Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Sammlungen — Institute

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trennt eine unsichtbare aber haarscharfe Linie das Heer
der Talentvollen von den ganz wenigen genialen Be-
gabungen. Man muß schon weit zurückdenken — etwa
an van Ooghs unvergeßliche Federzeichnungen — um
Hodlers Handzeichnungen etwas der Qualität nach Eben-
bürtiges an die Seite zu stellen. Der künstlerische Schwer-
punkt der Ausstellung liegt in diesen Blättern, aus denen
ein hinreißender Ernst der Gesinnung atmet. Fest und
doch zart faßt Hodlers Hand die Dinge und er tränkt jeden
Linienzug mit einem Maß an Vitalität, von dem ein anderer
sein Leben lang zehren könnte. waetzoldt.

Rom. Die diesjährige Ausstellung der französischen
Kunstakademie in der Villa Medici ist ganz besonders
interessant ausgefallen, weil man den jungen Eleven erlaubt
hat, auch Landschaftsbilder auszustellen Die althergebrachte
Sitte öffnete nur großen Kompositionsbildern die Säle und
man sah darin noch das Nachklingen der alten Vorurteile,
welche den Landschaftern einen niedrigeren Platz anwiesen.
Leroufs und Ragoneaus Landschaften beweisen deutlich,
daß es der alten Kunstakademie nur nützen kann, wenn
sie sich etwas von den pedantischen Regeln befreit. Be-
sonders Ragoneaus Waldansichten zeigen eine junge Kraft,
von der man besonders in der Wiedergabe des Lichtes
viel zu erwarten hat. Billotays Les heros und Helene sind
gut komponiert, aber zeigen in Farbe und Schnitt, daß
der Künstler eher Anlage für die dekorative Malerei hat
als für die geschlossenen Staffagebilder. C. Leßvres Archi-
tekturentwürfe und Monots Rekonstruktionen altrömischer
Bauten vervollständigen die kleine Ausstellung, in welcher
außer einigen Büsten Creniers keine Skulpturen vorhanden

Sind. Fed. H.

SAMMLUNGEN

Die Gemäldesammlung der Kgl. Akademie in
Venedig hat soeben eine räumliche Erweiterung erfahren.
Vier Zimmer, welche bisher Verwaltungszwecken dienten,
sind mit Bildern gefüllt worden, die zum Teil neu er-
worben wurden. Das größte der vier Zimmer wurde
dazu bestimmt, die Ausstellungsgegenstände, welche aus
neapolitanischer Zeit stammen, aufzunehmen, besonders
den thronartigen Sessel des Präsidenten der Akademie.
An den Wänden wurden die im 19. Jahrhundert entstandenen
Gemälde aufgehängt; so die Begegnung des jungen Paolo
Veronese mit dem alten Tizian auf Ponte della paglia von
A. Zona, dem tüchtigen Venezianer, und ihm gegenüber
das große Gemälde des F. Hajez, »eine Episode aus der
Zerstörung Jerusalems«; neben demselben das Selbstporträt
dieses hier geborenen und in Mailand verstorbenen, einst
so gefeierten Malers aus seinem qo. Lebensjahre! Aus dem
»Vorrat« wurde manches hervorgezogen. Das Interessan-
teste darunter ist das Bildnis des verdienstvollen Marchese
Cicognara von Lipparini. Außerdem fanden die Arbeiten
des Placido Fabris neue Aufstellung. In diesem Räume
befindet sich auch die aus der Kirche Madonna del orto
gestohlene und dann wiedergewonnene Madonna des Giov.
Bellini. Im zweiten Zimmer ward eine Gedächtnistafel
angebracht, gestiftet von den Mitgliedern der Akademie,
welche besagt, daß G. B. Tiepolo der erste Präsident der
1756 gegründeten Akademie gewesen sei. Hier fanden die
Gemälde der beiden Longhi Platz, sowie die schöne »Ver-
kündigung« von Pittoni vom Jahre 1757. Außerdem hängen
hier verschiedene Dogenporträts jener letzten Zeiten der
Republik. Im dritten Zimmer begegnen wir Cignarolis be-
kanntem Gemälde »Tod der Rahel« ,in guter Aufstellung,
so wie zwei neuerworbenen Ovalbildern von Bazzani aus
Reggio (1690—1769) »Anbetung der Könige« und »Ruhe
auf der Flucht«, eine Reihe Zeichnungen (lebensgroße

Köpfe) und Gemälde von Piazzetfa. Neu erworben wurde
ein kleines sehr ansprechendes Bild von Dom. Fedi »Lauten-
spieler«. Im vierten Zimmer endlich erfreuen die Bilder
von Guardi, das einzige Bild der Sammlung von Canaletto
und allerlei Veduten von der Hand des in Warschau
verstorbenen Bern. Bellotto und schließlich Landschaften
von Marchesi. Gelegentlich der Einrichtung dieser Räume
und der damit verbundenen Umstellung in den Sälen wurde
eine ziemliche Anzahl minder bedeutender Bilder in den
Vorrat verwiesen, andere zu hoch hängende in Augenhöhe
gebracht. Besonders gilt dies von dem großen Friese des
G. B. Tiepolo »Wunder der ehernen Schlange«, für die
aufgehobene Kirche S. Cosma e Damiano gemalt, und dann
seit den napoleonischen Zeiten in den Kellern des Doms
zu Castelfranco vergessen, wo Schimmel und Feuchtigkeit
dem gerollten und zerquetschten Bilde arg mitspielten, bis
der Unterzeichnete so glücklich war, es dort aufzufinden
und die Übertragung in die Galerie zu erreichen.

AUG. WOLF.

Frankfurt a. M. Der Frankfurter Kunstverein stiftete
aus den Erträgnissen seiner letztjährigen Thoma-Jubiläums-
ausstellung das Gemälde »Heimkehr« von Wilhelm Stein-
hausen für das neu eingerichtete Steinhausen-Kabinett der
städtischen Galerie.

INSTITUTE

Rom. Kaiserlich deutsches archäologisches Institut.
Sitzung vom 18. Februar 1910. Dr. Corrado Ricci, Direttore
generale per le antichitä e belle arti, sprach über die neue-
sten Ausgrabungen in Ravenna im Anschluß an das, was
er voriges Jahr mitgeteilt hatte. Die Ausgrabungen am
Teodorichpalast umfassen jetzt eine Oberfläche von 1500
Quadratmeter. Zu den interessantesten Entdeckungen
gehört eine Statuenbasis im Hof, die man wohl als Posta-
ment für das Standbild des Königs erklären könnte. Auch
ist ein großer Raum mit verschiedenen Apsiden zum Vor-
schein gekommen, der sich aus einer im Mosaikfuß-
boden gefundenen Inschrift als ein Triklinium deuten läßt.
Die Inschrift lautet: Sume quod autumnus ■ quod ver -quod
bruma ■ quod aestas alternis reparant ■ et toto creantur in orbe.

Das Triklinium mit den Apsiden läßt uns an ein ähn-
liches im Palast zu Trier denken und man kann im allge-
meinen annehmen, daß der Königspalast in Ravenna, was die
Form des Planes anbelangt, von den Bauten in Trier und
Arles abhängig sei.

Ricci berichtete auch noch über die Restaurierungs-
arbeiten an S. Apollinare in Classe fuori, wo man Mosaiken
entdeckt hat, und über den altrömischen Aquädukt, welcher
Ravenna mit Wasser versorgte. Man wußte, daß Trajan
ihn angelegt hatte und aus den Schriften des Anonymus
Valesianus und des Cassiodorius war es bekannt, daß man
für Restaurierungsarbeiten daran auch noch in den Goten-
zeiten gesorgt hatte, dann aber war jede Spur verschwun-
den und man hatte als Dokumente nur noch einige Orts-
bezeichnungen, wie z. B. einen Teil des Flusses Ronco,
der Acquedotto benannt ist, und eine nicht weit von Ravenna
gelegene Kirche von Santa Maria in Acquedotto. Ricci
ist es gelungen, im Flußbett des Ronco eine Reihe von
den Arkadenpilastern des Aquädukts wiederzufinden.

Prof. Wladimir de Oriineisen teilte einiges aus seiner
im Druck begriffenen Arbeit über Santa Maria Antiqua
mit und illustrierte seinen Vortrag mit Lichtbildern, welche
seine interessanten Rekonstruktionen der nur in Frag-
menten erhaltenen Fresken wiedergaben. Er besprach
erst den gemalten Wandbehang, welcher aus der Zeit
Papst Johannes VII. (705—707) stammt und dessen Frag-
mente auf der ganzen Oberfläche der rechten Mauer der
größeren Kapelle zerstreut sind. Es ist ihm gelungen, zu
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