Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Londoner Brief

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ist entweder als eine Fälschung, eine irrtümliche Be-
ziehung auf Rembrandt, oder als eine Verstümmelung
eines anderen Anfangsbuchstabens anzusehen. Vielleicht
wurde aus dem »K« Konings ein »R«. Das vor-
liegende Werk weist viel Talent auf, aber das Letzte
des großen Meisters fehlt denn doch in ihm. Viel-
leicht ist der Hersteller desselben Koning, Eekhout
oder Flinck gewesen! Sicherlich bietet diese Arbeit
Gelegenheit zu weiteren Forschungen.

Die englische Schule, wenn gleich zahlreich ver-
treten, läßt alle erstklassigen Werke vermissen. Anderer-
seitssind lobenswerte Kunstwerke von Reynolds, Gains-
borough, Romney, Hoppner, Raeburn nnd Turner
ausgestellt. Das interessanteste und geistvollste Bild
der englischen Künstler ist eine intime, von Hogarth
gemalte Szene (142), betitelt »Der letzte Einsatz«, ge-
liehen von Mr. Pierpont Morgan. Das Gemälde wirkt
um so anziehender, da der Stoff nicht nur pikant ist,
sondern die ganze Menschenkenntnis Hogarths sich
hier abspiegelt, und außerdem, ungewöhnlich für den
Meister, ein hübsches Werk entstand. Ferner ist die
Entstehung und die im Katalog wiedergegebene Ge-
schichte des Gemäldes geeignet, uns zu fesseln. Um
kurz zu sein: Eine schöne, vornehme, junge und ver-
heiratete Dame hat ihr ganzes Vermögen verspielt, das
einer ihrer Verehrer ihr aber zurückerstatten will, d. h.
um einen gewissen Preis!

Da durch die Tagespresse im allgemeinen aus-
führliche und richtige Nachrichten über das groß-
artige Vermächtnis Ludwig Monds bekannt geworden
sind, so erübrigt sich nur noch weniges nachzutragen.
Hierher gehört der Punkt, daß die »National Gallery«
verpflichtet ist von den ihr überwiesenen 56 Gemälden
dreiviertel anzunehmen, oder die Stiftung abzulehnen.
Mr. Mond hat diese Verklausierung deshalb getroffen,
damit die Sammlung als Ganzes erhalten bleibt. Daß
diese allererstklassige Kollektion es wert ist, ungeteilt
zu bestehen, darüber kann kein Zweifel obwalten! Ferner
braucht kaum wiederholt zu werden, daß diese
prachtvolle Kollektion erster italienischer Meister in der
Hauptsache von Mr. Mond unter dem kenntnisreichen
Beistand von Dr. J. P. Richter angelegt wurde. Die
betreffende Sammlung besitzt etwa ein Dutzend Werke
ausgezeichnetster Qualität erster Meister, die gar nicht
in der »National Gallery« vertreten sind! Auch der be-
schreibende und kritische Katalog rührt von Dr. Richter
her. Infolge dieser hochherzigen Stiftung und der
des verstorbenen Mr. Salting gerät die Verwaltung
der bezüglichen Institute überhaupt in die größte Ver-
legenheit über die Unterbringung der ihr zugeflossenen
Kunstschätze! O. von SCHLEINITZ.

Florenz. Am nämlichen Tage, an welchem in An-
wesenheit des Unterrichtsministers und des Generaldirektors
der Galerien die neuen Räume in den Uffizien feierlich
eröffnet wurden, erschien in einer Florentiner Zeitung ein
von etwa dreißig Künstlern unterzeichneter Protest, an die
Adresse des Ministers gerichtet. Drei Beschwerdepunkte
wurden darin vorgebracht: 1. daß die Bilder in den Samm-
lungen dauernd umgehängt würden, 2. daß die Bezeichnung
der Meister so oft und grundlos wechselte, 3. daß von
»unerfahrener Hand« die kostbarsten Werke durch Restau-
ration verdorben worden wären, wofür als Beispiel das

Porträt eines Mannes in ganzer Figur von Moroni nam-
haft gemacht wurde: diesem Ruin der Schätze möchte der
Minister Einhalt gebieten. In einer würdigen Antwort
erledigten die mit der Leitung der Sammlungen betrauten
Beamten knapp und kurz die vorgebrachten Beschwerden;
es wäre wahrlich leicht gewesen, es in deutlicherer, d. h.
gröberer Form zu tun. Wenn nämlich der von Ricci ent-
worfene Plan der Neugestaltung der ihm unterstellten
Sammlung ein Umhängen erfordert, das bei der Lage der
Dinge erst allmählich ausgeführt werden kann, wobei immer
wieder Provisorien nötig werden, wenn die Beamten dank
ihrer unermüdlichen eigenen Forschung, die namentlich
die alten Inventare berücksichtigt, dahin kommen, tra-
ditionelle Irrtümer zu korrigieren: so haben die Künstler
kein Recht — weil keine Kompetenz — mitzusprechen.

Etwas anders steht es mit dem dritten Punkt: denn
die Frage der Restaurationen ist eine künstlerische. Hier
wird gewiß jeder Kunsthistoriker sich gern mit Künstlern
durch Aussprache zu verständigen suchen, mit solchen
wohlverstanden, die sich auf technische Fragen bei alten
Kunstwerken verstehen. Leider aber scheint die Meinung
bei Künstlern vielfach dogmatische Kraft zu haben, daß der
Wert alter Bilder wesentlich in deren Patina besteht; daher,
wenn, durch weise Restauration hergestellt, ein Bild wieder
annähernd den Charakter erhält, den es ursprünglich be-
sessen hat, so ist es in ihren Augen »ruiniert*. Diese
Art Kritiker berücksichtigt (oder weiß auch meist) nicht,
daß das, was ihnen als Patina erscheint, nichts ist, als immer
wieder erneuerte Lagen von Firnis, die, mit Schmutz ver-
bunden, sich über das Kunstwerk legen, es trüben und
seine Feinheiten oft gänzlich verdecken. Man muß nur
einmal alte Bilder aus dem Rahmen herausgenommen ge-
sehen, und die durch das vorspringende Holz geschützten
Teile mit den ungeschützten verglichen haben, um zu
wissen, wieviel heller die Werke ursprünglich ausgesehen
haben. Und ist es wirklich so schön, wenn z. B. das
Weiße bräunlich, das Blaue grün usw. sich präsentiert!
Das ist schließlich Geschmackssache.

Um nun auf den besonderen Fall zu kommen: das
Corpus delicti, d. h. das Moroniporträt igt durch Vermeh-
rens vorsichtige Reinigung herrlich herausgekommen. Licht,
sanft, ganz ohne Härten präsentiert es sich; die Figur löst
sich von dem hellen Grunde, dem Auge wohltuend, ab;
das Stückchen Landschaft links ist zauberhaft in seiner
zarten, sanften Tönung. Daß das Bild, umgeben von lauter
unrestaurierten Werken, hervorsticht, ist klar; aber das be-
deutet doch keinen Vorwurf gegen den Restaurator. Das
gleiche gilt von den anderen Bildern — Tizians Beccadelli,
an dessen Kleid das Weiß freilich etwas scharf bemerkbar
wird, wie es das eben auch ursprünglich getan hat, und
dem einen der beiden herrlichen Selbstporträts von Rem-
brandt, das früher im Firnis ganz versank.

Das Beste aber hat die Restauration an zwei Gemälden
des Palazzo Pitti getan. Hoch und wenig beachtet hing
dort früher ein männliches Porträt unter dem Namen
»Schiavone«. Jetzt ist es gereinigt worden; und nicht nur
kam ein prächtiger Tintoretto zutage; auch der Name des
in glühend roten Samt gekleideten Mannes trat unter
der späteren Zutat hervor: der Cancellier grande Frigerio.
Noch wunderbarer aber ist die Wandlung, die sich mit
dem Porträt des Tommaso Mosti von Tizian vollzogen
hat. Man sah hier früher ein wohl erhaltenes Antlitz, ein
wenig differenziertes schwärzlich-graues Gewand, einen un-
durchsichtigen Hintergrund. Jetzt sieht man denselben
Mann, dessen Figur sich von einem zart-grauen Grunde
loslöst, in einem locker und reich gefältelten dunkelgrauen
Gewand, dessen Ärmel mit Pelzwerk durchbrochen sind,
das Pelzwerk ein Wunder tizianischen Pinsels. Arm und
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