Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Der Pariser

Herbstsalon

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Beste, das kleine Bildchen in leuchtendem Perlgrau,
und die Italienerin in Blau, erinnern in ihrer überaus
feinen Harmonie, ihrer farbigen Leuchtkraft, ihrer ein-
schmeichelnden Lufthülle an keinen Geringem als
Vermeer van Delft, dessen Amsterdamer Bilder man
wohl einmal neben den besten Figurenbildern Corots
sehen möchte.

Zum zweiten hat ein gutmeinender Ausschuß
einige zwanzig Gemälde und ebensoviele Zeichnungen
von Hans von Marees hergebracht. Es ist gewiß
sehr löblich, wenn man sich die Mühe gibt, die un-
glaubliche Ignoranz der Franzosen, was die Kunst
und überhaupt alle Zustände des Auslandes angeht,
einigermaßen aufzuhellen, obgleich ich für mein Teil
das für ein vergebliches Bemühen halte, womit man
auf keinen Dank rechnen darf. Aber das muß dann
doch anders gemacht werden. Vor allen Dingen
fragt es sich sehr, ob gerade Marees der Mann ist,
den man auf diese Weise der Welt näherbringen kann.
Ich fürchte, das ist bei ihm nicht besser möglich als
bei Puvis de Chavannes. Wenn man die Malereien
des Puvis an Ort und Stelle im Pariser Pantheon,
in den Treppenhäusern der Museen von Amiens, Rouen,
Lyon, Marseille sieht, so macht das einen ganz, ganz
andern Eindruck, als wenn man etwa einige Skizzen
und Zeichnungen, seinen Pauvre Pecheur, das Porträt
der Fürstin Kantakuzen und ähnliches vereinigt sähe.
Bei dieser letzteren Zusammenstellung bekommt man
wirklich gar keinen Begriff von der Kunst des Puvis.
Dieser war eben ein großer Dekorator, und nur in
seinen großen Dekorationen kann man ihn wirklich
erkennen.

Hans von Marees geht es meines Erachtens eben-
so. Wenn man im Neapeler Aquarium die Treppe
hinaufsteigt und dann in der Bibliothek die Wand-
gemälde sieht, ist man einfach wortlos vor Staunen
und Entzücken. Man fühlt, daß hier ein ganz wunder-
barer Künstler gearbeitet hat, einer der gewaltigsten,
begabtesten, anmutigsten und stärksten dekorativen
Meister, die wir Deutschen jemals gehabt haben. Vor
den Bildern und Zeichnungen im Pariser Herbstsalon
fühlt man das gar nicht. Selbst wer die Arbeiten in
Neapel kennt, hat hier nur ein schwaches Echo der
dort erfahrenen Gefühle, so schwach, daß man von
einer Enttäuschung sprechen kann. Und daran ist
nicht allein die Eigenart des Malers schuld, sondern
auch die Veranstalter der Ausstellung sind nicht frei
von Schuld. Vor allen Dingen hätten sie sich für
diesen elend belichteten Raum bedanken müssen, in
dem man nicht ein einziges Bild ohne einen fatalen
Reflex beschauen kann. Wenn die Leute vom Herbst-
salon keinen besseren Raum hergeben wollten, hätte
man lieber auf das ganze Unternehmen verzichten
müssen. Dann ist der die Wände bedeckende Stoff
so schlecht wie nur möglich gewählt. Für die hellen
und schreienden Farben der wilden Männer mag die
hellgelbliche Leinwand vorzüglich sein, für die dunkel
gehaltenen Bilder von Marees ist sie einfach tötlich.
Man sieht nur noch einen dunkeln Fleck auf hellem
Grunde. Ich verstehe nicht, wie man einen solchen
Fehler hat begehen können, und ich begreife, daß

einer der hervorragendsten Pariser Kritiker von »schmut-
ziger Farbe« bei Marees spricht. Sie ist genau eben-
so »schmutzig« wie die der Venezianer, aber auch
die Venezianer würden schwarz und schmutzig
wirken, wollte man sie auf helleuchtendem Grunde
präsentieren.

Es gibt außerdem noch einen »deutschen Saal«
im Herbstsalon, und das ist eine der nicht am wenig-
sten merkwürdigen Erscheinungen bei dieser Aus-
stellung. Die armen Franzosen, die hier mit der
»deutschen Kunst« Bekanntschaft machen sollen, er-
halten eine sonderbare Vorstellung von deutscher
Kunst! Es sind gerade sieben Leute hier vertreten,
und nun versuchen Sie einmal, sich die Sieben her-
zurechnen, die man dem Auslande als Vertreter der
zeitgenössischen Kunst vorFühren könnte. Da Sie es
aber gewiß nicht erraten werden, seien die sieben
Namen genannt: Schocken, Rösler, Bülow, Dora Hitz,
Max Beckmann, und die beiden Bildhauer Georg Kolbe
und Gerstel. Ich sage nicht das geringste gegen die
Begabung der sieben, aber sie sollten doch auch den
Schein vermeiden, im Auslande die deutsche Kunst
vertreten zu wollen. Die Sache ist um so befremdender,
als außerdem einige dreißig reichsdeutsche Künstler
im Herbstsalon ausstellen, diese aber verstreut unter
den anderen Nationen. Wenn man, abweichend von
dem in den Pariser Kunstausstellungen herrschenden
Brauche, einen besonderen deutschen Saal einrichtete,
hätte man doch wenigstens die sämtlichen deutschen
Aussteller darin aufnehmen müssen.

Sehr interessant ist die Ausstellung von Zeichnungen,
Lithographien und Radierungen Steinlens. Allerdings
lernen wir da nichts Neues, denn die umfassende Ge-
samtausstellung, die Steinlen vor einigen Jahren zeigte,
hat uns diesen trefflichen Künstler von allen Seiten
bewundern lassen. Hier kommt er nur als Illustrator
zur Sprache, von den ältesten Zeichnungen, die er
für den einst über Gebühr gepriesenen Kabaretier
Aristides Bruant — nicht zu verwechseln mit dem
Premierminister Aristides Briand — machte, bis zu
den soeben erst in einer Prachtausgabe der Gedichte
Richepins erschienenen Illustrationen der Chansons
des Gueux. Es wäre müßig, ein Wort zum Lobe
dieses begabten, ehrlichen, tapferen und alles in allem
vortrefflichen Zeichners zu sagen.

Ein anderer Sondersaal gehört dem noch nicht
lange verstorbenen Holländer ten Kate, der in zarten
Flachlandstimmungen ebenso exzellierte wie in kräftigen
Farbenharmonien seiner heimischen Häfen und Küsten.
Endlich ist da noch ein Sonderraum, der die Be-
sucher mächtig anzieht.

Madame Besnard, die Gattin des bekannten Malers,
die selbst künstlerisch tätig ist und einige vortreffliche
Statuen für die von ihrem Gatten ausgemalte Kapelle
in Berck sur Mer geschaffen hat, hat eine Ausstellung
von Kinderzeichnungen veranlaßt. Daß diese Kinder-
zeichnungen gerade im Herbstsalon gezeigt werden,
schnreckt allerdings auf den ersten Blick etwas nach
Ironie, denn im Herbstsalon stellen alle jene Künstler
aus, die sich redlich abquälen, um wie kleine Kinder
zu malen, zu zeichnen und zu modellieren. Aber
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