Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Eine Handzeichnung von Leonardo

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berem Korn, darin den Marmorarbeiten des späten
Quattrocento verwandt. Und es würde dem, was wir
von Leonardo da Vincis Oberflächenbehandlung wissen,
der Subtilität seiner Modellierung sehr wohl entsprechen,
daß er in diesem zarten Material eine besonders raffi-
nierte Flächendurchbildung versucht und seine aller-
nächsten Schüler auf eine solche hingewiesen hätte.

Daß er, der Jahre hindurch für ein großes Reiter-
denkmal in Bronze Entwürfe gemacht und den Bild-
hauer Rustici bei der Bronzegruppe der Johannes-
Predigt fürs Florentiner Baptisterium unterstützt hat,
sich auf die Wachsbildnerei verstanden hat, steht
außer Zweifel. Selbst dann, wenn man nicht wüßte,
daß er Jahrelang in Verrocchios Atelier tätig gewesen,
und daß dieses in Orsino Benintendi den geschick-
testen ceraiuolo vom Ende des Quattrocento besaß.
Florenz hatte in der S. S. Annunziata durch das Vor-
recht edler Herren, ihr Bild hierherzustiften, schon im
Quattrocento ein bedeutendes Museum lebensgroßer
Statuen in Wachs; und Verrocchio hat — nach Vasari
als erster — versucht, diese Voti künstlerisch zu gestalten.
Aus den Rechnungen für sie (einige hat Warburg in der
Bildniskunst veröffentlicht) wie aus Vasaris Kapitel über
Wachs- und Tonmodelle geht hervor, daß das Wachs
nicht immer in der Masse gefärbt, sondern auch damals
schon bemalt worden ist, und dadurch fällt wieder
ein Angriffspunkt gegen die Echtheit der Flora fort.

Die stilkritische Frage soll a. a. O., in der Zeit-
schrift für bildende Kunst, erörtert werden. Hier
galt es, die Gegengründe gegen die Lucas-Hypothese
darzulegen; und dabei ergab sich in den obigen
Zeilen manches, was auf Lionardos nächsten Umkreis
als Herkunft der wächsernen Göttin deutete. Und
selbst — wäre das nicht der Fall gewesen, und wäre
die Flora in Erfindung und Durchführung nur das
Werk eines unbekannten Cinquecentisten, so hätte
sie doch als Unikum aus einer Blüteepoche der
plastischen Kunst, ausgeführt in einem damals ge-
bräuchlichen Material, einen kaum abschätzbaren Wert.

FRIDA SCHOTTMÜLLER.

EINE HANDZEICHNUNG VON LEONARDO

Als bildender Künstler habe ich versucht, die
vielumstrittene Photographie von R. C. Lucas nach
der Florabüste auf die rein künstlerische Möglichkeit der
Hände zu untersuchen. Der geschmacklose Umhang
auf der rechten Schulter der Büste, sowie der Falten-
wurf der hinter der Büste hängenden Draperie haben
mich zuerst zu dem Gedanken veranlaßt, daß sie
zur Verdeckung einer Person gedient haben, deren
Hände wir auf der Photographie sehen.*)

Daß es keine Frauenhände sind, wird jeder, der
nach der Natur zeichnet, erkennen. Der dicke
Daumen der rechten, sowie die fleischigen Finger
der linken Hand veranlassen mich zu der An-
nahme, daß es die Hände eines Jünglings sein
müssen, der hinter der Büste und dem Vorhange
kniet. Die Falten auf letzterem beweisen, daß der
Vorhang in der Mitte hochgehoben ist, um die

*) Der Verf. ist also der Ansicht, daß beide Hände auf der Lucas-
schen Photographie menschliche sind.

Täuschung des versteckten Körpers zu erleichtern.
Durch das Umgreifen der Büste durch die hintere
Person war es dieser nicht möglich, die linke Hand
weiter vorzustrecken. Dadurch entstand der Eindruck,
daß die linke Hand keinen Unterarm hat, sofern wir
die Bruchstücke des linken Armes auf dem Berliner
Exemplar betrachten. — Ich habe nach Beweisen ge-
sucht, weshalb wohl Lucas gerade diese Handhaltung
auf seine Photographie gebracht habe.

Handzeichnung Leonardos in Schloß Windsor

In der Sammlung zu Windsor befindet sich eine
Zeichnung Leonardo da Vincis, auf der die rechte
Hand genau zu der Berliner Flora paßt. Und ganz
ebenso ist die Hand auf Lucas Photographie gebildet.
Die linke Hand konnte wegen der erwähnten Um-
fassung nicht dieselbe Haltung erhalten, wie die auf
der Leonardoschen Zeichnung.

Eine vorzügliche Braunsche Photographie der Zeich-
nung befindet sich in dem großen Werke »The Royal
Collection of Drawings by the Old Masters at Wind-
sor. London 1878«. — Dort aber ist die Zeichnung
fälschlich (wie auch die Ziffer an der Längsseite zeigt)
quer gestellt und Studie zur Monna Lisa genannt,
zu der sie gar nicht paßt. In Jean Paul Fr. Richters
Werke über Leonardo da Vinci finden wir sie dann
in Heliogravüre. Diesmal in richtiger Stellung.

Vielleicht hat Lucas in Windsor das Blatt gesehen
und zu seiner Photographie benutzt. Andrerseits lassen
sich aus dem Vorhandensein einer derart detaillierten
Zeichnung Leonardos, die so genau zu der Berliner
Büste paßt, auch sonstige wichtige Schlüsse ziehen.
W. Bode hat ja deshalb auch die Zeichnung schon in
seinem Aufsatze im Jahrbuch erwähnt. ROB. SPIES.
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