Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Personalien — Wettbewerbe — Ausgrabungen

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laut verkündeten Überzeugung von der Überlegenheit
des französischen Geschmackes muß es also doch
nicht so weit her sein. Augenblicklich scheint es
den erschrockenen Franzosen, daß ihnen weiter nichts
als Zollmauern die entsetzliche Konkurrenz vom Leibe
halten können. Man nimmt von vorneherein an, daß
die ausländischen Erzeugnisse bei gleichen Preisen
besser seien als die französischen, und daß nur durch
prohibitive Zölle die todbringende Konkurrenz besiegt
werden könne. Der »Matin« sagt das ganz offen
und freut sich, daß gerade jetzt der französische Senat
soeben die Zölle auf alle möglichen Dinge und auch
auf Möbel aller Art so bedeutend erhöht hat, daß an
eine Einfuhr aus dem Auslande nicht mehr gedacht
werden kann. Unter diesen Umständen könnte man
sich fragen, ob denn die Münchener gut daran tun,
Hunderttausende auszugeben, um eine Pariser Aus-
stellung zu arrangieren? Was den Absatz in Frank-
reich selbst anlangt — von idealen Gesichtspunkten
wollen wir ganz absehen —, so wird eine solche
Ausstellung allerdings durchaus nutzlos sein, und das
dafür ausgegebene Geld kann man als weggeworfen
ansehen. Aber Paris ist nicht nur französischer, son-
dern es ist mondialer Kunstmarkt, und nicht der
zehnte Teil der in Paris ver- und gekauften Kunst-
werke bleibt auf französischem Boden. Die gesamte
Welt, so weit sie europäischer Gesittung ist, kommt
nach Paris, um Kunsteinkäufe zu machen. Die Mün-
chener wenden sich also nicht nur an die Bewohner
von Paris und der französischen Provinzen, sondern
sie sprechen zu den reichen Leuten der ganzen alten
und neuen Welt, znmal der neuen, deren Millionäre
die besten Kunden des Pariser Kunsthandels sind.
Wenn nun die Münchener einmal in Paris gezeigt
haben, was sie leisten, so werden die amerikanischen
Käufer schon den Weg zu ihren Werkstätten finden,
und wenn die Franzosen ihre Grenzen abschließen
gegen das ausländische Kunstgewerbe, so wird das
sehr einfach zur Folge haben, daß die Ausländer sich
gewöhnen, direkt im Auslande zu kaufen, anstatt wie
bisher den Umweg über Paris zu nehmen. Am
letzten Ende wird die unvernünftige Erhöhung der
Zölle nicht den Franzosen, sondern gerade ihren aus-
ländischen Konkurrenten zugute kommen, denn schließ-
lich werden die überseeischen Käufer, wenn sie erst
einmal den Weg nach Deutschland gefunden haben,
dort auch mancherlei kaufen, was sie ebensogut oder
gar noch besser in Paris gefunden hätten. Der Schutz-
zoll mag sein Gutes haben, aber am allerwenigsten
klug ist er, wenn man ihn auf dem Gebiete der Kunst
anwendet. Nach dem Alarmschrei des »Matin« hat
nun auch der leitende Ausschuß des Herbstsalons
Angst vor den Folgen dieser deutschen Ausstellung
bekommen. Er wendet sich in einem beweglichen
Aufrufe an alle französischen Kunsthandwerker, damit
sie den Herbstsalon beschicken möchten, und sichert
ihnen jeden gewünschten Raum zu. Die Zahl der
Gemälde und Skulpturen soll sehr eingeschränkt
werden, um allen Platz dem Kunstgewerbe zu über-
lassen und so der deutschen Konkurrenz würdig zu
begegnen. Indessen wird der deutsche Sieg gerade

durch diese verzweifelten Anstrengungen vermutlich
nur erst recht unterstrichen werden. Mit der Ein-
richtung der dem französischen Kunstgewerbe ge-
widmeten Räume ist nämlich, — und das ist recht
bezeichnend für die französische Armut auf diesem
Gebiete, — Herr Pierre Laguionie, der Leiter des be-
kannten Warenhauses Printemps, gewonnen worden.
Wenn die Franzosen den Münchenern weiter nichts
entgegenzustellen haben, wird der deutsche Sieg nicht
schwerfallen. Wo die Münchener allein sie schon
so ängstigen, was würden die Franzosen erst an-
fangen, wenn das gesamte deutsche Kunstgewerbe
anmarschiert käme? KARL EUGEN SCHMIDT.

PERSONALIEN
Dresden. Der Architekt Kurt Posse, ein Schüler von
Cornelius Qurlitt, ist vom König von Siam als Hofarchitekt
nach Bangkog berufen worden. Der Künstler soll an Stelle
des alten Königspalastes eine neue Residenz in großem
Umfange errichten.

WETTBEWERBE

Für ein neues Schauspielhaus in Dresden-Altstadt

war ein Wettbewerb ausgeschrieben, zu dem 20 Entwürfe
eingegangen sind. Das Preisgericht hat die Verteilung von
zwei gleichen Preisen beschlossen, die an Prof. Martin
Dülfer sowie Prof. William Lossow und Max Hans Kühne
in Dresden fielen. Einen dritten Preis von 2000 Mark er-
hielt Prof. Max Littmann-München. Zum Ankauf wurde der
Entwurf von Regierungsbaumeister Diplom-Ingenieur Ru-
dolf Pietzsch und Regierungsbauführer Diplom-Ingenieur
Erich Dünger sowie der von Baurat H. Vieh weger, unter
Mitarbeit von H. J. Berthold, gleichfalls in Dresden, emp-
fohlen.

AUSGRABUNGEN
Ausgrabungen an prähistorischen Stätten Thes-
saliens. Seit einigen Jahren haben Mitglieder der British
School at Athens, die Herren Wace, Thompson und Peet,
ergiebige Ausgrabungen in Nordgriechenland gemacht. Im
Jahre 1908 hat ein Schutthügel zu Zerelia in Thessalien
wichtige Ergebnisse hervorgebracht. Im Jahre 1909 wur-
den daselbst wiederum zwei prähistorische Stätten in An-
griff genommen. Der erste von diesen ist der Paläomylos
genannte, zu Lianoklädhi am linken Ufer des Spercheios
in der Nähe von Neopatras (Hypate) gelegene Tumulus.
Hier wurden drei übereinander liegende Strata aufgedeckt.
In dem untersten fand sich rot auf weiß bemalte Topf-
ware, die nach oben zu degenerierte; in der zweiten Lage
fanden sich schwarz glänzende Topf Scherben, die wir in
Deutschland als »Urfirnisware«, die Engländer als »Black
Lustreware« bezeichnen. Auch zu Orchomenos ist Urfirnis
häufig gefunden worden und liegt dort direkt über der
»rot auf weißen« Topf wäre, die man auch in Chäronea
gefunden hat, während sie im Peleponnes und auf den
Inseln des ägäischen Meeres vollständig fehlt. Zu Chäro-
nea findet sich dann gerade darüber die graue Minysche
Keramik. — Die andere Stätte heißt Tsani Maghoüla und
liegt zwischen Sophädes und Kierion im westlichen Thes-
salien. Die totale Tiefe der dortigen Schichten, von denen
vier unter dem gegenwärtigen Niveau liegen, weitere
vier aber unter das Niveau des Fußes des Schutthügels
herabreichen, geht bis auf zwölf Meter herunter. Diese
acht Schichten waren durch Brandreste von Flechtwerk-
hütten geschieden; und, wie zu Lianoklädhi, waren die
obersten Schichten eneolithisch — das heißt aus der
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