Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Personalien — Wettbewerbe — Denkmalpfege

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meist in den allgemein üblichen Formen bewegen. Seine
besten Werke sind die genannten vier Gruppen, und einige
Bildnisreliefs — besonders weibliche: der Germania aber
darf man nachrühmen, daß in ihr der Typus dieser Art
allegorischer Gestalten in unserer Zeit am besten ver-
körpert worden ist. Seitdem sind wir dieser Allegorien
freilich herzlich überdrüssig geworden. Schilling schuf außer-
dem u. a. die Jahn-Büste für Freiburg an der Unstrut, das
Denkmal für den Oberbürgermeister Demiani in Görlitz, die
Speyer für Rietschels Luther-Denkmal in Worms, das Denk-
mal für Kaiser Maximilian von Mexiko in Triest (1875),
das Wiener Schiller-Denkmal (1876), das Rietschel-Denkmal
(1876), Bacchus und Ariadne auf dem Pantherwagen für
das neue Hoftheater (1877), das Reiterdenkmal des Königs
Johann (188g), die beiden allegorischen Figuren der Ver-
gangenheit und der Gegenwart am Wettin-Obelisken (1889)
und das Gottfried Semper-Standbild (1892) (diese fünf in
Dresden), ferner das Kriegerdenkmal (1877) und das Kaiser-
Wilhelm-Denkmal für Hamburg (1904?), das Reformations-
denkmal (Lutherund Melanchthon, 1883) für Leipzig, noch
drei weitere Kaiser-Wilhelm-Denkmäler (für Dortmund,
Wiesbaden usw.), sowie ein Bismarck-Denkmal für Gotha.
Unter diesen Denkmälern befindet sich, wie gesagt, auch
Schwachmütiges und Unzulängliches. Die moderne Kunst-
bewegung ging spurlos vorüber an dem Künstler, der bis
vor wenigen Jahren, als er anfing zu erblinden, rastlos
weitergeschaffen hat. Schilling hat alle Ehren genossen,
die einem Künstler zuteil werden können: er war Geheimer
Rat mit dem Titel Exzellenz, hatte zahlreiche hohe Orden
und Medaillen (die große Golden^ Medaille von Berlin
1892), war Ehrendoktor der Universität Leipzig und Ehren-
bürger von Dresden, sowie seiner Vaterstadt Mittweida
(wo er am 23. Juni 1828 geboren war). Schilling hat sich
auch theoretisch mit der Kunst beschäftigt. Er schrieb:
Künstlerische Sehsludien, die er vor vier Jahren veröffent-
lichte. Er unterscheidet darin drei Arten des Sehens: das
subjektive Augenmaß (das naive Sehen), das objektive
Augenmaß (das bewußte wissenschaftliche Sehen) und das
poetische Augenmaß, dem er allein schöpferische Kraft
zuweist. Zu diesen Sehstudien fertigte er auch bemerkens-
werte Sehapparate, die in der Sammlung seiner Gipsabgüsse
(dem jetzt städtischen Schilling-Museum in Dresden) zu
sehen sind. Auch eine Leier und eine neue Harfe hat der
musikliebende Meister erfunden. Letztere wurde in Leipzig
in einem Gewandhauskonzert Vorgeführt und hat dort viel
Interesse erregt. — Der künstlerische Ruhm Dresdens war,
wie vorher an Rietschels, mehrere Jahrzehnte an Hähneis
und Schillings Namen geknüpft, aber der alternde Meister
hat seinen Ruhm lange überlebt. ^?

Professor Richard Stier, der 28 Jahre lang als Kon-
servator des Württembergischen Kunstvereins gewirkt hat,
ist in Stuttgart im Alter von 55 Jahren gestorben. Stier
war u. a. Inhaber der goldenen Medaille für Kunst und
Wissenschaft.

Tom Browne, einer der bekanntesten Schwarzweiß-
künstler Englands, starb am 16. März in London 38 Jahre
alt. Browne war ursprünglich Lithograph.

PERSONALIEN

-f- München. Anläßlich des 89. Geburtstages Sr. Kgl.
Hoheit des Prinzregenten Luitpold von Bayern erhielten der
Direktor der Staatlichen Galerien, Geheimrat Dr. Hugo von
Tsc/mdi, und der Direktor der Hofgemäldesammlung in der
neuen Pinakothek, Prof. August Holmberg, das Ehrenkreuz
des Verdienstordens vom Heiligen Michael. Der Maler
Rene" Reinicke wurde zum Königl. Professor ernannt.

WETTBEWERBE

Wettbewerb Groß-Berlin. In dem Wettbewerb zur
Erlangung von Entwürfen für einen Bebauungsplan Groß-
Berlins gelangte ein erster Preis nicht zur Verteilung, er
wurde mit dem zweiten zusammengelegt. Der Betrag von
50000 M. wurde zu gleichen Teilen zwischen dem Archi-
tekten Hermann Jansen (Berlin) und der Hochbahngesell-
schaft im Verein mit den Städtebaukünstlern Professoren
Brix und Qenzmer geteilt. Den nächsthöchsten Preis von
15000 M. erhielt Oberingenieur Petersen im Verein mit den
Professoren Möhring und Eberstadt, den von 10000 M. die
Firma Hovestadt & Contag in Verbindung mit Prof. Bruno
Schmitz und Ingenieur Prof. Blum.

Wettbewerb für das Bismarck-Nationaldenkmal
auf der Elisenhöhe bei Bingen-Bingerbrück. Der
Kunst- und Bauausschuß hat beschlossen, den Ablieferungs-
termin für die Entwürfe bis zum 30. November 1910 hin-
auszuschieben. Grund dazu waren die Wünsche zahlreicher
Künstler, die den bisherigen Einlieferungstermin als zu kurz
anberaumt bezeichnet hatten.

Es wird jetzt auch ein Wettbewerb zur Erlangung
eines Plakates für das Bismarck-Nationaldenkmal aus-
geschrieben, 1. Preis 2000 M., 2. Preis 1000 M., 3. Preis
500 M. Einlieferungstermin: 12. Mai 1910.

Ein Preisausschreiben mit 25000 M. für Gemälde,
die mit Pelikanfarben hergestellt sind, erläßt die Firma
Günther Wagner in Hannover und Wien. Preisrichter
sind: Hugo von Habermann, Graf von Kalckreuth, Alfred
Lichtwark, Max Liebermann, Gustav Pauli, Hugo von
Tschudi.

Beim Wettbewerb für den Monumentalbrunnen
in Bueons-Aires erhielt den ersten Preis der Stuttgarter
Bildhauer Gustav Adolf Bredow. Der zweite Preis fiel
dem Charlottenburger Architekten Wilhelm Brurein und
dem Berliner Bildhauer Prof. Hermann Hosaeus zu. Den
dritten Preis erhielt Prof. Heinrich Jobst in Darmstadt, den
vierten Prof. Hugo Lederer in Berlin. Bei der Fülle der
Einsendungen — es sind nicht weniger als 121 — findet
sich auch unter den nicht preisgekrönten Arbeiten manches
künstlerisch hochstehende Werk. Die Entwürfe bleiben
bis Ende des Monats im Gebäude der Berliner Sezession aus-
gestellt. Die vier preisgekrönten Modelle werden dann nach
Buenos-Aires gesandt werden, wo das deutsche Komitee
einen Entwurf zur Ausführung wählen wird.

DENKMALPFLEGE
Über die Aufnahme heimischer Bau- und Kunst-
denkmäler in den Zeichenunterricht der höheren
Schulen und der Lehrerbildungsanstalten hat der Kultus-
minister eine Verfügung an die Provinzialschulkollegien
gerichtet. Es soll dadurch das Interesse am Zeichenunter-
richt bis in die oberen Klassen rege erhalten werden und
den Schülern Verständnis und Liebe für die heimischen
Kunstformen erweckt werden. Einfache typische Bauten,
Bauernhäuser, kleine Kapellen, Pforten, Möbel, Grabsteine,
Friedhofsportale, Gartenhäuschen, Zäune und was sonst
an Werken dieser Art dem Verfalle und der Zerstörung
ausgesetzt ist, kann von den Schülern und Schülerinnen
der oberen Klassen leicht aufgenommen werden und würde,
wenn die Zeichnungen der Schule verblieben, ein schätz-
bares Material für die Pflege und das Studium der heimat-
lichen Denkmäler abgeben. Um zur Begründung solcher
Heimatsarchive in den höheren Schulen und Seminaren
anzuregen, ist beabsichtigt, zu Beginn des nächsten Jahres
in Berlin eine Ausstellung von zeichnerischen Aufnahmen
heimischer Bau- und Kunstdenkmäler, die von Schülern und
Schülerinnen hergestellt sind, zu veranstalten und diese
Ausstellung auch in anderen Städten zu zeigen.
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