Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Leonardo oder Lucas?

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graphien bekannt ist, zeigt ihn als mittelguten Bildner
aus einer Epoche künstlerischen Tiefstandes; schon
Joubert hat das in der Times vom 25. Oktober be-
tont. Daß Waagen ihn als Restaurator der Antiken
vom Britischen Museum lobt, besagt, daß er seine
eigene Zeit in solchen Arbeiten befriedigte, aber heute
sind wir in der Forderung des Stilgemäßen anspruchs-
voller: Lucas' Versuche, die Mittelpruppe des Par-
thenongiebels zu ergänzen, zwei Hochrelieffiguren im
ausgesprochenen Stil der Bronzeplastik (nach einem
Bronzerelief des Britischen Museums) vor einem ver-
tieften Tondo beweisen das. Er war imstande, die
Werke großer Kunst ziemlich exakt, doch immer
etwas modernisiert und versüßlicht nachzubilden, aber
er besaß nicht die Vorstellungskraft, nach einem for-
menschwachen Gemälde eine vorzügliche Plastik zu
schaffen. Seine Bildwerke, auch die größeren, haben
zudem etwas penibel Durchgeführtes; die Flora aber
ist als großer Wurf ganz aus dem Vollen geschaffen.

Als Kronzeuge für die Lucas-Hypothese wird neben
dem Morrisonschen Bilde und seiner Kopie eine Photo-
graphie nach der Berliner Büste aufgeführt, von denen
sich die eine »tinted« Photographie im Besitz des An-
führers im Lucas-Kreuzzug Mr. Cooksey, die andere
in einem Album, das heute im Kaiser - Friedrich-
Museum ist, befindet. Jene ist in der lllustrated Lon-
don News, diese in der Woche publiziert. Sie stellt
die Halbfigur der Göttin in merkwürdiger Verkleidung
und eigentümlicher Beleuchtung dar. Unter einem
Mantel von wirklichem Stoff erblickt man ein hemd-
artiges Gewand, das den Hals an seinem unteren
Rande fest umspannt; es ist nicht mit photographiert,
vielmehr erst nachträglich in die Platte gezeichnet;
die Rechte über der linken Brust hält sehr lange
Ranken mit Weinblättern, Winden usw. (sind sie das
Bukett mit ganz kurzen Stengeln, das Lucas junior
gemacht haben soll?). Die andere Hand aber gehört
(das scheint sicher) einem Menschen, der hinter dem
Vorhang steht und durch die vorgestreckte Linke die
fehlende der Halbfigur unorganisch und unschön er-
gänzt. Auch hier sind Retuschen nachzuweisen. —
Die scharfe Beleuchtung von oben und die Aufnahme
mit sehr kurzer Distanz lassen die Büste in vielen
Einzelheiten hier gröber erscheinen als im Original
und in modernen Photographien, und das Gewand
nimmt ihr das Schönste, den rhythmischen Ausgleich
zwischen Körper und Kopf. Dadurch wurde es möglich,
daß verschiedene Kenner, auch die Berliner Museums-
leitung, die Flora von Berlin in dieser Nachbildung
nicht wiedererkannten, vielmehr eine vergröberte, heute
verschollene Kopie derselben als Vorlage vermuteten.
Auch Herr Geheimrat Miethe vom Polytechnikum (auf
dessen amtlichen Gutachten alle obigen Angaben über
die Photographie basieren) sprach sich zuerst in diesem
Sinne aus; seine exakten, photogram metrischen Unter-
suchungen ergaben aber dann das Gegenteil, daß
nämlich die Lucassche Photographie die Berliner Büste
oder einen ungetönten Gipsabguß nach ihr darstellen
muß (Untersuchungen über diesen fraglichen Punkt
stehen bevor). Ja mehr als das: zum Teil verborgen
unter den Retuschen besitzt die Büste damals schon

alle ihre heutigen größeren Sprünge und Risse. Die
Photo ist nach Herrn Geheimrat Miethes Feststellung
um 1860 gemacht und wäre die Flora von Lucas
1846 oder bald darauf geschaffen, müßte sie in den
ersten zehn bis vierzehn Jahren ihres Daseins so ge-
borsten, danach aber bis heute, das heißt fünfzig Jahre,
in ihrem damaligen Zustand geblieben sein. — Das
ist nach meinem Dafürhalten aber ausgeschlossen, denn
die erste erklärende Nachricht aus Southampton, die
Büste hätte im Freien — im Gebüsch! — gestanden,
ist danach in einen Platz unter einem Schutzdach,
dann in ein Zimmer mit schützendem Glassturz ver-
bessert worden. Lucas' eigne Arbeiten, die in gelb-
braunem, wie die in weißem Wachs haben noch heute
nichts von einer derartigen Krakelure (Herr Dr. Posse
hat sie kürzlich in England genau untersucht; und
von den kleinen Stücken in Berlin gilt das gleiche).

In den verschiedenen Photographienbüchern vom
älteren Lucas findet sich die Berliner Flora nicht;
selbst in dem großen mit seinen besten Werken
und allerlei Dingen seiner Umwelt, das er dem
Britischen Museum 1859 geschenkt. Einzig in dem,
welches Mr. Tolfree an Lucas' Freund, Mr. William Bur-
row Hill, verkauft hat, und welches heute im Kaiser-
Friedrich-Museum ist und als Blatt in Cookseys Besitz,
begegnet sie uns. Beweist ihr Vorhandensein hier
wirklich Lucas' Autorschaft?

Der schwarze Lederband in Berlin bewahrt die
Nachbildungen Lucassischer Werke, dazu Porträts von
ihm, seinem ländlichen Besitz — und Arbeiten der
Antike und der neueren Kunst. Bei eigenen Werken
hat der Künstler einzig das Gegenständliche angegeben,
einmal auch sein masterpiece und einmal sein erstes
Jugend werk vermerkt. Bei anderen Arbeiten aber hat
er »Die Kreuzabnahme von Rembrandt«, »Die Para-
diesestür am Florentiner Baptisterium« bezeichnet, und
unter unsere Flora hat er: »The Flora of Leonardo di
Vinci« geschrieben. Ob auch Herrn Cookseys Photo
diese Unterschrift hat, weiß ich nicht. Stände aber
statt dessen etwas da, was Lucas' Autorschaft beweist,
wäre das bei der Publikation in der lllustrated Lon-
don News vom 30. Oktober sicher gesagt worden.

Lucas hat — nach dem Berliner Album zu
schließen — die wächserne Göttin so wenig wie die
Köpfe der Laokoon und Antinous für seine Arbeit
ausgeben wollen, und so beweist die vielumstrittene
Photographie zu guter Letzt die Autorschaft von Lucas
nicht, sondern einzig, daß sich die Büste in seinem
Haus befunden hat, und daß sie bereits 185QI60 die
heutigen, tiefen Risse besaß und ohne linke Hand ge-
wesen ist. — Lucas' Eigentum ist sie nicht gewesen;
sondern aller Wahrscheinlichkeit nach hat sie seinem
hohen Gönner Lord Palmerston gehört. So lautet
die Aussage des Auktionsbeamten und jetzigen Buch-
händlers Mr. Edward Tolfree, der die Flora bei der
Auktion der nachgelassenen Lucaswerke (1884) nicht
mit versteigern ließ, vielmehr als fremdes Eigentum
zurückstellen mußte. Ob Palmerston das Bildwerk
von seinem Vater geerbt hat, dem bekannten Kunst-
sammler, der Jahre hindurch in Italien gelebt hat,
oder von einer seiner Reisen aus Frankreich mit-
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