Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Londoner Brief

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Bilder, deren Urheber nicht einmal mit annähernder
Bestimmtheit ermittelt werden konnten!

Die in London zum Besten des »National Art-
Collections Funds« in der »Grafton-Gallery« veran-
staltete Ausstellung alter Meister hat die kühnsten Er-
wartungen übertroffen. Der König hat aus seiner
Privatgalerie in Schloß Buckingham ein sehr schönes
Porträt von Lady Waidegrave, gemalt von Reynolds,
geliehen. In dem prachtvoll ausgestatteten Oktogon-
saal der »Grafton Gallery« befinden sich die von der
»Dilettanti-Society« gesandten Meisterwerke Reynolds',
Gainsboroughs, Gemälde von Watteau, Lancret, Rubens
und Lawrence. Die Mitte des Raumes nimmt eine
von Giovanni da Bologna hergestellte Statue der Venus
Anadyomene ein. Die »Dilettanti-Gesellschaft« wurde
ungefähr 1732 zur Hebung und Förderung von Kunst-
interessen gegründet, und gelang es u. a. ihrem Ein-
fluß, die Königliche Kunstakademie ins Leben zu rufen.
Unter den gut vertretenen Watteaus hebe ich die Mr.
Alfred de Rothschild gehörige »Gartenszene« und
unter den Lancrets ein bisher in London noch nicht
gesehenes Werk, betitelt »Fete Champetre«, hervor.
Letzteres, aus der Sammlung des Grafen von Listowel,
zeigt eine größere Anzahl prächtig kostümierter, im
»Flirt« begriffener Figuren. Durch das von Herrn
Leopold Hirsch ausgestellte Porträt der Mrs. Anger-
stein mit Kind« (Lawrence) wurden wir daran er-
innert, daß die Gemäldesammlung ihres Gatten im
Jahre 1823 vom Staate angekauft wurde und den
Kern für die heutige »National Gallery» in Trafalgar
Square bildete.

Den Hauptanziehungspunkt im großen Saale der
Ausstellung bereiten die Niederländer, unter denen je-
doch das Genrebild so gut wie unvertreten bleibt.
Rembrandt und Frans Hals dominieren hier! Von
ersterem erblicken wir »Porträt eines Mannes mit
Falken«, bezeichnet »Rembrandt f. 1643«, der Samm-
lung des Herzogs von Westminster entstammend, in
dessen Besitz sich gleichfalls das Pendantgemälde
»Dame mit Fächer«, auch »Des Falkoniers Frau« ge-
nannt, befindet. Dann von demselben Meister das
1637 signierte und datierte Porträt eines Mannes mit
kurz geschorenem Haar, geliehen von Sir Edgard Vin-
cent, das nach Dr. Bode möglicherweise als Pendant
zu dem Porträt einer alten Dame (Sammlung Sander-
son, Edinburg) gelten kann. Ein prächtiges Werk
Rembrandts, »Saskia bei der Toilette«, ungefähr 1636
entstanden und bezeichnet »Rem«, kommt aus der
Kollektion von Mr. Edmund Davis. Rembrandts
»Porträt einer alten Dame«, geliehen von Lady Wan-
tage und signiert »Rembrandt f. 1661«, das seinen
Besitzer vielfach gewechselt, sowie öfters ausgestellt,
gibt vielleicht dieselbe Person wieder, die in einem
Gemälde in der »National Gallery« (Nr. 1675) ab-
gebildet ist. Drei berühmte Werke von Frans Hals,
ein weibliches und zwei männliche Porträts, darunter
eines Bürgermeisters (Nr. 36, 37 und 38), ehemals in
der Sammlung Kann, jetzt Eigentum der Firma Du-
veen, bilden eine Zierde der Ausstellung. Dasselbe
kann mit Recht von einem Werke von Rubens »Köni-
gin Tomyris mit dem Haupte des Cyrus« (Nr. 30)

gesagt werden. In englischen Privatgalerien gibt es
kein besseres Beispiel von des Meisters Kunst. Die
im großen Stil gehaltene Komposition von 15 Per-
sonen mit der Hauptfigur der Königin der Massageten,
die das abgeschlagene Haupt des Cyrus in Blut tränken
läßt, war einst im Besitze der Königin Christine von
Schweden, dann Eigentum des Herzogs von Orleans,
jetzt in der Galerie des Grafen von Darnley. Die
Literatur gerade über dies Werk von Rubens ist eine
sehr reiche! Das Lord Lucas gehörige Porträt eines
unbekannten Arztes, gleichfalls von Rubens herrührend,
wurde bisher nicht öffentlich gesehen.

Die spanische Schule ist am besten durch Zur-
baran, El Greco (Domenico Theotocopuli), Francisco
Ribalta, Juan de Pareja und Velazquez vertreten. Ein
überhaupt, namentlich aber in England selten vor-
kommender Künstler wie El Greco, der in der Aus-
stellung durch zwei Arbeiten repräsentiert ist (Nr. 33
und 34), erscheint unserer modernen Künstlerschaft
um so mehr willkommen, da jener Meister seiner Zeit
eine neue Note nicht nur anschlug, sondern auch
eine neue Technik entwickelte. Den gelegentlichen
Besucher der Galerie wird nichts mehr gefangen
nehmen als der Zauber, der von dem Gemälde des
Meisters, hier betitelt »Des Künstlers Tochter« ausgeht.
Sir John Stirling-Maxwell, der Besitzer des Werkes,
glaubt, da das Bildnis des schönen Mädchens in dem
großen 1577—87 angefertigten Altarblatt zu Toledo
wiederkehrt, daß die Herstellung des ersteren etwa um
diese Zeit zu setzen sei. Das Bild weist einen glän-
zenden Stammbaum auf: Aus der »De Serafino-Samm-
lung« in Madrid kam es an Louis Philippe nach
Paris und trug im Jahre 1838 im Katalog des Louvre
die Nummer 259. Mit noch mehr Sympathie wird
von der modernen Schule das andere Gemälde des
Meisters »Das Gastmahl in dem Hause des Simon«
begrüßt, das sich in der Galerie Sir Edgard Vincent's
befindet. Die »National Gallery« lehnte vor einigen
Jahren ein ihr für einen sehr geringen Preis ange-
botenes großes Werk El Grecos »Die Anbetung der
Hirten« ab, das kurz darauf für einen kolossalen Preis
nach Amerika verkauft wurde. Zwei Gemälde von
Velazquez »Der Wasserträger« »El Aquador de Se-
villa« (Nr. 31) und »Eine alte Frau mit Bratpfanne«
(Nr. 32) sind für das Studium von des Meisters An-
fangsperiode besonders wichtig. Ersteres wurde von
dem Herzog von Wellington, letzteres von Sir Fre-
derick Cook geliehen.

Keine Schule — soviel Vortreffliches hier auch
von den Niederländern und Spaniern vorhanden ist
— gewährt ein so bedeutendes Interesse wie die aus-
gestellten italienischen Meister. So bietet uns ein von
dem Hon. Edward Wood, aus seiner Galerie in Temple
Newsam, gesandtes Porträt eines Mannes (Nr. 84), das
dem Giorgione mit Wahrscheinlichkeit zugeschrieben
werden kann, eine höchst angenehme Überraschung.
Herbert Cook, Justi und andere Spezialkenner weisen
es diesem Meister zu, während Waagen es für ein
Werk Tizians hielt. Wie dem auch sein mag, jeden-
falls haben wir ein schönes Werk der venezianischen
Schule vor uns. Gleichfalls hinsichtlich seines Schöpfers
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