Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Die Winterausstellung der Sezession in München

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raschen Zug mit den schwarzen Konturen entfernt an Dau-
mier erinnernd), ferner Akt- und Kopfstudien sowie Porträts.
Von den Werken der achtziger Jahre möchte ich das große
enface-Porträt der Signora diT. von 1886 und die verwandten
Arbeiten jedenfalls über das Sorgenkind der Berliner National-
galerie stellen, das schon bedenklich außerhalb der Kunst
liegende Sphären streift. Eine Landschaft von 1885 ist groß
in den Formen hingesetzt, ohne aber sonst recht erwärmen
zu können. Der eigentliche Habermann, so wie wir ihn
heute kennen, entwickelt sich aber erst in den neunziger
Jahren, namentlich in der zweiten Hälfte derselben. Sein
technisches und formales Können erreicht hier seinen Höhe-
punkt, seine Eigenart ist vollkommen ausgeprägt, leider
kommt aber auch etwas Abstoßendes und Ungesundes, das
seiner Auffassung oft innewohnt, jetzt immer stärker zum
Vorschein. Was sein Formgefühl betrifft, so hat es sich
in dieser Zeit noch ganz erheblich gesteigert. In einer
wirklich großzügigen Art läßt es ihn zusammenziehen, ver-
einfachen, ausgleichen. Immer sieht er das Ganze, bleibt
nie an einer kleinen Detailform kleben, sondern rechnet mit
Summen von Formen und überblickt das darzustellende
Objekt wie man eine Partitur liest. Seine Modellierung mit
den flächigen, großen Licht- und Schattenpartien, dem kräftig
geführten Strich, der schon manchmal mit Velasquez ver-
glichen wurde, erregt mit Recht Bewunderung. Seine Linie
ist nun meist sehr bewegt, so daß man sie unwillkürlich
als eine Parallele zum Barock empfindet. Ohne durch eine
innere Notwendigkeit gefordert zu sein, ist sie einfach um
ihrer selbst willen da. Auch in der ganzen Stellung des
Modells, in der Gesamtkomposition des Linienspiels, selbst
manchmal in der Farbe spricht sich etwas dem Barock Ver-
wandtes aus. Mit Vorliebe malt er jetzt Frauen, deren
äußere Erscheinung eine merkwürdige Mischung von De-
kadenz, Hysterie und Affektation verrät. Wenn er etwas
psychologisch zu erfassen sucht, so ist es nichts Großes,
Hehres, Gesundes, sondern etwas schon bedenklich auf
Nebenwegen Liegendes, das für den Psychiater fast mehr
Interesse hat wie für den, der von der Kunst eine abklärende
und beseligende Wirkung erhofft. So entspringt auch das
sinnliche Element, das sich in manchen seiner Darstellungen
ausspricht, keinem gesunden, neues Leben schaffenden Ge-
fühl, sondern einem schon stark angekränkelten Empfinden.
Es ist nicht möglich, alle für dasGesagte in Betracht kommen-
den Werke mit Namen anzuführen, es mögen also nur einige
wenige besonders typische herausgegriffen werden. Das
Porträt der Mutter des Künstlers von 1899 zeigt die ihm
eigene großzügige Modellierung, das eminente Formgefülil,
entbehrt aber in seiner Auffassung und in der Farbe nicht
eines unangenehmen Beigeschmacks. Ganz auf den Pfaden
einer barockähnlichen Kunst bewegen sich das Porträt des
in der Ausstellungüber dreißigmal vertretenen Fräulein H. im
Besitz von Weisein Halle, die Bacchantin von 1897 in gleichem
Besitz und das »Weibliche Bildnis« von 1897 (Katalog
Nr. 66), das in der ganzen Auffassung, der Bewegung und
Linienführung bis in den affektiert abgespreizten kleinen
Fingereine künstlerische Dekadenz verrät Außerordentlich
großzügig und vereinfacht in der Linie ist das Porträt des
Fräulein H. in grauem Kostüm in ganzer Figur, aber leider,
wie so viele dieser Porträts, so unangenehm, fast abstoßend
im Ausdruck, daß man auf das Tiefste bedauert, daß diese
große Begabung, dieses Können nicht von einem ge-
sünderen Empfinden geleitet wird. Von dem feinen Farben-
geschmack, den Habermann in der kleinen Landschaft von
1875 gezeigt hat, ist bei den späten Landschaften (Schloß-
graben 1903, Mein Vaterhaus 1904) nichts mehr zu spüren.
Gern verwendet er in der letzten Zeit ein weißlich schlei-
miges Grau und Gelb, grünliche und bräunliche Töne und
bei den weiblichen Bildnissen, namentlich einigen Pastellen

(Fräulein H.) arbeitet er manchmal mit einem Violettlila
und verwandten Tönen (so auch bei den Fleischpartien des
en face-Porträts seiner Schwägerin), die einem verwöhnten
Auge direkt weh tun. Als ein Werk, das sein ganzes Können
in phänomenaler Weise vereinigt, sei zuguterletzt der lie-
gende Akt in Grün genannt, der, abgesehen von gewissen
Mängeln in der Farbengebung, in der Erfassung der Formen,
in der Modellierung und auch in der gesünderen Auffassung
mit das beste ist, was Habermann im letzten Dezennium
geschaffen hat.

Uber Otto Reiniger hat erst kürzlich ein Kunst-
historiker (J. Baum, Zeitschrift für bildende Kunst, Heft 4)
einen begeisterten Aufsatz geschrieben, der darin gipfelte,
daß der verstorbene schwäbische Meister »einer der größten
deutschen Landschafter aller Zeiten« gewesen sei. Die
76 Bilder und Studien, die man in der Sezession zu sehen
bekam, vermochten mich von der absoluten Wahrheit dieses
Satzes nicht zu überzeugen. Reiniger ist zweifellos ein
sehr ernster und ehrlich schaffender Künstler und einer, der
den Namen Künstler wirklich verdient. Ausgesprochen
poetisches Empfinden in seiner Naturanschauung vereinigt
sich mit einer bedeutenden Fähigkeit, dies auch mit dem
Pinsel zum Ausdruck zu bringen. Seine Darstellung ge-
wisser atmosphärischer Zustände ist erstaunlich. Vor allem
liebt er die feuchte, dunstige Luft, die aufsteigenden Früh-
und Abendnebel, in ihrer künstlerischen Wirkung auf die
Landschaft, oft noch durch schräg einfallendes Sonnenlicht
kompliziert,dieleichten Schleier, die sich nach einem warmen
Vorfrühlingsregen vor unsere Augen legen, oder den zarten
Dunst, der vom feuchten, blätterbedeckten Waldboden an
einem schwülen Morgen in die Höhe steigt und dergleichen.
Auch die Darstellung des fließenden Wassers in den ver-
schiedensten Beleuchtungen der Tageszeiten, ist ihm ein
Lieblingsproblem, das er mit frappierender Geschicklichkeit
und feinem Gefühl löst. Aber um ihn einen der größten
deutschen Landschafter aller Zeiten zu nennen, ist sein In-
teresse für die Natur und die unendliche Mannigfaltigkeit
ihrer Formen und Stimmungen, sowie deren Ausdrucks-
möglichkeiten ein zu spezialisiertes, seine Genügsamkeit in
der Auswahl seiner Motive zu groß. Auch scheint mir das
Format mancher seinerBilderim Verhältnis zum dargestellten
Landschaftsausschnitt über das notwendige Maß bedeutend
hinauszugehen. Dadurch entsteht zuweilen ein gewisses
Gefühl der Leere, ein Verlangen nach abwechslungsreicherer,
mehr in sich schließender Komposition und größerer Be-
lebung der Flächen. Die ausgestellten Werke entstammen
einer Schaffenszeit von nicht ganz zwei Jahrzehnten (1890
bis 1909), so daß wir über die ersten Entwickelungsjahre
des Künstlers im Unklaren bleiben. Mit dem Beginn der
neunziger Jahre scheint Reiniger seine persönliche Aus-
drucksweisejedenfalls schon vollkommengefunden zu haben.
Das aus dem Jahr 1892 stammende, »Schlanke Bäume
betitelte Bild, das von außerordentlichem Duft ist, zeigt
schon ganz die ihm eigene Stimmung und die Meisterschaft
in der Darstellung des Atmosphärischen. Eines seiner besten
Werke befindet sich im Besitz der neuen Pinakothek in
München, die es der Ausstellungsleitung bereitwillig zur
Verfügung gestellt hat. Es ist die im Jahr 1902 entstandene
»Dämmerung«, ein Blick auf einen links von hohen Bäumen
bestandenen Fluß (Donau), an dessen rechtem Ufer im
Dunst ein paar Häuser zwischen hohem Gebüsch noch ver-
schwommen zu sehen sind. Uber allem liegen die zarten
durch die Sonne vergoldeten Nebel, wie man sie an Früh-
ling- oder Herbstmorgen und -abenden in der Nähe von
fließendem Gewässer beobachten kann. Man darf das Bild
inseiner Art ein Meisterwerk nennen. Kaum geringer möchte
ich die der Stuttgarter Galerie gehörige Schneenacht
einschätzen oder den aus dem gleichen Jahr 1907 stammenden
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