Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

Verlag von E. A. SEEMANN in Leipzig, Querstraße 13
Neue Folge. XXI. Jahrgang 1909/1910 Nr. 21. 1. April.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur »Zeitschrift für bildende Kunst« monatlich dreimal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfaßt 40 Nummern.
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Leipzig, Querstraße 13. Anzeigen 30 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen außer der Verlagshandlung die Annoncenexpeditionen an.

RÖMISCHER BRIEF

Der Streit um die berüchtigte Passeggiata archeo-
logica hatte mit Bonis Austritt aus der Kommission
seinen Höhepunkt erreicht. Die Wogen der stürmi-
schen Debatte waren so hoch gestiegen, daß man
auch im Parlament für die vescata quaestio Interesse
gezeigt hat, so daß in den allernächsten Tagen, zwi-
schen einem Budget und dem anderen, auch die ar-
chäologische Promenadenfrage zur Diskussion kom-
men wird. Wenn ich das Wort Promenadenfrage ge-
brauche, so geschieht das nicht zufällig, sondern weil der
Kampf am hitzigsten gerade um die Promenade ent-
brannt ist. Das in einem deutschen Text so häßlich
klingende französische Wort paßt eben gar zu gut,
um das zu bezeichnen, was die Commissione reale
della passeggiata archeologica vorhatte und was nun
endlich zur allgemeinen Befriedigung nicht ausgeführt
werden soll. Zwischen Palatin und Caracallathermen
einen englischen Garten mit großen Alleen, Bänken
und wie man sagt auch Denkmälern zu Ehren des
Cäsar, des Pompejus und, wer weiß, wohl auch irgend
eines minder antiken Römers. Nun fragten sich aber
alle in Rom, wen die Kommission eigentlich mit der
schöngeregelten Passeggiata befriedigen wollte. Archäo-
logen, Künstler, Literaten und hundert Gebildete aller
Stände hatten doch so klar erklärt, die großen Kies-
wege wären ihnen unsympathisch und hatten groß-
herzig auf den vorgespiegelten englischen Garten ver-
zichtet; das half aber nichts, denn die Kommission
hatte nun einmal ihren Plan und behauptete ihr
Recht, ihn auszuführen, mit einer allerdings erstaun-
lichen, wenn auch nicht gerade lobenswerten Beharrlich-
keit. Als Boni sich zurückgezogen hatte, blieb in der
Kommission kein Archäologe, kein Historiker, und
nun hat der Minister Prof. Rodolfo Lanciani hinein-
ernannt und wegen der hohen Kompetenz des be-
rühmten Archäologen sowohl als wegen seiner Be-
ziehungen zu den heftig Protestierenden, kann man wohl
erwarten, daß die Passeggiata archeologica einen
Charakter haben wird, welcher im wesentlichen sich
von dem der englischen Gärten unterscheiden wird.
Leider aber wird sich nicht alles Schlechtgemachte
wieder gut machen lassen.

Weit weniger interessiert sich die öffentliche Mei-
nung für die Vorbereitungsarbeiten der verschiedenen
Ausstellungen, welche im Frühjahr 1911, um das
Hauptstadtjubiläum Roms zu feiern, eröffnet werden

sollen. Im allgemeinen ist man skeptisch, aber der
Skeptizismus ist wohl einigermaßen übertrieben.

Der große steinerne Prachtbau der internationalen
Kunstausstellung, in welchem nach 1911 die National-
galerie moderner Kunst ihren Sitz haben wird, ist
bald unter Dach und schon gräbt man an den Funda-
menten der fremden Pavillons.

Für den Kunsthistoriker werden die retrospektiven
Ausstellungen in der Engelsburg wohl das Interessan-
teste sein. Man will damit den Grund zu einem römi-
schen Museum für angewandte Kunst des Mittelalters,
der Renaissance und des Barocks legen und man kann
sicher sein, daß der jetzt mit so viel Liebe gestreute
Samen Früchte bringen wird. Aber nicht nur mit
kulturhistorischen Gegenständen soll die Engelsburg
gefüllt werden, sondern einige Sektionen, wie z. B.
die der römischen Künstler und der Schüler Michel-
angelos, werden rein künstlerischen Charakter haben.
Bei dieser Gelegenheit wird es auch jedem möglich
gemacht werden, die Kunstschätze der uralten römi-
schen Krankenhäuser sehen zu können. In einem
mit herrlichen Brüsseler Tapeten geschmückten Saal
wird man die schönen Skulpturen aus der Consolazione
aus San Giacotno und Santo Spirito, die schönsten
Terrakotten, die schweren reichgeschmückten Mörser
und was noch an kleineren Kunstsachen vorhanden
ist, aufstellen. Eine Ausstellung römischer alter Stoffe
und Spitzen, Zeremonienkostüme aus der Renaissance
und dem Barock, eine große Waffensammlung und
eine Ausstellung römischer Photographie werden das
Bild, das man vom vergangenen Rom geben will,
vervollständigen. Dem Komitee schien es aber, als
ob die Ausstellung dieses Bild nicht klar geben könnte
ohne auch den Fremden, die doch immer in Rom eine
große Rolle gespielt haben, einen Platz einzuräumen,
und so wird nahe bei der Topographischen Sektion
eine aus dem Leben der Fremden in Rom eingerichtet.
In vierzehn mittelgroßen Zimmern der alten Kasernen
Urbans VIII. soll alles gesammelt werden, was das
Leben und Wirken einiger hervorragender fremder
Persönlichkeiten in Rom illustrieren kann. Keine
streng chronologisch geordneten Reihenfolgen, sondern
frei aufgestelltes Material, welches originelle Beziehungen
zu diesem oder zu jenem bedeutenden Mann, der
länger in Rom geweilt, haben kann. Auch will man
womöglich in diese Abteilung eine Serie von Land-
schaftsbildern sammeln, welche von Künstlern, be-
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