Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Literatur

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wandtes aufzufinden. Im Gegensatz zu diesem frühesten
bekannten Werk des Künstlers zeigt der seit langem wegen
der Derbheit seiner Darstellung bekannte Herrenberger
Altar wesentlich flaueres Kolorit bei starker Vorliebe für
Lichteffekte. Man hat angesichts dieses Werkes, das auf
der Rückseite die Vermählung Maria, Beschneidung Christi
und den Abschied der Apostel, auf der Vorderseite Abend-
mahl, Verspottung Christi, Kreuzigung und Auferstehung
zeigt, an eine Einwirkung Grünewalds denken wollen.
Doch ermöglicht es die Vereinigung der beiden Altäre, nun-
mehr festzustellen, daß Ratgebs Stil sich logisch aus der
Kunst seiner ersten Zeit weiter entwickelt hat. B-m.

Neri di Bicci, Madonna mit Kind, Johannes dem Täufer und Engeln
Narbonne, Musee

Ein Werk Neri di Biccis ist zweifellos unter dem
Namen Giottos in der Gemäldegalerie zu Narbonne (Nr. 245)
versteckt (s. Abb.). Der Typus der Madonna mit der Neigung
zur zugespitzten Bildung in Mund, Kinn und Nase besonders
verraten die Eigentümlichkeit des Florentiner Malers aus
der Gruppe der Bicci. Die Madonna auf der Verkündigung
der Akademie zu Florenz von 1460, auf der gleichen Dar-
stellung von 1464 ebenda (Phot. Alinari, 1407, 1408), auf
dem Bild in S. Michele zu Arezzo (Phot. Alinari, 10.458)
v. J. 1466 sind deutliche Belege, ebenso darf auch das
kleine Bild der Verkündigung in der Münchener Pinakothek
(Kabinett d. Quattrocent.), das schon Schmarsow Fra Filippo
absprach, und das Neri di Bicci ohne Frage zuerteilt werden
muß, herbeigezogen werden. Doch erscheint das Bild in
Narbonne bereits reifer, der Madonna mit Heiligen in der
Akademie zu Florenz (Nr. 148, Phot. Alinari 1404), die
wohl nach 1475 entstand, näher. Freiere Auffassung des
Raumes und der Formen macht sich neben dem Einfluß
Botticellis in der Gesamtanordnung und den lilientragen-
den Engeln bemerkbar, während im Johannes Fra Filippo
nachklingt, und Fra Diamante die scharfe Bildung der Ge-
wandfalten nachgebildet erscheinen. An Graffione zu den-
ken, den der stickmusterartige Grund des Gemäldes vor-

Inhalt:

nehmlich in die Erinnerung bringt, verbietet die Rundung
und größere Zartheit der Formen, in denen trecentistische
Traditionen noch klar zutage treten, wie sie die Familie
der Bicci im 15. Jahrhundert gerade noch hochhielt. w-

© Den angeblichen Maler Hans von Meiern weist
Firmenich-Richartz als einen Frankfurter Kaufmann nach.
(Monatsh. f. Kunstwiss. HI, Heft 7). Die Inschrift auf dem
bekannten Porträt der Münchener Pinakothek bezieht sich
nur auf den Dargestellten. Der Maler gehört der vlämi-
schen Richtung an und war in den goer Jahren des 15. Jahr-
hunderts in der Reichsstadt Frankfurt tätig. Vermutungs-
weise nennt Firmenich-Richartz den Namen Konrad Fyol.

© In einem Aufsatze über Ambrosius Benson als
Bildnismaler gibt Max J. Friedländer (Jahrb. der königl.
preuß. Kunstsamml. XXXI, Heft 3) eine Reihe neuer Biider-
bestimmungen, die den Künstler von einer bisher nicht er-
kannten Seite zeigen. Zwei anonyme Männerporträts in
Berlin und Köln, ein sog..Gossaert in Brüssel, das als Hol-
bein katalogisierte Bildnispaar bei Oppenheim in Köln sind
die bekanntesten Werke. Benson zeigt sich hier als ein
selbständiger Künstler im Gegensatz zu seinen Altarbildern,
die ihn als erfindungsarmen Nachahmer des Gerard David
erscheinen lassen.

LITERATUR

L. v. Sybel. Christliche Antike II. Plastik, Architektur
und Malerei. 341 S., gr. 8°, Titelbild, 3 Farbentafeln,
99 Abb. Marburg 1909. Elwert. Geh. M. 8.50.

In der Einleitung bestimmt der Verf., weit ausholend,
das Wesen der Spätantike und der frühchristlichen Kunst
als hellenistisch. Und auf dieses Axiom kommt er im
Lauf der Verhandlungen immer wieder zurück. Damit ist
ausgesprochen, daß die stürmischen Umsturzversuche
Strzygowskis hier einen ebenso feinen als besonnenen
Kritiker finden. Der Hauptteil des Buches gilt den Sarko-
phagen. Es wird zunächst die Architektonik derselben im
Anschluß an die heidnischen Formen entwickelt, dann der
Bilderkreis und eine äußerst mühsam und vorsichtig funda-
mentierte Chronologie. Diesen Abschnitt wird man sehr
hochschätzen. Denn es kommen bei den Zeitbestim-
mungen Kenntnisse und Erfahrungen ins Spiel, wie sie
nur der klassische Archäologe besitzt. Es folgen die
übrigen Bildwerke, besonders eingehend mit statistischer
Übersicht die Elfenbeine. Die Basilika lehrt der Verf.
wieder »als eine neue Spielart der antiken Basilika« er-
kennen, und die Gründe dafür sind so klar und stark, daß
sie uns nun wohl von allen anderen gesuchten Ableitungen
befreien. Man vermißt hier eine Auseinandersetzung mit
Heisenbergs »Grabeskirche und Apostelkirche«. Über die
Malerei blieb nach Vorwegnahme der Katakombenbilder
im ersten Band nur wenig zu sagen (Mosaik und Minia-
tur). So ist das Werk nun zwar kein Handbuch der alt-
christlichen Kunst geworden, aber doch ein unentbehrlicher
Ratgeber, der überall neues Licht, neue Zusammenhänge
und Ausblicke gibt. Denn die Dinge sehen doch anders
aus, wenn sie vorwärts, von der Antike her betrachtet
werden, als wenn sie rückwärts, vom Mittelalter her, unter
dem Zwang christlicher Überlieferung und dogmatischer
Befangenheit ausgelegt werden. Es geschieht der christ-
lichen Kunst kein Abbruch, wenn auf jedem Gebiet der
mächtige Zustrom antiker Formen und Gedanken frei an-
erkannt wird. Dr. H. Bergner.

Die Städte alter deutscher Kunst. Von F. Knapp. — C. F. Schinkels bildliche Darstellungen griechischer Hypäthraltemjpel. Von O. Fiebiger. —
A-.. Anker f. — Personalien. — Wettbewerbe: Ständehaus für die Provinz Posen, Osthafen von Frankfurt a. M., Rathaus in Oberhausen,
König-Albert-Museum in Zwickau. — Schadows Prinzessinnengruppe in Hannover. — Ausstellungen in Berlin, Detmold, Interlaken. — Aus
den Kieler Museen; Mittel für Ankäufe der städt. Galerie in Mannheim; Erwerbungen der Kaiserl. Ermitage in St. Petersburg; Museum
• Lakenhai« in Leiden; Museum Boymans in Rotterdam. — Vereinigung von Künstlervereinen in Frankfurt; Verband Deutscher Architekten-
und Ingenieurvereine. — Vermischtes. — Forschungen. — Literatur.

Herausgeber und verantwortliche Redaktion: E. A. Seemann, Leipzig, Querstraße 13
Druck von Ernst Hedrich Nachf. o. m. b. h. Leipzig
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