Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

Page: 145
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1910/0081
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

Verlag von E. A. SEEMANN in Leipzig, Querstraße 13

Neue Folge. XXI. Jahrgang 1909/1910 Nr. 10 u. 11. 24. Dezember.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur »Zeitschrift für bildende Kunst« monatlich dreimal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfaßt 40 Nummern.
Die Abonnenten der »Zeitschrift für bildende Kunst« erhalten die Kunstchronik kostenfrei. — Für Zeichnungen, Manuskripte usw., die unverlangt
eingesandt werden, leisten Redaktion und Verlagshandlung keine Gewähr. Alle Briefschaften und Sendungen sind zu richten an E.A.Seemann,
_Leipzig, Querstraße 13. Anzeigen 30 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen außer der Verlagshandlung die Annoncenexpeditionen an.

Infolge der bevorstehenden Feiertage gelangt dieses Heft schon jetzt in doppeltem Umfange zur Ausgabe.
Die nächste Nummer der Kunstchronik (Nr. 12) erscheint am 7. Januar.

ZU DER NEUERWORBENEN WACHSBÜSTE DES
BERLINER MUSEUMS
Von O. Dehio in Strassburo

Ich kann mir den Umständen nach jede Einleitung
ersparen. Über den Wert oder Unwert der Methode,
eine wissenschaftliche Hypothese zuerst durch die
Tagespresse einzuführen und zu diskutieren will ich
hier nicht sprechen, nur über den sachlichen Teil
der Hypothese selbst, d. i. die Attribution der oben
genannten Büste an Lionardo da Vinci. Jetzt, nach-
dem der amtliche Bericht nachgefolgt ist, tritt auch
an uns andere die Anforderung heran, uns ein Urteil
zu bilden. Ich beschränke meine Erörterung auf den-
jenigen Teil der Gesamtfrage, der auch ohne Kennt-
nis des Originals an der Hand der jedem Leser be-
kannten Abbildungen kontrolliert werden kann.

Es ist unmöglich, sich zu verhehlen, daß die all-
gemeinen Voraussetzungen für die fragliche Zuweisung
nicht günstig liegen. Büsten in Wachs sind der Über-
lieferung zufolge zu Ende des 15. und zu Anfang
des 16. Jahrhunderts in Florenz eine beliebte Sache
gewesen; sie sind aber alle untergegangen, was bei
der Leichtverletzlichkeit des Materials sehr natürlich
erscheint — bis auf zwei, sagt man. Und von diesen
zweien soll die eine von Raphael, die andere von
Lionardo herrühren, von keinen Geringeren. Beide
Büsten sind ohne Tradition, die Zuschreibung ist
lediglich eine Frage des Stilgefühls. Für die Liller
Büste ist der Name Raphael jetzt aufgegeben; mehrere
Kritiker leugnen überhaupt ihre Entstehung im 16. Jahr-
hundert. War eine Büste Lionardos, und zwar eben
die jetzt für Berlin erworbene, wirklich der Archityp
jener zahlreichen Gemälde, auf die Bode hinweist,
dann muß sie zu ihrer Zeit sehr bekannt und zu-
gänglich gewesen sein; aber weder Vasari noch Lomazzo
haben auch nur eine Erinnerung daran. Und wie
ist es vereinbar, daß der Stilcharakter der Büste, nach
Bode, auf die zweite florentiner Epoche hinweist,
während doch alle jene angeblichen Derivate der Mai-
länder Schule angehören. Was von uns zu glauben
verlangt wird, ist also dieses: Im allgemeinen Ruin
der ganzen Gattung der Wachsbüsten bleibt nur ein
einziges Exemplar bestehen; eine unerhört gnädige
Laune des Schicksals bestimmt dazu das Exemplar,
das Lionardo gemacht hat; aber niemand weiß, daß

es von ihm ist; es ist in einer Versenkung ver-
schwunden, um nach 350 Jahren in London wieder
aufzutauchen. Mir scheint: mit dieser Hypothese ver-
glichen ist der verwegenste Einsatz in der Roulette
ein sicheres Unternehmen.

Betrachten wir nun die Büste selbst.

Die Urteile, die gleich der erste Anblick auslöst,
sind: Es ist ein Kunstwerk von bedeutender Konzeption.
Und es ist nach seinem Formencharakter lionardesk.
Darin ist freilich ein weiter Kreis von Möglichkeiten
eingeschlossen, ausgeschlossen aber der Vergleich mit
einem authentischen Bildhauerwerk des im Zentrum
dieses Kreises stehenden Meisters. Das Urteil ist
allein auf das subjektive Kriterium der Qualitäts-
schätzung gestellt. Ich kann es begreifen — psycholo-
gisch, wenn auch nicht wissenschaftlich — wenn je-
mand, gefangen genommen von der Frische und Größe
dieser Körperform sich zur Überzeugung hinaufsteigert:
es ist Lionardo selbst. Noch besser begreife ich die,
welche ein non liquet sprechen. Für ausgeschlossen
halte ich allerdings, daß ein Bildhauer des 19. Jahr-
hunderts durch Umsetzung eines Gemäldes aus der
Lionardoschule dieses hätte schaffen können.

Der günstige Eindruck der Büste beruht auf der
allgemeinen Anlage und auf der Behandlung des
Torso. Nun aber der Kopf. »Wie anders wirkt
dies Zeichen auf mich ein!« Karl Kötschau *),
Direktor bei den Königl. Museen, hat diesen Kopf
überaus abschätzig beurteilt; »ausdruckslose, leere
Augen«, »das Lächeln eine langweilige Grimasse«,
»häßliches Ohr«, »lebloses Haar«. Bei dieser kräf-
tigen Charakterisierung hatte Kötschau zwar die der
vielbesprochenen Lucasschen Photographie zugrunde
liegende Büste im Auge; diese ist aber, wie wir jetzt
ganz sicher wissen, identisch mit der Berliner! Köt-
schaus Worte treffen also diese und haben jedenfalls
den Wert, ganz unbefangen gesprochen zu sein, ohne
die Präokkupation, daß es sich um ein Werk Lionardos
handle. Ich könnte mich ganz so abfällig wie Köt-
schau nicht ausdrücken. Aber das ist mir nach immer
erneuter Beobachtung sicher: im Kopf ist ein anderer
Formengeist als im Torso.

Wenn wir uns näherungsweise eine Vorstellung

1) Allgemeine Zeitung Nr. 46.
loading ...