Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

Page: 139
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1910/0078
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
139

Literatur

140

Julius Meier-Graefe, Hans von Mare'es. Band 2. Mün-
chen. R. Piper & Co. 1909.

Von Meier-Oraefes Mareeswerk ist vorläufig der zweite
Band erschienen. Der erste Band, die Biographie und
künstlerische Würdigung, und der dritte, den Briefwechsel
enthaltend, sollen im nächsten Jahre folgen. Der vor-
liegende mittlere Teil umfaßt ausschließlich den Katalog
der künstlerischen Schöpfungen. Aufgezählt sind wohl an
die 1500 Gemälde, Entwürfe und Studien, eine erstaunlich
hohe Zahl, wenn man bedenkt, daß noch vor zehn Jahren
in der Öffentlichkeit kaum mehr als die von Fiedler ge-
stiftete Sammlung in Schleißheim bekannt war. Das Ver-
dienst Meier-Graefes ist um so größer, als er nicht nur
unsere Kenntnis, des vorhandenen Materiales außerordent-
lich bereichert, sondern an der Hand der größtenteils im
Nachlasse Fiedlers und Pidolls, ferner bei Peter Bruck-
mann, Hildebrand und Artur Volkmann befindlichen Zeich-
nungen den Werdeprozeß fast jedes Werkes und damit
auch die gesamte künstlerische Entwickelung Marees' auf
das deutlichste nachweisen kann.

Die Ordnung des reichen Materiales entspricht allen
Anforderungen. Sie ist, soweit möglich, chronologisch.
Doch wurden Studien und Repliken jedes Werkes unter
dem Datum der Entstehungszeit der ersten endgültigen
Fassung zusammengestellt, auch wenn sie in verschiedenen
Zeiten entstanden sind. Man kann diese Maßnahme, ob-
wohl sie den chronologischen Schematismus des Kataloges
naturgemäß durchbricht, vom Standpunkte der Kunstwissen-
schaft, der es nicht auf historische Statistik, sondern auf
die inneren Zusammenhänge ankommt, nur billigen. Die
historischen Angaben bei jedem einzelnen Bilde sind reich-
lich. Vor allem aber verdient die Koloritschilderung nicht
nur Lob, sondern Nachahmung. Hier ist dem Verfasser
seine Beschäftigung mit dem Impressionismus ganz be-
sonders zu statten gekommen. Meier-Graefe geht stets
vom Gesamteindruck aus, von der Bedeutung der Farbe
als Kompositionsfaktor, und vermag so im Leser selbst
wieder eine gewisse Vorstellung des koloristischen Ein-
drucks zu erwecken. Hingegen fehlt, wohl mit Rücksicht
auf die Abbildungen, die formale Analyse vollständig. Sie
wird uns hoffentlich im ersten Bande in recht ausgiebigem
Maße beschert werden.

Bezüglich der Aufzählung der größeren Gemälde, selbst
der verlorenen, dürfte nahezu Vollständigkeit erreicht
sein. Auch die Datierung konnte in den meisten Fällen
durch zahlreiche Zeugen gesichert werden. Schwieriger
gestaltete sich die Ordnung der Zeichnungen. Aus der
Zeit vor der Ausbildung des Typus (1873/74) ist weitaus
das meiste spurlos verschwunden. Aus der späteren Zeit
aber macht_die Datierung der Entwürfe, wenn auch über
die Zuteilung der meisten kein Zweifel bestehen kann,
zuweilen deshalb Schwierigkeiten, weil für Marees mit der
Vollendung eines Bildes das künstlerische Problem ja
keineswegs erledigt war. Meier-Graefe hat in allen diesen
Fällen, so bei Nr. 332 ff., 351, 744 A, 862 ff , die Frage der
Entstehungszeit klüglich offen gelassen. Entscheidung
werden hier, sicherer denn stilkritische Untersuchungen,
nur die einstigen Augenzeugen der Tätigkeit des Künstlers
herbeiführen können. Zwei während der Drucklegung
entdeckte Blätter wurden, statt im Nachtrag, in falschem
Zusammenhange aufgeführt; doch ist hierauf im Vorwort
hingewiesen.

Hohes Lob gebührt der illustrativen Ausstattung des
Bandes. Von den Studien und Entwürfen ist jedes wich-
tige Blatt, die Gemälde sind beinahe ausnahmslos repro-
duziert. Und zwar sind das Bad^der Diana und[die Farben-
studie zum Mittelbilde der Werbung in Farbendruck,
sämtliche Hauptwerke, darunter die großen dreiteiligen

Schöpfungen, namentlich die Hesperiden, das unvergleich-
liche, erst 1907 in San Francesco bei Florenz wieder auf-
gefundene Parisurteil und die Werbung, in satten Helio-
gravüren, die übrigen Schöpfungen in Netzätzung wieder-
gegeben.

Eine Stellungnahme zum Ganzen, die durch die offen-
bar der Gliederung des ersten Bandes folgenden Über-
schriften herausgefordert werden könnte, wird man billig
nicht vor dem Abschlüsse des Werkes erwarten.

Baum.

Nürnbergs Bürgerhäuser und ihre Ausstattung. Be-
arbeitet von Dr. Fritz Traugott Schulz. Mit zahlreichen
Abbildungen nach photographischen Aufnahmen des Ver-
fassers und Zeichnungen von Architekt H.J. Dennemarck.
Herausgegeben mit Unterstützung der städtischen Kol-
legien vom Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg.
Gerlach & Wiedling, Buch- und Kunstverlag. Wien und
Leipzig. 1. und 2. Lieferung.
Wenn Max Schenkendorf bei der Kennzeichnung der
deutschen Städte Nürnberg vor allen anderen als diejenige
preist, die »der edlen Künste voll« ist, so hatte er dazu
allen Grund. Auch anderswo hat freilich die deutsche
Kunst geblüht und es hält nicht schwer, in Deutschland
bedeutendere Kirchenbauten, Burgen, Rat- und Patrizier-
häuser, reichere Kirchenschätze und kostbarere Bildersamm-
lungen nachzuweisen als Nürnberg sie besitzt, aber nirgends
finden wir eine Stätte, die in ihrer Gesamterscheinung wie
in ihren Einzelheiten in dem Maße als der Niederschlag
eines alle Kreise durchdringenden gesunden künstlerischen
Lebens erscheint wie Nürnberg. Der Grund dafür ist
darin zu suchen, daß Nürnberg seine Größe und seinen
Reichtum nicht wie die Mehrzahl der großen Kunststätten
weltlichen und kirchlichen Machthabern verdankt, sondern
allein der Tüchtigkeit seiner Bürger. Wenn die Stadt sich
der besonderen Gunst der Kaiser erfreute und daraus für
ihre gesunde und kraftvolle Entwickelung viele Vorteile
gewann, so kam das eben daher, daß die Kaiser an dem
sich aus eigener Kraft entwickelnden starken Gemeinwesen
das größte Interesse nahmen. Diese Kraft und Selbständig-
keit des bürgerlichen Elementes spiegelt sich deutlich im
Nürnberger Wohnhausbau. Das bemerkte schon Aeneas
Sylvius, von dem der Ausspruch stammt, daß die Könige
Schottlands wünschen würden, so gut zu wohnen wie die
mittleren Bürger Nürnbergs und diesen vornehm bürger-
lichen Charakter hat die Stadt in der Folgezeit bewahrt.
Von den vielen künstlerischen Eindrücken, die der Fremde
aus Nürnberg mitnimmt, gehören die in den stattlichen
Höfen empfangenen zu den schönsten und stärksten, ob-
gleich doch so mancher im Laufe der Zeiten verdorben
oder vernichtet worden ist. — Der Umstand, daß für die
Wohnhäuser die Gefahr, dem Verderben oder dem Unter-
gange preisgegeben zu werden, täglich besteht, legte schon
vor 30 Jahren den Gedanken nahe, eine genaue Inven-
tarisierung der Nürnberger Bürgerhäuser vorzunehmen und
wenigstens in Wort und Bild festzuhalten, was sich glück-
lich aus alten Tagen in die Gegenwart herübergerettet hat.
Die Aufgabe erschien um so lohnender, als das, was hier
geboten werden konnte, einen außergewöhnlich wertvollen
Kunstschatz darstellt, für den man besonders in den Kreisen
der deutschen Architekten das lebhafteste Interesse voraus-
setzen konnte. Aber erst jetzt konnte an die Ausführung
des Planes gegangen werden, nachdem der Verein für
Geschichte der Stadt Nürnberg, der schon vor 18 Jahren
das gediegene Mummenhoffsche Rathauswerk heraus-
gegeben hat und seitdem eine vor dem Erscheinen stehende
umfangreiche Publikation über die Sebalduskirche vor-
bereitet, sich der Sache angenommen, die Stadt Nürnberg
ihr eine finanzielle Unterstützung gewährleistet hat und in
loading ...