen
von München und Berlin. Seitdem hat das Städtische
Museum, unterstützt von dem klug geleiteten Museums-
verein, die größten Fortschritte gemacht; der aus-
führliche, 1908 erschienene illustrierte Jahresbericht
gibt darüber erschöpfende Auskunft. Ich entgehe der
Versuchung, von den trefflichen Ankäufen und Ge-
schenken zu reden, die seit diesem Jahre hinzuge-
kommen sind, und stelle von vornherein fest, daß ein
Hauptreiz dieser provinzialen französischen Ausstellung
in den zahlreichen Leihgaben aus Elberfelder Privat-
besitz besteht. Wer hat bisher gewußt, daß der
Freiherr August von der Heydt allein sechs vorzüg-
liche Gemälde und Skizzen von Gustave Courbet
besitzt? Daß seine Sammlung nicht nur Proben
dieser uns schon altmeisterlich berührenden Kunst,
sondern auch Schöpfungen von Neutönern wie Mar-
quet, Othon Friesz und Kees van Dongen umfaßt?
Von einem anderen Elberfelder Kunstfreunde, dem
Geh. Kommerzienrat C. A. Jung, bemerkt man Leih-
gaben wie das Figurenbild von Renoir, die bekannte
»Verkündigung Mariä« im Laubengang von Maurice
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