Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Carl Friedrich Schinkels bildliche Darstellungen griechischer Hypälhraltempel

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Kaiserstadt, zugleich in die Hochrenaissance übergehend,
endlich Würzburg, die glänzende Metropole zur Zeit
der Fürstbischöfe, Werke vom frühen Mittelalter bis
zum Barock und Rokoko enthaltend? Freilich ist zu-
viel nach München gewandert. Dazu sind zum Teil
diese einst so glänzenden Städte verarmt, sie bedürfen
der Unterstützung und Hilfe. Allein vermögen sie
kaum Würdiges zu schaffen.

Von Würzburg will ich jetzt reden und von der
schweren Mühsal der schwachen Stadt. Man will das
Beste. Ihr sollte gerade jetzt der neue Generaldirektor
der Königlichen Museen Hugo von Tschudi und
sein Schaffen das Vorbild sein. Man sollte erkennen,
daß ein energievoller Direktor alles vermag. Wie
in der Bibliotheksverwaltung sich ein fester Beruf
entwickelt hat, so auch in der Museumsverwaltung.
All die Schwierigkeiten, die sich bei Museumsneu-
bauten, bei dem Aufstellen von Statuen, Aufhängen von
Bildern, Beleuchtung, nötiger Entfernung u. a. be-
treffend, ergeben, kann nur ein schulgebildeter Beamter,
der in großen Museen tätig war, bezwingen. Hierzu
kommt, daß ein verantwortlicher Leiter — und zwar
nicht nur verantwortlich vor der Stadt, sondern auch
vor dem großen Kreis der Kunstkenner— notwendig
ist. Kann man Herren, die freiwillig ihre Zeit zur
Aufstellung hingeben, die zudem jene strenge Durch-
bildung nicht gemacht haben, überhaupt Vorwürfe
machen? Mit Mühe und Not hat man jetzt über
100000 Mark zusammengebracht. Man geht zu einem
Umbau des schon aus verschiedenen Einzelteilen zu-
sammengestückelten Museums. Darum ist jetzt in dieser
schwierigen Zeit zunächst die Anstellung eines Direktors,
und zwar sofort, — nicht erst nachher, wenn alles
verbaut und verstellt ist und wo jede Besserung neue
Gelder fordert — notwendig. Wenn meine Worte
nicht wirken, so werden es die des so hochgeschätzten
Museumsleiters Dr. J. H. von Hefner-Alteneck viel-
leicht tun. Er hat einmal folgendes gesagt:

»Es ist gewiß, daß die Sammlungen des Staates
nur in dem ihren Wert besitzen, was sie zum geistigen
und materiellen Wohl des Staates beitragen. Um die
Museen in solchem Maße gewissermaßen als Schulen
nutzbar zu machen, müßten solche Männer an die
Spitze gestellt werden, welche zu solchem Fache die
Prüfung gemacht haben, wie es bei jeder anderen
Staatsanstellung verlangt wird. Für alle Stellen im
Staate existieren Schulen, Hochschulen, Staatsexamina,
nur nicht für Museen und Kunstsammlungen. Die
Folge ist, daß nur zu oft solche, die als Künstler
kein Glück machten, nur oberflächlich in jenem Ge-
biet oder sich aus Liebhaberei mit Kunst- und Alter-
tumsammeln befaßten, sich für solche Stellen als be-
fähigt erachten und sie auch häufig erhalten.« Seit-
dem hat sich die gewünschte, richtig geschulte Beamten-
klasse entwickelt.

All diese Worte sprechen nur Wünsche aus, zum
Wohl der Stadt und ihrer Kunstschätze. Würzburg
soll sich wieder erheben. Das Streben zum Besten
ist da. Dem Kunst- und Altertumsverein und vor-
züglich seinem Leiter gebührt hohes Lob. Der Histo-
rische Verein und der Verein für fränkische Geschichts-

forschung offenbaren weiter das Streben nach Einigung
und Konzentration der Franken. Das Ideal aller
Kunstfreunde ist ein großes fränkisches Museum, ein
neues Zentrum deutscher Kunst. Man sollte weit-
blickend auf Jahre hinaus schaffen, nicht hastig und
schnell. Sicher wird, besonders wenn Zielbewußtheit
und absolute Notwendigkeit erkannt werden, von
höherer Stelle aus Hilfe kommen. Die Stadt muß
ihr möglichstes in guter Überlegung tun, damit sie
würdig erscheint, ihre Sammlungen zu bewahren.
Dann sind auch Leihgaben oder gar Geschenke zu
erhoffen. Möge alles zum Besten gehen.

FRITZ KNAPP- Würzburg.

CARL FRIEDRICH SCHINKELS BILDLICHE DAR-
STELLUNGEN GRIECHISCHER HYPÄTHRAL-
TEMPEL

Von Otto Fiebiger

Die Annahme, die Mehrzahl der griechischen Tempel
sei hypäthral, d. h. ohne Dach über dem Innenraum ge-
wesen, war während der ersten Jahrzehnte des vorigen
Jahrhunderts vorherrschend1) und erhielt sich auch, unge-
achtet der namentlich von Ludwig Roß gemachten Einwen-
dungen2), von keinem Geringeren als Karl Bötticher, dem
Verfasser der Tektonik der Hellenen, wissenschaftlich be-
gründet und mit Eifer vertreten3), bis in den Anfang der
neunziger Jahre. Wilhelm Dörpfeld4) hat das Verdienst,
auf Grund einer ebenso scharfsinnigen wie treffenden Aus-
legung der Beschreibung der Hypäthraltempel bei Vitruv
(de architectura III 2, 8) überzeugend nachgewiesen zu
haben, daß dem römischen Baumeister zwar zehnsäulige
griechische Tempel mit hypäthraler Anlage bekannt waren,
nicht aber, bis auf eine Ausnahme, innen offene achtsäu-
lige Peripteraltempel5). Ferner ergaben die von Robert
Koldewey und Otto Puchstein an den griechischen Tempeln
Unteritaliens und Siziliens angestellten eingehenden Unter-
suchungen, daß die wenigen griechischen Tempel mit offe-
nem Innenraum, z. B. das Olympion zu Akragas (vgl. Dio-
dor XIII 82,1), nur darum ohne Dach geblieben sind, weil
sie nie vollendet wurden6). Steht somit fest, daß nach den
heutigen Forschungsergebnissen die Tempelcellen der Grie-
chen in der Regel nicht hypäthral, sondern mit Decke und
Dach versehen waren, so verlohnt es sich gleichwohl, um
des historischen Interesses willen einmal die von einem
so genialen Baukünstler wie Schinkel im zweiten und dritten
Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts zu Dekorationszwecken
entworfenen bildlichen Darstellungen griechischer Hypä-
thraltempel einer kurzen Betrachtung und Würdigung zu
unterziehen.

Die erste Innenansicht eines griechischen Hypäthros,
die Schinkel entwarf, stellte den Zeustempel zu Olympia
vor. Sie gehörte mit zu den Darstellungen der sieben
Wunderwerke der Welt, die der werdende Künstler 1812

1) Vgl. Karl Frdr. Hermann, Die Hypäthraltempel des
Altertums (Göttingen 1844.)

2) Vgl. L. Roß, Hellenika I 1. (Halle 1846.)

3) Vgl. K. Bötticher, der Hypäthraltempel (Berlin 1847);
die Tektonik der Hellenen II 361 ff. (Potsdam 1852.)

4) Mitteilungen des deutschen archäologischen Instituts
athenische Abteilung 1891 XVI 334 ff.

5) Vgl. dazu Joseph Dürrn, Die Baukunst der Hellenen
2. Aufl. (Darmstadt 1892) 197 ff.

6) R. Koldewey u. O. Puchstein, Die griech. Tempel
in Unteritalien u. Sizilien. (Berlin 1899) 165 f. 211.
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