Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Wettbewerbe — Denkmalpflege

— Denkmäler — Ausstellungen

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X Die Berliner Sezession hat kürzlich eine Anzahl
von Künstlern zu »außerordentlichen korrespondierenden Mit-
gliedern* gewählt, nämlich die beiden französischen Maler
Paul Signac und Edmond Croß, die bekannten Vorkämpfer
des pointillierenden Neoimpressionismus, ferner den Maler
und Graphiker Adolf Schinnerer, dem für seine ausgezeich-
neten Radierungen vor einiger Zeit vom Deutschen Künstler-
bund der Preis eines Aufenthalts in der Villa Romana bei
Florenz zuerkannt wurde, den Münchner Maler Alfred Feiks
und den Bildhauer Paul Oßwald in Rom.

-f- München. Die Jury der Künstlervereinigung
Luitpold-Gruppe besteht für das Jahr 1910 aus nach-
folgenden Herren: 1. Vorsitzender Prof. Walter Thor,
1. Schriftführer Melchior Kern, 2. Schriftführer Wenzel
Wirkner, Beisitzer: Heinrich Brüne, Hans Heider, Ludwig
Putz, Kurt Rüger, Josef Sailer.

WETTBEWERBE

X Die Berliner städtische Deputation für die Aus-
schmückung des Rathauses hat beschlossen, einen Wett-
bewerb zur Erlangung von Entwürfen für künstlerische
Einladungskarten, Tischkarten und Tischbelegungskarten
unter deutschen Künstlern auszuschreiben. An Preisen sind
insgesamt 3500 Mark ausgesetzt.

-f- München. Die Deutsche Gesellschaft für christ-
liche Kunst erteilte anläßlich des Wettbewerbes für
Entwürfe zur Ausmalung der katholischen Stadtpfarrkirche
in Immenstadt (Allgäu) folgenden Künstlern Preise: 1, Preis
Kunstmaler Xaver Dietrich in München, 2. Preis Kunst-
maler Walter Iiiner in Loschwitz-Dresden, 3. Preis Kunst-
maler Prof. Kasper Schleißner in München. Mit Belobungen
ausgezeichnet wurden die Entwürfe von Otto Hämmerle
in München, Franz Reiter in München, Max Roßmann in
Amorbach i. U.

Zu dem Plakatwettbewerb für die Internationale
Hygiene-Ausstellung Dresden 1911 sind nicht weniger
als 552 Entwürfe eingegangen. Als Preisgericht traten am
18. Mai zusammen: Geheimer Hofrat Max Klinger, Dir. Prof.
Professor Seliger (Leipzig), Prof. Carl Bantzer, Professor
Otto Gußmann, Professor Wrba, Geheimer Kommerzienrat
Lingner und Professor Pau! Schumann (Dresden). Die
Preisrichter stellten im allgemeinen fest, daß das Niveau
der Entwürfe ungewöhnlich hoch sei. Sie beschlossen
drei Preise zu je 1200 Mark und einen Preis von 900 Mark
zu verteilen. Die drei Preise zu 1200 Mark erhielten Wil-
helm Blutbacher in Ludwigsburg (Entwurf: Samariterin),
Ludwig Hohlwein in München (Herkules) und Paul Rößler
in Dresden (Dresden 1911), den vierten Preis erhielt Ewald
Manz in Halle (Entwurf: Braun und Blau).

DENKMALPFLEGE

□ Multschers Kargaltar gerettet. In der Maisitzung
des Ev. Kirchengemeinderates zu Ulm wurde beschlossen,
von einer Restaurierung des Kargaltars abzusehen. Diese
Änderung der ursprünglichen Absichten dürfte wohl all-
gemeiner Zustimmung sicher sein.

DENKMÄLER
X Das Berliner Virchow-Denkmal von Fritz Klinisch,
das eine so wechselvolle Vorgeschichte erlebt hat, ist nun
auf dem Karlsplatze aufgestellt. Es ist nur noch von einem
Bauzaun umgeben, steht aber sonst völlig frei und kann
von jedem besichtigt werden, — trotzdem soll noch eine
offizielle »Enthüllung« stattfinden, über die jedoch immer
noch nichts Näheres bestimmt ist.

X Das Berliner Fontane-Denkmal, bekanntlich ein
nachgelassenes Werk des verstorbenen Bildhauers Max
Klein, ist Anfang Mai feierlich enthüllt worden. Das Stand-
bild hat seinen Platz am Rande des Tiergartens, gegen-
über der Stülerstraße, erhalten. Die Festrede hielt der
Literarhistoriker Geheimer Regierungsrat Prof. Dr. Konrad
Burdach.

AUSSTELLUNGEN
X Im Berliner Künstlerhause wird ein deutscher
Maler des 18. Jahrhunderts wieder zu Ehren gebracht, der
allzusehr in Vergessenheit geraten war. Auf der Jahr-
hundert-Ausstellung fielen unter den Werken der älteren
Münchner Schule besonders die Bilder von Wilhelm von
Kobell auf, darunter außerordentlich feine Soldatenschil-
derungen, Schlacht- und Manöverszenen von überraschend
hellem und transparentem Licht, und eine wunderhübsche
Darstellung des ersten Münchner Pferderennens von 1811.
Von Wilhelm hat man sich nun seinem Vater Ferdinand
Kobell zugewandt, und ein Ehrenausschuß, dem u. a. Hugo
von Tschudi, Ferdinand Keller, Hans Thoma, Wilhelm
Trübner sowie ein Angehöriger der Familie des Künstlers,
Generalmajor z. D. von Kobell in München, angehören,
hat diese Berliner Ausstellung veranstaltet. Dr. J. A. Beringer
in Mannheim hat zu dem Katalog eine sehr wertvolle und
lehrreiche Einleitung beigesteuert. Wir erfahren daraus
das Wichtigste über die Lebensgeschichte Kobells, der
1740 in Düsseldorf geboren war, seine Hauptzeit in Mann-
heim verbrachte und 1799 in München starb, wohin er
sich einige Jahre vorher unter dem Druck der Kriegs-
ereignisse zurückgezogen hatte. Die Bilder, die wir nun
von ihm sehen, lassen einen Künstler von ungewöhnlich
zartem und intimem Naturgefühl erkennen, der der Mehr-
zahl seiner Zeitgenossen im malerischen Erfassen land-
schaftlicher Motive überlegen war. Er verband die
große Anschauung der traditionellen heroischen Land-
schaft mit einem vertieften Verständnis für das innerste
Wesen einfacher Ausschnitte, die er mit einem innigen
Lyrismus wiedergab. Die Naturschwärmerei der Rousseau-
Epoche klingt in seinen Gemälden wieder, und neben
einem Talent zu wohlabgewogenen Kompositionen, einem
klaren und sicher disponierenden zeichnerischen Können
standen ihm koloristische Wirkungen von einer Kraft
und Schönheit zur Verfügung, die für seine Zeit durch-
aus ungewöhnlich waren. Namentlich der »Wasserfall«,
der »Abend am Rhein«, die beiden Pendants mit der
Ausfahrt und Heimkehr einer Herde, weisen farbige Akkorde
von tiefem, warmem Klang und echt malerischem Empfinden
auf. Zugleich sieht man Proben von Kobells ausgedehntem
graphischen Werk und einzelne Handzeichnungen. Außer-
dem einige Studien und kleinere Arbeiten seines Sohnes
Wilhelm, dessen frisches Talent sich auch hier wieder sehr
anziehend präsentiert. Ferdinand Kobell stand übrigens
auch Goethe nahe, der durch den Maler Müller für die Mann-
heimer Schule Interesse faßte. Elf Handzeichnungen und
zwei Radierungen von seiner Hand finden sich in Goethes
Sammlungen, die daneben von Franz Kobell, dem Bruder
und Schüler Ferdinands, gar 30 Zeichnungen und zwei
Quartbände mit je 40 Federzeichnungen und von Wilhelm
zwei Aquarelle aus der Landschaft bei München aufweisen.

Berlin. Die »Neue Secession« veranstaltet in der
Zeit vom 1. Oktober bis 1. Dezember 1910 eine Schwarr-
Weiß-Ausstellung, zu welcher auch Werke der Klein-
plastik zugelassen werden.

X Die Kommission für die Große Berliner Kunst-
ausstellung 1911 hat sich bereits konstituiert. Zum ersten
Vorsitzenden wurde Maler Carl Langhammer gewählt, zum
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