Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Eine Studienfahrt zu den Gartenstädten Englands

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Gabriel Mäleßkircher und Jan Polack konzentrieren.
Mäleßkirchers Hauptwerk aus den siebziger Jahren
des 15. Jahrhunderts, wo er nachweislich für das
Kloster Tegernsee gearbeitet hat, war in Gestalt der
dortigen Altarausstattung zur Stelle. Jan Polack, zu-
erst 1483 in München urkundlich erwähnt, ist seit
1488 Stadtmaler. Gestorben ist er Anfang 1519.
Von ihm besitzt die Schleißheimer Galerie den zur
Ausstellung gezogenen Weihenstephaner Altar. Auch
ist er am Petri-Altar, der größten Schöpfung der
Münchener Schule jenes Jahrhunderts beteiligt. Der
von Dr. Buchheit verfaßte knappe Katalog gibt hier-
über wie über alle ausgestellten Bilder mit kühler
Sachlichkeit wissenschaftlichen Aufschluß.

An diese Führung im Nationalmuseum schloß
sich die Besichtigung der Ausstellung altbayerischen
Porzellans, die Dr. Hofmann veranstaltet hat. Auch
der schönen, durch die Stücke des Berliner und Kölner
Museums besonders hervorragenden Japan- und China-
Ausstellung, die von den anwesenden Spezialisten
sehr gelobt wurde, soll hier mit einem Wort gedacht
werden.

Eine Erholungsfahrt ins bayerische Gebirge an
den Eibsee wurde durch die Gastfreundschaft des
Herrn Dr. Berolzheimer geboten, und Herr Dr. Baum
hatte im Anschluß an seinen Vortrag über die Ulmer
Plastik eine Studienreise nach Ulm, Blaubeuren, Mem-
mingen arrangiert.

Vor allem aber wollen wir nicht den ebenso
reizenden wie belehrenden Ausflug nach Landshut
vergessen, wo uns erst Professor Riehl mit sonorer
Beredsamkeit die Schönheiten des gotischen Domes
erläuterte, und Dr. Bassermann-Jordan die Baugeschichte
des kurfürstlichen Schlosses uns lebendig machte. Hier
in diesem Schlosse erzählte dann Dr. Warburg vor
einem unscheinbaren Kamin eine jener entzückenden
kunsthistorischen Seelenwanderungen, in deren Auf-
spüren er, wie allbekannt, Meister ist. Die Schluß-
worte seines Vortrags erhoben sich zu besonderer
Bedeutung, indem er es aussprach, daß die stille,
kleine, langsam zuwartende Feinarbeit unser Wissen
oft weiter und tiefer bereichern könne als alle »Groß-
zügigkeit«.

Am Nachmittag sahen wir dann das Schönste von
Landshut: die malerisch gelegene Trausnitz, einen
italienisch-deutschen Renaissance-Sitz, wie er in solcher
Schönheit und Wohlerhaltenheit gewiß nicht oft in
unseren Landen sich findet.

Den Abend beschloß ein Empfang beim Prinzen
Ruprecht in der Nymphenburger Amalienburg; und
dieser graziöse Schimmer von Rokoko und Kerzen-
licht beschwingt die Erinnerung an des Kongresses
Ernst und Wissenschaft.

G. K

Ein zweiter Bericht über den Inhalt der Vorträge folgt.

EINE STUDIENFAHRT
ZU DEN GARTENSTÄDTEN ENGLANDS

In dem Stadium, in dem sich gegenwärtig die deutsche
Gartenstadtbewegung befindet, konnte der Gedanke eines
Besuches in England von großer Bedeutung werden, weil
er einer Anzahl führender Persönlichkeiten die unmittel-
bare Bekanntschaft mit dem brachte, was in England auf
diesem Gebiete bereits erreicht ist. In der Tat war die
Teilnahme an dieser »sozialen Studienreise« von Seiten der
verschiedensten Berufsgruppen eine sehr große und zweifel-
los wird der Erfolg dem lebhaften Interesse entsprechen,
das alle während der Fahrt beseelte, und eine wesentliche
Stärkung der Bewegung bei uns zur Folge haben.

Von zwei Seiten ist das Problem gesunden, billigen
und schönen Wohnens im Einfamilienhause mit Garten in
England in Angriff genommen worden. Zwei Praktiker
gingen voran. Der Seifenfabrikant Lever gründete 1889 bei
Liverpool die Gartensiedelung Port Sunlight für seine Ar-
beiter, und 1895 begann Cadbury, der größte Schokolade-
fabrikant Englands, sein Arbeiterdorf Bournville bei Bir-
mingham; beide, nach dem Grundsatz, dem Arbeiter ein
schönes und gesundes Häuschen, ein Stück Garten und
Anteil an allen sozialen und sportlichen Anlagen für den
möglichst billigen Preis zu verschaffen. Theoretisch be-
gründete dann Ebenezer Howard 1898 in seinem berühmten
Buche »Garden citys . of to morrow« die umfassendste
sozialreformerische Idee der letzten Zeit: Städte auf landwirt-
schaftlichem Terrain vollkommen neu zu erbauen und mit
allen praktischen und ästhetischen Vorteilen auszustatten,
die das Wohnen in ihnen begehrenswerter machen als das
in den Großstädten. Vor allem bleibt der Boden Gemein-
gut und unterliegt nicht der Spekulation, daher können die
billigsten Wohnhäuser noch schön und groß und mit
Garten hergegeben werden. Die englische Gartenstadt-
gesellschaft hat sich die Aufgabe gestellt, diese Ideen zu
verwirklichen und bis jetzt bereits zwei derartiger Siedlungen
in Angriff genommen: Letchworth (für 30000 Einwohner)
und die Gartenvorstadt Hampstead bei London.

Der Gedanke ist hier besonders naheliegend, etwas
Neues auf dem Gebiete des Städtebaues zu leisten. Die
Engländer haben in früherer Zeit Bebauungspläne sehr
stiefmütterlich behandelt; dafür sind nun in der Tat die
Gartenstädte die ersten Versuche, ein Stadtganzes künst-
lerisch zu disponieren. Vor allem zeigt Hampstead die
glücklichen Resultate des Studiums von alten deutschen
Städten: die geschlossene Bauweise erlaubte den Archi-
tekten einheitliche Straßenbilder und Platzanlagen von
prächtigem und neuartigem Typus. Höchst interessant
sind freie Umarbeitungen deutscher Motive wie die Aus-
gestaltung des Abschlusses der Kolonie nach der Hamp-
steadheide als » Rothenburger Mauer« und die Hallengänge
um den Marktplatz mit Kaufläden, in der Art süddeutsch-
tiroler Laubengänge.

Die Gartenstädte allein hätten nicht eine so beredte
Sprache geführt, wenn man nicht ständig die englischen
Großstädte als Kontrast dazu gesehen hätte. Die städtische
Architektur in England hält sich frei von den Maßlosig-
keiten und Übertreibungen unserer älteren Neubauten,
dafür besitzt sie aber eine langweilige Einförmigkeit, die
sich in den Quartieren der Ärmeren zu außerordentlicher
Häßlichkeit steigert. Dabei wird immer das Prinzip des
Einfamilienhauses gewahrt. Gegenüber diesen freudlosen
kleinen Spelunken aus Rohziegeln erscheinen dann die
Arbeitersiedelungen von Port Sunlight und Bournville als
wahrhaftiges Paradies, und mit der architektonischen und
gärtnerischen Schönheit geht auch die gesunde soziale
Grundlage in ihnen Hand in Hand. Das spürt man überall,
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