Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

Page: 313
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1910/0165
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
313

Personalien — Denkmalpflege — Funde

3M

diese zwei Hypogeen gestoßen war, eilte Hamdi Bei, der
die Wichtigkeit des Fundes sofort erkannte, selbst nach
Sidon. Er hat sich mit unendlichen Schwierigkeiten bei
der stets geldarmen türkischen Verwaltung die nicht ge-
ringen Mittel verschafft, um systematische Ausgrabungen
vornehmen zu können; und unübertroffen ist die Geschick-
lichkeit, mit der diese 18 (21) Sarkophage aus der schwie-
rigen Tiefe hervorgeholt, nach Konstantinopel geschafft und
dort fünf Jahre nachdem sie gefunden waren, in dem neu
erbauten, dem alten Tschinili-Kiosk (Fayence-Palast) gegen-
überliegenden neuen Museum zur Aufstellung gekommen
sind. Die Rettung dieser herrlichen Sarkophage, von denen
der anthropoide Dioritsarkophag des Tabnit Sohnes des
Eshmunazar Königs von Sidon, der schwarze ägyptische,
der der Klagefrauen, der lykische, der des Satrapen und
endlich der unvergleichliche Alexander-Sarkophag Welt-
ruhm besitzen, verdanken wir allein der Energie Hamdi
Beis. Mit schwerem Herzen, aber im Interesse der Wissen-
schaft, damit die zusammengehörigen Stücke auch zu-
sammenbleiben, ließ er den pergamenischen Gigantenfries
nach Berlin ziehen. Unwilliger war er schon, als die
neuen Ausgrabungen von Ephesos als Geschenk des Sul-
tans nach Wien kamen, und entrüstet mit vielen — auch
deutschen — Gelehrten, als die herrliche Fassade von
M'schatta aus der Wüste nach Berlin wanderte, wo sie in
dem Kaiser-Friedrich-Museum eine so unpassende Auf-
stellung gefunden hat. Die Bedeutung Hamdi Beis für
die Archäologie und für die Konstantinopler Museen wird
in treffenden Worten von Michaelis in seinen »Archäo-
logischen Entdeckungen« (Leipzig, Seemann, 1909, S. 275)
gekennzeichnet, die wir hier wiederholen: »Wenn heute
der Tschinili-Kiosk des Serail und das daneben errichtete
Museum zu den vornehmsten antiken Museen Europas
gehören, so ist dies das ausschließliche Verdienst von
Hamdi Bei, der dem Kunststudium einen Platz im türkischen
Unterricht erobert hat, neben seinem Bruder Halil Edhem
Bei die Antiken im weiten türkischen Reiche beaufsichtigt
und sie, soweit sie nicht besser an ihren Fundplätzen be-
lassen werden, aus ihren oft unsicheren Schlupfwinkeln
nach Konstantinopel tat. Das neue Museum ward 1881
begründet; im Laufe weniger Jahre füllten sich seine
hellen Räume mit ansehnlichen Antiken, bis es im Jahre 1887
durch die Erwerbungen jenes sidonischen Grabfundes, den
Hamdi Bei sogleich für Konstantinopel sicherte, sich auf
eine Stufe emporschwang, von welcher aus sein Glanz
weit über die ganze gebildete Welt erstrahlt.« Erst vor
anderthalb Jahren ist ein neuer Flügel angebaut worden,
so daß der alte Tschinili-Kiosk jetzt allein als Museum
orientalischer Altertümer eingerichtet werden konnte. —
Hamdi Bei war übrigens auch ein gar nicht zu verachten-
der ausübender Künstler. Seine Malereien haben sich
durchzusetzen verstanden; er ist natürlich, wie auch in
seiner Erziehung, von der modernen französischen Kunst
beeinflußt. Von seinen Publikationen ist in erster Linie
die mit Theodor Reinach gemeinschaftlich herausgegebene
»Necropole royale de Sidon« zu nennen. m.

PERSONALIEN

© Professor Alexander Amersdorffer, bisher Referent
für Kunstangelegenheiten im Kultusministerium, wurde als
Nachfolger Ludwig JustiV zum Ersten ständigen Sekietär
der Akademie der Künste berufen. Amersdorffer, der 1875
in Nürnberg geboren ist, promovierte im Jahre 1901 an
der Berliner Universität. Seine wissenschaftlichen Studien
betrafen das bekannte/früher Rafael zugeschriebene Skizzen-
buch der venezianischen Akademie. Seit Oktober 1904
war er im Kultusministerium tätig, zunächst als Hilfsarbeiter.
Übrigens war Professor Amersdorffer bereits an den Vor-

arbeiten für die französische Ausstellung der Akademie

beteiligt.

® Dr. Walter Josephi, bisher Assistent am Germani-
schen Nationalmuseum zu Nürnberg, wurde an Stelle des
aus dem Amte scheidenden Professor Ernst Steinmann
zum Direktor der Gemäldegalerie in Schwerin ernannt.
Josephi war an der Bearbeitung des in Vorbereitung be-
griffenen neuen Kataloges der Bildwerke im Germanischen
Museum tätig.

Dem Kunstschriftsteller Wilhelm Schölermann in

Weimar ist der Titel »Professor« verliehen worden.

-f Der Maltechniker und Kunstmaler Ernst Berger
wurde vom preußischen Unterrichtsministerium beauftragt,
an der Kgl. Kunstakademie in Düsseldorf eine Reihe von
Vorträgen über Technologie der Malerei zu halten.

Der Porträtmaler Reinhold Lepsius in Charlottenburg
wurde durch die Verleihung des Titels »Professor« aus-
gezeichnet.

DENKMALPFLEGE
Mit dem Umbau des alten Rathauses zu Leipzig,

dessen Vollendung mit der Jubiläumsfeier der Leipziger
Universität im Juli vorigen Jahres zusammenfiel, hat eine
Frage ihre Lösung gefunden, über die man sich 45 Jahre
lang nicht im klaren war. Unter Leitung des Stadtbaurates
Scharenberg waren vom Stadtbauinspektor Max Bischof
die neuen Pläne für den Umbau ausgearbeitet und von
den Stadtverordneten im Jahre 1905 genehmigt worden.
In welch vortrefflicher Weise die Wiederherstellung des
alten Lotterschen Baues gelungen ist, davon gibt der jetzt
vom Rate der Stadt Leipzig herausgegebene »Bericht des
Hochbauamtes über den Umbau des alten Rathauses und
der alten Börse im Jahre 1906—1909« Zeugnis, ein mit
vielen interessanten Abbildungen ausgestatteter Band, der
die Hauptteile des Hauses, einschließlich der Innenräume,
vor und nach dem Umbau vorführt.

Der Verein für niedersächsisches Volkstum ver-
sendet seinen 5. Jahresbericht, der ein erfreuliches Wachs-
tum der Gesellschaft zeigt. Auf dem Gebiete des Heimat-
schutzes und der Denkmalpflege hat der Verein, wie
schon in früheren Jahren, so auch im abgelaufenen, eine
sehr nützliche Tätigkeit entfaltet. Die Arbeit galt unter
anderem den alten Friedhöfen und ihrem Schmucke, auch
beteiligte sich der Verein an der Grabkunst-Ausstellung
auf dem alten Doventor-Friedhof in Bremen im Sommer 1909.
Hier muß noch eine Aufgabe erwähnt werden, deren un-
künstlerische Lösung schon oft zur Verunstaltung von
Dorfplätzen geführt hat: das ländliche Kriegerdenkmal.
Wie ein solches mit bescheidenen Mitteln errichtet und
der Umgebung des Aufstellungsortes würdig angepaßt
werden kann, zeigt das von Professor Högg entworfene,
von den Bildhauern Rebhan und Lüdecke ausgeführte
Kriegerdenkmal in Brockel.

FUNDE

© Aus England kommt die Nachricht, daß das Porträt
Karls I. von Velazquez gefunden worden sei. Es ist
bekannt, daß Velazquez den König bei dessen Aufenthalt
in Madrid im Jahre 1626 malte. Das Bild wäre von be-
sonderem Interesse, da nur wenige Werke des Velazquez
bekannt sind, die mit Sicherheit in seiner ersten Madrider
Zeit und vor der italienischen Reise des Jahres 1630 ent-
standen sind.

+ München. In der Kanzlei des Magistratsgebäudes
in Dachau stieß man gelegentlich einer Reparaturarbeit
auf interessante Seccomalereien der zweiten Hälfte des
loading ...